Krieg an der Wand

Ausschnitt aus einem Plakat von Carl Tips, Deutschland, 1915

Erik Eybl ist ein überaus aktiver Sammler von historischen Plakaten, der unermüdlich seinen beachtlichen Bestand an Dokumenten in Ausstellungen, Vorträgen und Publikationen einem breiteren Personenkreis nahebringt. In Zusammenhang mit den Gedenkaktivitäten zum Ersten Weltkrieg stellte er nicht nur eine sehenswerte Ausstellung im Innenministerium in Wien aus seinen Beständen zusammen und unterstützte die gelungene niederösterreichische Landesausstellung „Jubel & Elend“  großzügig mit Leihgaben, sondern er hat auch gemeinsam mit dem jungen Historiker Stephan Knott die repräsentative Publikation „Krieg an der Wand. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der Plakate“ herausgebracht.

Trotz der 772 Abbildungen ist das Buch durchaus kein reiner Bildband, sondern aufgrund des ausführlichen Textteiles eine umfassende und profunde Geschichte des Ersten Weltkriegs. Die Plakate werden dabei nicht als bloße Illustrationen zu den dramatischen Ereignissen gesehen, sondern von den Autoren als wertvolle historische Quellen präsentiert. Erik Eybl schreibt in seiner Einführung zu „Krieg an der Wand“, dass das Plakat trotz seiner künstlerischen Bezüge immer noch eine „Hauptfunktion“ zu erfüllen habe, nämlich die der „Information und Verführung“: „Neben seiner mehr oder minder künstlerischen Qualität war und ist es eine Abbildung der Gesellschaft seiner Zeit, eine historische Quelle ersten Ranges. Bis zum Siegeszug des Radios waren Plakate die einzigen echten Massenmedien, weit wirkungsvoller als Zeitungen. Sie waren das Instrument mit dem die Obrigkeit ihre Untertanen, die Behörden ihre Bürger, die Wirtschaft ihre Kunden und die Kunst ihre Bewunderer erreichte.“

Entwurf: Anonym, Deutschland,1917

Entwurf: Anonym, Deutschland,1917

So können anhand von Plakaten die verschiedenen Aspekte der historischen Entwicklung, die von der Politik bis zu Details des Alltagslebens reichen, dargestellt werden. Gerade die extreme Not an Nahrungsmitteln und Rohstoffen während des Krieges wird mit einer Reihe von Aufrufen eindrucksvoll dokumentiert: So sollte man Metalle zur Waffenproduktion sammeln, Kaninchenfelle für das Heer, Obstkerne zur Ölgewinnung, Eicheln als Kaffeeersatz und Kastanien, um mit ihnen in geriebener Form den Brotteig strecken zu können.

Nicht nur das Ende des Krieges wird in dem Buch mit eindrucksvollen Dokumenten belegt, sondern es wird in einem sehr interessant illustrierten Kapitel auch der Mythisierung dieses tragischen Geschichtskapitels in einer Reihe von Theater- und Filmplakaten bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nachgegangen. „Krieg an der Wand“ ist somit eine Publikation, die weit über die Gedenkaktivitäten zum Ersten Weltkrieg hinaus Bestand hat.

Eybl, Erik – Stephan Knott: Krieg an der Wand. Der Erste Weltkrieg in Spiegel der Plakate, Klagenfurt 2014.