Zeichner als Reporter

Coverausschnitt von „Zeichner als Reporter“

Die Zeichnung erlebt ein Comeback. Lasen wir dieser Tage, dass ein amerikanischer Kunststudent begonnen hat, während Partys die Besucher nicht mehr zu fotografieren, sondern mit dem Farbstift zu zeichnen und dass daraus schon ein Trend entstand, der sich über die Partyszene hinaus fortsetzen und auf andere festliche Anlässe, wie Ausstellungseröffnungen und Hochzeiten, ausweiten soll, so erschien vor nicht allzu langer Zeit eine Publikation mit dem Titel „Zeichner als Reporter“. Als Herausgeber fungieren das Cartoonmuseum Basel in Zusammenarbeit mit der Studienrichtung Illustration an der Hochschule Luzern-Design & Kunst.

Anette Gehrig, die Leiterin des Cartoonmuseums Basel, gibt im Vorwort einen kurzen Abriss über die Zeichnung als journalistisches Medium, entstanden im 19. Jahrhundert, als sich illustrierte Reiseberichte und Reportagen einer wachsenden Popularität erfreuten. Und das erinnert an Andreas Kloners Sammlung „Spektakuläre Unglücksfälle im Alten Wien“, in dem er eine Auswahl aus Artikeln des „Illustrierten Wiener Extrablattes“ aus den Jahren 1872–1928 herausbrachte. All diese spektakulären Unglücksfälle wurden damals – kunstvoll dramatisch inszeniert – mit der Hand gezeichnet.

 

Zurück zu „Zeichner als Reporter“, zum Vorwort von Anette Gehrig: Nun „erlebt die Zeichnung als Mittel der Dokumentation eine Renaissance“. Begonnen hat damit der mittlerweile weltberühmte Comiczeichner Joe Sacco und mittlerweile wird an der Hochschule Luzern-Design & Kunst die Kombination von Autoren-Illustration und Journalismus vermittelt. „Die Studierenden werden ermutigt, nach neuen Ansätzen der gezeichneten Reportage zu suchen.“ Die nun vorliegende Publikation beginnt vorerst einmal damit, Begriffe zu klären. „Visual Essay“ ist sowohl eine eigene Erzählform als auch der Oberbegriff, zu dem dann auch noch der Reportagecomic gehört.  („Im Reportagecomic folgt die Erzählung einer sequenziellen Dramaturgie.“ Beim „Visual Essay“ bedeutet „Visual“, dass mit Gezeichnetem informiert wird und „Essay“, die Ähnlichkeit mit der literarischen Form in ihrer ästhetischen Argumentation und eben der experimentellen Bildsprache – wobei man in Luzern mit allgemeingültigen Definitionen vorsichtig ist, die sollten auf jeden Fall formbar bleiben.) Der Unterricht dort positioniert sich näher bei der Literatur als bei der modernen Kunst. Zeichnen sieht man als einen Weg, „der Welt zu begegnen, als einen Versuch sie in Bildern zu verstehen und darzustellen, wo Worte allein versagen.“ Bildsprache müsse nicht allein den Comics und den Kinderbüchern überlassen bleiben, sondern es sollten auch journalistische Themen damit angegangen werden. Natürlich ist das ein langsamerer Journalismus, bei dem zuerst das „Ich war da, ich hab das erlebt“ steht, und dann in langer Arbeit das gesammelte Material verdichtet wird. Denn das Konzept ist nicht vom Anfang an da, es ergibt sich erst aus den Eindrücken, aus den zeichnerischen Reaktionen und dann der Umsetzung. Die muss aber so sein, dass auch andere an der Geschichte interessiert sind. Der Zeitfaktor spielt dann auch noch eine Rolle, der „Visual Essay“ wird nie tagesaktuell sein können, es braucht Wochen von der Idee bis zur fertigen Ausführung, und er benötigt viel Platz, viel Raum, so dass er sich eher für Magazine anbietet.

Wie es denn mit der objektiven Berichterstattung aussähe, wird dann noch gefragt. Die Antwort darauf ist, dass stets erkennbar bleibt, „dass es um die Wiedergabe einer Interpretation geht. Die Autorschaft ist immer präsent: im Zeicheninstrument, im Ausdruck, im Augenblick des Zauderns, in jeder Linie. Es wird nie behauptet, dass etwas so sei, sondern nur, dass der Zeichner es so sieht.“ Und, darüber muss man sich auch im Klaren sein: Es macht Mühe, diese „Visual Essays“ zu verstehen, es gibt ja keine Hilfestellungen, der Leser ist im Entziffern, im Auflösen auf sich allein gestellt.

Nach dieser Grundsatzdebatte führt Anette Gehrig ein Interview mit dem Star der Szene, mit dem Journalisten und Comiczeichner Joe Sacco. Da geht es unter anderem auch darum, was denn bei der Comicreportage anders wäre als bei einer geschriebenen Geschichte und wie seine Arbeit nun praktisch aussähe. Den größten Teil der Publikation nehmen aber die 23 Beiträge ein, die kein „Best-of“ sein, sondern als Grundlage für Diskussionen dienen sollten. Die Themen dieser „Visual Essays“ sind grundverschieden, es geht darin um Träume, Sozialreportagen, Phantastisches, Vegetarisches, Erotisches, Medizinisches, Pathologisches, ja, um Verschiedenstes. Und es wird eine ganz subjektive Auswahl sein, die man als ein Betrachter trifft, wenn man da mit einem neuen, höchst interessanten Medium konfrontiert wird. Vor allem durch die vorerst ungewohnte, neuartige Kombination aus geschriebenem Wort und der Zeichnung, sei die nun mit dem Zeichenstift, dem Pinsel, der Tuschfeder. Was auch optisch gleich einmal auffällt, sind  die starken, grafischen Akzente.

Kloner, Andreas: Spektakuläre Unglücksfälle aus dem Alten Wien, Wien 2015.
Thomé, Pierre – Anette Gehrig – Yves Nussbaum (Hrsg.): Zeichner als Reporter, Basel 2015.