Valentin Groebner: Ich-Plakate

„Wirkungsoptimierte Gesichter, in deren Herstellung, Vervielfältigung und Platzierung sechsstellige Euro-Beträge investiert worden sind. Abgesehen von einigen spektakulären Verkäufen auf dem Kunstmarkt dürften Werbebilder diejenigen Bilder sein, für die im 21. Jahrhundert am meisten Geld ausgegeben wird.“ Um das einmal klar zu machen. Und dass es sich daher deswegen schon lohnt, mehr über diese „Ich-Plakate“ zu erfahren.

Der Historiker Valentin Groebner veröffentlichte unter dem Titel „Ich-Plakate“ eine „Geschichte des Gesichts als Aufmerksamkeitsmaschine“. Sein „Intro“ – man liest, dass der in Wien geborene Groebner hauptsächlich in der Schweiz tätig ist – sein Intro, also die Einleitung, lässt sich eher spröde an, bis er bekannt gibt, was er uns denn in seinem Buch über die Darstellungsmedien und noch mehr von den Übertragungskanälen erzählen will. Im ersten Kapitel beginnt er im Mittelalter mit den „wunderbaren Seh-Effekten“ der Bilder von Gesichtern. Das zweite Kapitel handelt von den Anfängen der Fotografie, das dritte von den Gesichtern in Großaufnahme, von den wiederholbaren Empfindungen und das vierte davon, wie die Fotografie zur „Lieblingstechnologie der Moderne für Andacht und magische Übertragungen“ wird. Groebner klärt also zu Beginn Begriffe, wie Identitas, Imago, Replik, Siegel, erzählt zwischendurch Geschichten und erinnert einen auch daran, wie das Christentum auch auf diesem Gebiet mittelalterliches Denken geprägt hat, dass nämlich das Gesicht das Göttliche im Menschen verkörpere, diese Gottesähnlichkeit aber durch die Erbsünde verloren gegangen wäre. Und dass Abbildungen von Heiligen selbst nicht „lebendig und handlungsfähig“ seien (was sich ja im Lauf der Jahrhunderte noch ändern sollte.) Womit einen der Autor immer wieder zu fesseln vermag, sind seine recht wirkungsvoll verdichtet hingeschmissenen Sätze, wenn er zum Beispiel über Jan van Eycks „Mann mit rotem Kopftuch“ meint, das wäre so „eine Art medialer Urknall des Konzepts vom abgebildeten Ich“. Und wahrlich, WIKIPEDIA im Internet macht‘s ja möglich, sich dieses Bild gleich anzuschauen, man versteht die diversen enthusiastischen Äußerungen zu dem Gemälde. Aber Groebner holt einen gleich wieder zurück, er verurteilt „das forsche Durchgreifen vom gemalten Gesicht auf unsichtbare Charaktereigenschaften und intime Empfindungen des und der Porträtierten.“ Ein Gedankengang, den er später noch einmal aufnehmen wird, ist der von den zwei unterschiedlichen Begriffen im Lateinischen für das Gesicht: „facies“ als Oberfläche und „vultus“, als Ausdruck der Seele. Und wenn wir schon bei den Begriffen sind, auch die Begriffswandlung des „Konterfeis“ und des „Porträtisten“ erklärt er. Ganz objektiv aber stellt er fest – und auch das wird dann später bei den Werbeplakaten immer öfter zum Thema – dass vom Gesicht auf dem Bild „dicke und mit starken Wünschen und Identifikationsmechanismen aufgeladene Kabel zurückführen zu dem, der es anschaut.“ Er kann es aber auch nicht lassen, der eigenen Zunft eins auszuwischen, wenn er vom „gelehrten Dialog unter Spezialisten“ spricht und dass in dem „eine Menge Vergnügen an der akademischen Konkurrenz zwischen Könnern stecke: ‚Das sieht man doch!!‘“.

Sie prägt schon seit nahezu 180 Jahren alles Reden über Gesichter: die Fotografie. Und um die geht es nun im Folgenden, gleich einmal über den anfänglichen Widerwillen gegenüber dem fotografischen Porträt, über die Fotografie als Lust am Inszenierten, über die Bezeichnung „Shadow“, also Schatten, für Porträt-Visiten-Karten und dann um den Begriff des Authentischen, den George Bernard Shaw ins Gespräch bringt. Veronika, die mit dem Schweißtuch, wäre die Schutzheilige der Fotografen und – so fügt Groebner nach einem Abriss über das Turiner Grabtuch hinzu – „Fotografie ist eine religiöse Technik aus dem Mittelalter“. Weiter geht es – wie im Intro angekündigt – mit den Großaufnahmen an öffentlichen Orten, wo in den 1920er Jahren schon von einer Abnutzung die Rede war. Und wie Alfred Döblin am Ende dieser 1920er Jahre „an die technisch erzeugte Wahrheit der Fotografie, im Gesicht alles zeigen zu können“ glaubte. Wenn dann von den Automaten-Fotos die Rede ist, wird der Autor auch ganz persönlich, gibt eigene Gefühle preis. Apropos Gefühle. Um diese ganz privaten Gefühle aufheben und verwalten zu können, tragen wir alle die Bilder von denen mit uns (zum Beispiel im Smartphone), die nicht bei uns sind „mit der beschwörenden Versicherung, irgendwann wieder zu ihnen zurückzukehren.“ Und noch einmal Gefühl: „Gefühlsingenieure“ heißt das Kapitel, in dem von den Werbern die Rede ist, die als Vermittler arbeiten, „erinnerte in aktuelle Bilder übersetzen, altes Material in neue Formen anverwandeln, an neue Inhalte koppeln und in diejenigen Formate übertragen, die für die anvisierte Zielgruppe am passendsten sind.“ Denen, die die Werbebilder als Lüge und Manipulation beklagen, hält Groebner entgegen, ob sie meinten, dass es wahre und richtige Bilder im öffentlichen Raum gebe, wenn es um vervielfältige Gesichter ginge. Im abschließenden Ausblick holt er den byzantinischen Bilderkult der Spätantike in unsere Zeit und auch das christliche Denken des Mittelalters als solide historische Basis, indem er die Kunsthistorikerin Marie-José Mondzain zitiert, die sagt: „Die Fotografie lade uns ein, zu unserer eigenen, nicht von Menschenhand gemachten Ähnlichkeit zurückzugehen.“ Dann überrascht er noch mit dem Gedanken, dass die Technologie der digitalen Datenübertragung und Vernetzung sehr wohl einen Vorläufer in der Renaissance habe, aber nicht den Buchdruck, wie vielleicht viele annehmen könnten, sondern die Verbreitung von Spiegeln. Das „selfie“ – 2002 zum ersten Mal erwähnt, weiß der Historiker, und 2013 vom „Oxford English Dictionary“ zum Wort des Jahres gewählt – ist nicht nur das Spiegelbild des eigenen Gesichts, sondern nach außen gewendet, also digital verschickt, für alle anderen sichtbar. Aber, wissen wir, wie wir selber aussehen? Wollen wir uns so sehen, wie wir abgebildet sind? Das sind Fragen, die Valentin Groebner am Ende stellt. Und, ob wir in Wirklichkeit nicht erleichtert sind, „dass es nicht das eigene Gesicht ist, das da zu sehen ist – in Farbe, ganz groß, und überall in der gesamten Fußgängerzone.“ Wie auch immer, nach der Lektüre dieses Buches geht man anders – mit anderen Blicken auf die Plakatwände – durch die Stadt.

Valentin Groebner: Ich-Plakate Eine Geschichte des Gesichts als Aufmerksamkeitsmaschine, Frankfurt/Main 2015.

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