Stadtschriften

Alle Fotos: © Volker Plass

Die Städte verändern sich. Je nachdem, wie man sich in der Stadt bewegt, wird einem das auffallen – oder auch nicht. Daher muss man auf manches – in all dieser Reizüberflutung – aufmerksam gemacht werden. Volker Plass schreibt in der Einleitung zu seinem Buch „Stadtschriften“, dass „vom Auto abgesehen, nichts den Charakter des städtischen Straßenraums so sehr verändert hat, wie das Verschwinden alter Geschäfts- und Firmenaufschriften.“ Und wenn er weiter ausführt, dass „unzählige liebevoll aus Metall, Glas und Neonröhren gestaltete typografische Wunderwerke mittlerweile verloren gegangen sind“, dann spürt man, dann weiß man, dass da einer in die Schriften verliebt ist, dass er bewahren will, was noch zu bewahren ist, eben das „Was über Geschäften einst geschrieben stand“, so der Untertitel des Buches.

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Plass kommt aus einer Grafikerfamilie, war von Jugend an mit Schriften vertraut, gehört also zu denen, die wissen, wie und warum Geschriebenes schön sein kann. Und dieses Wissen scheint noch vor nicht allzu langer Zeit Allgemeingut gewesen zu sein, es muss in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein diesbezügliches Bewusstsein gegeben haben. Nicht nur, dass all diese kleinen Geschäfte, die damals die Nahversorgung übernommen hatten, in unseren Tagen verdrängt werden, meint auch jeder, der heutzutage auf seinen Laden aufmerksam machen will, das „durch selbst gestaltete Klebebeschriftungen, billige Plastikbuchstaben oder schnell aufgespannte Transparente“ machen zu können. Es war ja in den 1950er, 1960er Jahren so, dass eine entsprechende Firmenaufschrift nach einer grafischen Vorlage von einem Handwerker hergestellt wurde und daher auch nicht alle Buchstaben gleich aussahen. So etwa waren die Schlussbuchstaben meist mit einem ausladenden, weit ausschwingenden Ende versehen. Auf all das wird man aufmerksam, wenn man das Buch genauer ansieht.

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Das Buch ist ein Bilderbuch. Eine Auswahl aus mehr als 13.000 Fotos, die innerhalb von fünf Jahren „auf Tausenden Kilometern mit dem Fahrrad entstanden sind.“ Die Qualität, die digitale Fotoapparate heutzutage bieten, brachte die erwünschten Ergebnisse. Und nun hat man also diese Sammlung vor sich, nicht willkürlich ein Bild nach dem anderen, sondern nach Themen gestaltet: entweder gleichartige Geschäfte, mit Aufschriften wie „Bonbons“, „Fleischhauer“, „Café“ oder „Optiker“. Dann einfach Namen, Familien- und Vornamen. Oder einfach wunderschöne oder auch sehr traurige Bilder. Manche der Schilder meint man zu kennen, wird wahrscheinlich an ihnen schon vorbei gegangen sein. Hin und wieder kann man aufgrund der Straßenschilder erkennen, wo man sich befindet, aber ansonsten hat Plass auf genaue Ortsangaben verzichtet, „um die Objekte vor professionellen Sammlern und Dieben zu schützen.“ Wobei die meisten Fotos in Wien entstanden sind, aber auch im Umland, in Graz und in großen deutschen Städten. Der Autor weiß, dass es da in den verschiedenen Städten Traditionen gibt. In manchen wimmelt es nur so von Firmenaufschriften, und in anderen findet man kaum welche, warum auch immer.

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Plass hat ganz selten nur die Aufschrift festgehalten, meist sieht man das Umfeld, den Rest des Portals, oft auch den Verfall rundherum. Viele der Aufschriften aus diesem Buch existieren schon heute nicht mehr. Darum bittet er auch, mitzuhelfen, alte Aufschriften zu retten und nennt auch die entsprechenden Adressen, an die man sich wenden kann (Stadtschrift, Buchstabenmuseum). Aber das Buch macht süchtig, es soll ja damit ein „Ansporn für eigene typografische Entdeckungsreisen durch Städte und Dörfer“ gegeben werden. Fährt man dann also mit dem Bus durch die Stadt – und der scheint mir für die Beobachtung von Geschäftsaufschriften das geeignetste Fahrzeug zu sein, weil man auf gleicher Höhe sitzt – dann lässt einen das nicht los. Ein Schild nach dem anderen zieht an einem vorbei, Massenware meist, dann aber doch auch wieder Entdeckungen, Bezeichnungen, die schon längst aus der Mode gekommen sind: Coiffeur, Philatelie… usw.

Volker Plass: Stadtschriften. Was über Geschäften einst geschrieben stand, Wien 2014.