Kitsch per Post

Immer schon war Kommunikation eines der Grundbedürfnisse des Menschen, und wenn wir heutzutage Millionen SMS und MMS durch das weltweite Netz jagen und einander von jetzt auf gleich unsere Gefühle mitteilen können, dann taten das unsere Vorfahren vor hundert Jahren auf ihre Art und Weise. Sie schickten „Kitsch per Post“. In den Jahren von 1895 bis 1920 wurden allein im deutschen Sprachraum geschätzte 50 (in Worten: fünfzig) Milliarden Postkarten verschickt. Weil aber nicht alle der produzierten Karten versendet, sondern auch gesammelt wurden, bieten diese Sammlungen nun ein weites Feld für Kulturhistoriker.

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Fritz Franz Vogel ist Kultur- und Bildwissenschaftler im schweizerischen Diessenhofen und befasst sich seit rund 20 Jahren mit inszenierter Fotografie. Seine Lizentiatsarbeit schrieb er über erotisch-pornografische Privatfotografie, Thema seiner Dissertation war die inszenierte Fotografie von 1840 bis 2005. Er besitzt eine einschlägige Sammlung von 60.000 Bildern und meinte, dass es nun an der Zeit wäre, darüber ein Buch zu machen. Denn die mediale Entwicklung der Postkarte ist größtenteils erforscht, schreibt er in der Einleitung, kaum aber die Bildwelt.

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Zweieinhalb Kilo ist das Buch schwer, wunderschön in lila Samt gebunden, in goldenen Jugendstil-Lettern ist der Titel „Kitsch per Post“ eingeprägt und durch ein ausgestanztes Fenster ist eine dem Buch beigelegte Originalpostkarte zu sehen. Natürlich sind die über zweitausend Bilder  das  Ereignis dieses Buches: Was einem da an massenindustriell produziertem Gefühl entgegenkommt, ist unwahrscheinlich. Aber der Kultur- und Bildwissenschaftler bietet Mehrwert, ihm geht es nicht nur ums Schauen, er nähert sich diesem Gefühlsansturm wissenschaftlich. Nach einer knappen Einleitung, die das Phänomen der Kitschpostkarten grundsätzlich behandelt, wird die Geschichte zum Thema, der historische Kontext. Und da macht gleich einmal Österreich den Anfang. Denn die „Correspondenz-Karte“ wurde hier am 1.10.1869 zuerst eingeführt. Dafür leitete die in Berlin-Steglitz ansässige Neue Photographische Gesellschaft den Siegeszug des mechanischen Bildreproduktionsgeschäftes ein, der „Echtphotodruck“ wurde konfektioniert.

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In weiterer Folge werden dann der maschinelle Herstellungsprozess und die manuelle Veredelung beschrieben, denn ein Viertel der schwarz-weißen Bromsilberkarten wurde händisch koloriert oder mit anderen ausgefeilten Techniken aufgeputzt. Vogel nennt die Produktions- und Verkaufszahlen, weiß natürlich auch die Preise: Sechs kolorierte Bromsilberpostkarten kosteten 35 Pfennig, also den ungefähren Gegenwert von einem Kilo Brot. Die Beschriftung ist ein weiteres Thema und dann, endlich: der KITSCH-Faktor. Der Wissenschaftler erklärt einmal historisch den Begriff: das Wort Kitsch ist „ab etwa 1860 fassbar und meinte damals eine schnelle, süffige Zeichnung (sketch), die für englische Touristen in Süddeutschland angefertigt wurde“. Diesen KITSCH-Faktor arbeitet Vogel besonders heraus und definiert dann auch dessen wesentliche Kriterien.

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Der Bildwissenschaftler eröffnet in seinem Buch neue Zusammenhänge zur „piktorialistischen Photographie“, also einer Bestrebung, „das Medium als künstlerisches und weniger als wissenschaftliches zu verstehen.“ Fotografie sollte nicht nur pure Dokumentation sein, sondern auch „mit malerischen Techniken Geheimnis und Lichtzauber untermischen.“ Nach einem Resümee, das sich dem massenmedialen Kontext widmet, beschreibt der Autor ausführlich die Motive, von den Neujahrskarten über die feiertäglichen Anlässe hin zu den Personendarstellungen (Prominente, Kinder) und den Tieren: so sind Pferde als unzertrennliches Gespann mit Frauen zu beobachten und dann, ab 1903, der Bär (Teddy Roosevelt!!!). Ausführlich ist sowieso von der Liebe die Rede, in diesem Zusammenhang auch von der Erotik, bevor dann Tod, Engel, Glaube, Liebe, Hoffnung und nationale Ausprägungen angesprochen werden.

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„Ausblick“ heißt das letzte Kapitel, in dem sich Fritz Franz Vogel den Gründen zuwendet, die zu einem Niedergang des populären Mediums geführt haben. Da führt er die fotografierenden Amateure an, dann das Telefon und letztlich „den Wechsel vom starren zum dynamischen Bild“ in den Tageszeitungen und Zeitschriften. Ja, und weil 1920 die Moderne anbrach und diese die Gefühligkeit ablöste. Aber der Autor verspricht, dass sie wiederkommt – wenn sie nicht schon da ist. Und so kann man sich lustvoll bei der Betrachtung der Bilder voll und ganz dem Zeitgeist hingeben.

Vogel, Fritz Franz: Kitsch per Post. Das süße Leben auf Bromsilberkarten von 1895 bis 1920, Wien 2014.