Edith Tudor-Hart und Wolf Suschitzky

Es war einmal in Wien zwischen den Kriegen. Da lebte der jüdische Buchhändler und Verleger Wilhelm Suschitzky in der Petzvalgasse auf der Wieden, dem vierten Wiener Gemeindebezirk. Seine Verlagsbuchhandlung „Anzengruber Verlag – Brüder Suschitzky“ war die erste explizit sozialdemokratische Buchhandlung in Wien, lag nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt, auf der anderen Seite des Gürtels, im zehnten Bezirk, in der Favoritenstraße. Wilhelm hatte mit seiner Frau Adele zwei Kinder: Edith und Wolfgang. Beide sind als Fotografen weltberühmt geworden. Edith Tudor-Hart (1908–1973) machte darüber hinaus eine unglückliche Karriere als Sowjetspionin, Wolfgang lebt 102jährig in London. Einen seltsamen Zufall nennt es Wolfgang – im Gespräch mit seinem Neffen Peter Stephan Jungk – dass dieser Joseph Petzval, nachdem die Gasse auf der Wieden benannt ist, dieser Petzval also ein Mathematiker war, der 1840 das erste Weitwinkelobjektiv – er nannte es Porträtobjektiv – entwickelte.

„Edith war die Tochter des Bruders meines Großvaters mütterlicherseits“ schreibt Jungk in seinem nun erschienenen Buch „Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart“, in dem er die Geschichten eines Lebens erzählt. Zur gleichen Zeit – noch ein Zufall – kam in diesen Tagen „Seven Decades of Photography“ heraus, das die Herausgeber Michael Omasta und Brigitte Mayr dem Werk von Wolf Suschitzky widmen.

Jungk bettet die Biographie seiner Tante in eine große, weitläufige Familiengeschichte ein. Ein wenig drängt er sich dabei vor, stellt sich und seine Recherchen in den Mittelpunkt des Geschehens, um dann doch endlich – relativ sprunghaft – das Leben von Edith zu erzählen. Wie auch immer, er weiß, wann sie sich in die Kommunistische Partei hat einschreiben lassen, wie sie zu ihrer ersten Kamera, einer zweiäugigen Spiegelreflexkamera, kam – es war das Abschiedsgeschenk eines Geliebten –, wie sie ihre ersten Versuche damit machte, später theoretisch mit Büchern ihr Wissen verfestigte. Der Vater brachte ihr Bildbände des sozialkritischen amerikanischen Fotografen Lewis Hine, der ihr weiteres Schaffen stark beeinflussen sollte. Ab 1929 besuchte sie am Bauhaus in Dessau einen Grundkurs für Fotografie, die linken Studierenden dort forderten, dass das „Medium Fotografie die Menschheit aufrütteln, sie für den Klassenkampf sensibilisieren solle“. In Wien und dann später in London setzte sie ihr theoretisches Wissen praktisch um.

Das Buch zeigt einige der Bilder aus den 1930er Jahren, darunter eines, das seitdem es im Wien-Museum vor zwei Jahren im Zuge der Ausstellung „Edith Tudor-Hart. Im Schatten der Diktaturen“ zu sehen war, für immer in meinem Gedächtnis bleiben wird: „Child staring into Bakery“, auf dem Edith ein armes Mädchen abbildet, das sehnsüchtig und voll Verlangen in die wohlsortierte Auslage einer Bäckerei starrt. Kunst und Kommerz gingen schon damals getrennte Wege. Einem Cousin, der beim Ullstein-Verlag tätig war, bot sie ihre Bilder an, der reagierte: „Besonders nette Kinder und Hunde sind manchmal auch unterzubringen, das Bild muss nur soweit überraschen, dass abgebrühte Redakteure danach greifen.“

Jungk beschreibt dann weiter das Leben von Edith, die den Engländer Alexander Tudor-Hart heiratete, weiter für die Sowjets spionierte und wie ihre Spionage-Tätigkeit das Ende ihrer Fotografinnen-Karriere bedeutete, denn der britische Geheimdienst verbot jegliche weitere Ausübung ihrer Tätigkeit. Dem Autor ist es ein aufwendiges Anliegen, mehr über die Spionageszene nach dem Zweiten Weltkrieg zu erfahren, er gibt aber dennoch auch ein sehr intensives Bild der Zeit, nennt eine Unzahl von Bekannten seiner Tante, deren Namen wir zum Teil auch heute noch kennen. (Da ist zum Beispiel Peter Smolka, der seinem Freund Graham Greene Geschichten aus der chaotischen Zeit im Nachkriegs-Wien erzählte, die der dann in seinem Drehbuch zu „The Third Man“ verarbeitete. Smolka, ein guter Bekannter von Robert Jungk, dem Vater des Autors, wurde mit einem Beratervertrag von der Filmfirma abgespeist, was ihn aber weiter nicht störte, er erfand die Ski-Sicherheitsbindung und wurde Millionär.) Edith starb 1973 an Leberkrebs, ihr Bruder Wolf hielt eine knappe Totenrede: „Edith hat nicht viel Glück gehabt in ihrem Leben. Einige Jahre nach dem Krieg erlitt sie einen Zusammenbruch und gab ihren Beruf auf, obwohl sie eine hervorragende Fotografin war.“

Und wenn Peter Stephan Jungk ausführlich von seiner Tante, dem Fotografieren und der Spionage erzählt und nur mit einigen Bildern eine Vorstellung davon gibt, wie Edith Tudor-Hart fotografiert hat, dann liegt in „Seven Decades of Photography“, das Michael Omasta und Brigitte Mayr in englischer Sprache herausgegeben haben, das Hauptgewicht auf den Bildern von Wolf Suschitzky, 170 ganzseitigen Schwarzweißfotografien in hochqualitativem Duotone. Auch Wolf lernte zuerst einmal das fotografische Handwerk an der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, auch er ging nach London, wo er zunächst als Fotograf arbeitete. 1937 begann er als Kameraassistent, 1942 war er schon Chefkameramann, 1950 drehte er seinen ersten Spielfilm, dem dann noch viele folgen sollten, zum Beispiel „Ulysses“, für den er den Britischen Academy Award bekam. Parallel dazu arbeitete er aber weiter als Fotograf. Er war ein Beobachter und ein Flaneur, wie bei seiner Schwester merkt man bei seinen Sozialreportagen dieses tiefe Verständnis, „die humanistische und sozialistische Tradition, die ihm seine Familie mitgegeben hat“, schreibt Julia Winckler, Universitätslektorin in Brighton, in ihrem Vorwort, und dass das oberste Gebot beim Fotografieren die Geduld sei. Wenn man sich nun die Bilder ansieht, bei deren Auswahl Suschitzky noch intensiv mitgearbeitet hat, dann kann man Entsprechungen und Beziehungen zwischen den einzelnen Fotografien herstellen. Diese Verbindungen lassen einen verharren, sich in die Bilder vertiefen. Da ist kein einfaches Durchblättern möglich. Das ist nicht einfach so aneinandergereiht, sondern in Kapiteln zusammengefasst, und die tragen dann Titel wie „telling stories in pictures“, „my point of view“, aber auch „memories“, „artists and their craft“.

Schwester Edith hat ihre ersten Fotoversuche am Wiener Riesenrad gemacht, Bruder Wolf fotografierte es ebenfalls, das Ringelspiel aber, das er dem entgegenstellt und das auch am Cover des Buches abgebildet ist, stand in London.

Jungk, Peter Stephan: Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens, Frankfurt 2015 (Alles fotografische Material von Edith Tudor-Hart ist in den „Trustees of the National Galleries of Scotland“ bewahrt).

Wolf Suschitzky: Seven Decades of Photography. Hrsg.: Michael Omasta, Brigitte Mayr, Wien 2014.

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