Hamburg: „Jugendstil. Die große Utopie“

Alle Fotos: Dirk Fellenberg/Martin Luther

Eine aufsehenerregende Ausstellung hat derzeit das Hamburger „Museum für Kunst und Gewerbe“ zu bieten. Aus Anlass der Neuaufstellung des Bereiches der Kunst um 1900 haben die Kuratorinnen Claudia Banz und Leonie Beiersdorf eine imposante Schau zusammengestellt, in der die Aufbruchsstimmung des Jugendstils in ihrem internationalen und geistesgeschichtlichen Kontext genau und vor allem sehr anschaulich dokumentiert wird.

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„Es geht uns nicht um Stilmerkmale, sondern um das Lebensgefühl, das diese Zeit bestimmt hat“, erläuterte die MKG-Direktorin Sabine Schulze gegenüber dem NDR die Zielsetzung der Ausstellung: „Man fühlte sich im Aufbruch, war sehr euphorisch, sah aber durchaus auch schon die Schattenseiten dieser hohen Zivilisation, Industrialisierung, Kinderarbeit. Die Frauen forderten die Gleichbehandlung, Sigmund Freud öffnete den Blick auf das Seelenleben des Menschen. Genau dieses ideengeschichtliche Umfeld versuchen wir hier einzubringen. Es geht nicht nur um schöne Objekte, die haben wir selber gesammelt. Wir haben auch zusätzlich Objekte ausgeliehen. Und immer hinterfragen wir: Was sollte das bewirken? Die Gesellschaft verbessern, den Menschen verbessern.“

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Gemäß diesem Anspruch werden nicht nur Architektur, Möbel, Gebrauchsgegenstände, Grafik, Malerei und Fotografie aus der Zeit präsentiert, sondern es wird diese Epoche auch in ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Dimension beleuchtet. Die Schau macht deutlich, wie sich die Künstlerinnen und Künstler des Jugendstils den Fragen der Zeit stellten und versuchten, mit ihren Arbeiten neue schöpferische Wege in die Zukunft zu aufzuweisen. Dies begann mit den sozialistischen Vorstellungen des vielfältigen Kunsthandwerkers William Morris und reichte über die Erlösungsfantasien der Wiener Secessionisten bis zum massentauglichen Industriedesign von Peter Behrens.

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Auch die Geschlechterrollen von Mann und Frau wurden neu ausverhandelt, fortschrittliche Kräfte verlangten massiv das Wahlrecht für Frauen und deren ungehinderten Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen. Fragen der Nationalität bekamen eine neue Bedeutung, die ökonomischen Umbrüche ließen die soziale Frage immer dringlicher werden. „Kreative Gestaltung wird als Mittel der Weltverbesserung ernst genommen, der neue Mensch sucht zu seiner Selbstfindung neue ästhetische Mittel“, so Sabine Schulze im Vorwort des über 200 Seiten umfassenden Ausstellungskataloges.

Weitere Hinweise:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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