DADA ist wieder da

DADA von Martin Mittelmeier

Hundert Jahre nach den ersten dadaistischen Äußerungen im Zürcher Cabaret Voltaire wird DADA wiederbelebt. Aber nicht nur in Zürich wird das Jubiläum begangen, auch die Buch-Verlage wetteifern darin, DADA neu zu präsentieren. Im Folgenden ein kurzer Überblick und eine mehrdeutige Begriffsbestimmung, in der geklärt wird, was man sich denn alles unter DADA vorstellen kann. Ja, und die Frage, warum man hier, an dieser Stelle, über DADA liest, wo auf AUSTRIAN POSTERS doch das Optische primär einmal das Sagen hat, wird auch beantwortet.
 
Was also ist DADA?
„DADA gilt als der explosivste, konsequenteste, schrillste und vielfältigste Versuch, Kunst, Literatur und Sprache aus den Fängen bürgerlicher Ideologie zu befreien, sie der Musealisierung und Intellektualisierung zu entreißen und mit den Forderungen des täglichen Lebens zu konfrontieren.“ (Martin Mittelmeier in „DADA. Eine Jahrhundertgeschichte“)
„Destruieren, Demolieren, Deformieren, Protestieren können Vergnügen bereiten – auch und gerade in Zeiten, in denen es sonst nichts zu lachen gibt. Unter solchen Bedingungen entstand DADA mitten im Ersten Weltkrieg, dessen Macher und Ideologen der Dadaismus verachtete und verhöhnte.“ (Hermann Korte und Kalina Kupczynska in „Dada zum Vergnügen“)
„DADA war keine verrückte Kuriosität; sondern in Wirklichkeit eine äußerst sensible und vielfältige Antwort auf die Destruktion der Zeit, zu deren großen Errungenschaften die Massenschlachten und der Massenmord gehörten.“ (Karl Riha in „DADA 113 Gedichte“)
„Dada ist NICHTS, also ALLES… Dada war eine nach allen Seiten hin offene, internationale Bewegung.“ (Andreas Puff-Trojan im „dada Almanach“)

Trojan gab den „dada Almanach“ zusammen mit H.M. Compagnon heraus. Wer immer das sein mag. Kann sein, dass sich hinter dem „Compagnon“ ein DADAistischer Scherz verbirgt. Mit diesem Almanach soll ein Querschnitt durch die einschlägige Buchproduktion begonnen werden, wobei das Schwergewicht auf dem Optischen liegen wird. Alexander Puff-Trojan erschien es unverzichtbar, die Texte adäquat in Szene zu setzen. Er meint, „dass es nicht nur eine, konkrete Vorlage gegeben habe, aber vor allem in Dada-Berlin spielte die Typographie eine zentrale Rolle: Seltsame Hände, die aus dem Nichts auftauchen, verschiedene Buchstabentypen, die durcheinanderpurzeln, Heftseiten, die mal rosa, mal mehrfarbig dem Leser entgegenspringen. Und dann natürlich die berühmten ‚Plakatgedichte‘ von Raoul Hausmann. Nicht zu vergessen die großartigen Bild- und Wortcollagen und Montagen von Hausmann, Hannah Höch und John Heartfield.“

Da fiel das Wort Collage. Collage ist eine Erfindung von DADA. Das erste Gedicht im „dada Almanach“ ist „Um ein dadaistisches Gedicht zu machen“ von Tristan Tzara und beginnt mit einer Anleitung zur Erstellung einer poetischen Collage: „Nehmt eine Zeitung./Nehmt Scheren./Wählt in dieser Zeitung einen/Artikel von der Länge aus, die/Ihr Eurem Gedicht zu geben/ beabsichtigt./ Schneidet den Artikel aus./ Schneidet dann sorgfältig jedes/Wort dieses Artikels aus und gebt/sie in eine Tüte./Schüttelt leicht./Nehmt dann einen Schnipsel nach/dem anderen heraus……“ usw. usw…

Hugo Ball, einem der Gründerväter von DADA, erschien das DADA-Getriebe im Cabaret Voltaire, also dem Lokal, in dem DADA vor hundert Jahren gegründet wurde, es erschien ihm als „Narrenspiel aus dem Nichts“, als „ein Spiel mit den schäbigen Überbleibseln“ der verflossenen Kulturperiode. Bilder und Texte aus Zeitungen, Reklamen, Plakaten wurden montiert und so Collagen hergestellt. Der vorhin schon erwähnte Raoul Hausmann, auch ein DADA-Mitbegründer, schrieb: “Wozu Geist haben in einer Welt, die mechanisch weiterläuft“. So meint Karl Riha, dass die DADA-Künstler die Collagen und Montagen aufgegriffen hätten und in komisch-absurdistischer, oder bissig-satirischer Weise nutzten. „Es gab keine avantgardistische Bewegung des 20. Jahrhunderts, die so konsequent auf Lachen und Verlachen, Spaß und Spott, Zynismus und Clownerie, Ironie und Selbstironie gesetzt hat wie der Dadaismus.“ Das alles aber musste unter die Leute. „Optophonetisch“ nannte Raoul Hausmann seine Plakatgedichte. Denn die mussten Ohr und Auge überraschen. Aus dieser Anti-Kunstbewegung wurde aber im Lauf der Zeit eine Avantgarde-Kunst. Die DADAisten wollten sich vom Expressionismus, einer zeitgleich entstandenen Kunstrichtung, abgrenzen, weil der „doch nur wieder zu den abstrakt-pathetischen Gesten zurückgefunden habe, die ein inhaltloses, bequemes und unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben.“

Der „dada-Almanach“, „Dada zum Vergnügen“ und „Dada 113 Gedichte“ geben einen Überblick über die Künstlerinnen und Künstler und auch die DADA-Spielorte – denn von Zürich aus ging es in die weite Welt, nach Genf, Berlin, Köln, Paris und New York. Nach Wien kam DADA nicht, machte aber – weiß Raoul Schrott – in Imst halt. In den zwei Sommern 1921 und 1922 ereigneten sich dort amouröse Verwicklungen, und der Pariser DADAist André Breton besuchte 1921 Sigmund Freud. Der Österreicher Walter Serner las den DADAisten die Leviten: „Auch sie werden einst sterben und Rechenschaft geben müssen vor der Angst ihrer Todesstunde von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben.“ Das weiß Martin Mittelmeier, er schrieb „DADA Eine Jahrhundertgeschichte“. Er verfolgt das Werden der Bewegung, erzählt die Biographien der Beteiligten, gibt dem Ganzen einen Zusammenhalt. So weiß er – um endlich wieder auch auf ein optisch-grafisches Medium zu kommen – Mittelmeier weiß, dass Hugo Ball Fotopostkarten verschickte und dass diese Fotopostkarten die meisten Kabarettkünstler von sich anfertigen ließen, um sie gleich nach ihrer Nummer im Publikum verkaufen zu können. Die Fotopostkarte von Hugo Ball ist mittlerweile eine DADA-Ikone, man sieht darauf Ball selbst in kubistischem Kostüm, als Schamanen.„Dada war kein Anfang, wohl aber ein Ende“, schrieb Benjamin Péret, der sich später dann – wie viele aus dem DADA-Dunstkreis – dem Surrealismus zuwandte. Sophie Taeuber-Arp, Ausdruckstänzerin und Kunsthandwerkerin, die durch Hans Arp zu DADA gekommen war, wurde eine Pionierin des Konstruktivismus und der Konkreten Kunst. Christoph Schlingensief, so Alexander Puff-Trojan, wäre jemand gewesen, der im Sinne DADAs agiert hätte. Um am Ende doch noch auf Österreich zu sprechen zu kommen: Manche meinen, dass die Wiener Gruppe rund um H.C. Artmann und Gerhard Rühm und später dann Ernst Jandl ihren Ursprung im DADAismus gehabt habe.

Ausstellung:
„Obsession Dada“ in der Krypta des Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, 8001 Zürich (Das Cabaret Voltaire gibt auch einen Stadtplan mit Orten der Dada-Bewegung heraus unter dem Titel „Da, da und da hats Dada in der Stadt). Mehr Informationen findet man auf zürich dada 100
 

Bücher:
Mittelmeier, Martin: DADA. Eine Jahrhundertgeschichte, München 2016.
Korte, Hermann – Kalina Kupczynska (Hrsg.): Dada zum Vergnügen, Ditzingen 2015.
Riha, Karl (Hrsg.): DADA 113 Gedichte, Berlin 2009.
Puff-Trojan, Andreas – H.M. Compagnon (Hrsg.): dada Almanach,
Zürich 2016.

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