Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino

Anonym, Werner Krauss, Conrad Veidt und Lil Dagover in „Das Cabinet des Dr. Caligari“, 1919, Silbergelatine, Österreichisches Filmmuseum

Als „bewegtes Photo“ hat der Schriftsteller Joseph Roth einmal den Film bezeichnet, und mit der aktuellen Schau „Film-Stills. Fotografien zwischen Werbung, Kunst & Kino“ geht man in der Wiener Albertina auf diese Grundform des bewegten Bildes zurück. Doch es sind nicht irgendwelche Prints einzelner Kader, die da gezeigt werden, sondern sehr präzise ausgewählte, ästhetisch anspruchsvolle Dokumente aus der Filmgeschichte. Die beiden Kuratoren der Ausstellung, Astrid Mahler und Walter Moser, haben für die Präsentation 130 meist schwarz-weiße Fotografien aus dem Zeitraum von 1902 bis 1975 zusammengestellt, sodass man wesentliche stilistische Entwicklungslinien im Film aber auch in der Fotografie vom emotionalen Piktoralismus über den aufgeladenen Expressionismus bis zur Coolness der 1960er Jahre nacherleben kann.

„Die Aufgaben von Film-Stills sind klar definiert“, heißt es in der Ausstellung: „Als Werbe- bzw. Pressematerialien dienen sie der Bewerbung von Filmen. Neben Trailern, dem Filmjournalismus und anderen Werbemaßnahmen wie Plakaten prägen Stills wesentlich die Erwartungshaltung, die einen Film zum Zeitpunkt seines Kinostarts umgibt. Nicht die authentische Wiedergabe des Films, sondern die Anfertigung visuell appellativer Bilder ist demnach von Bedeutung.“

Sam Shaw, Marilyn Monroe und Tom Ewell in Das verflixte siebente Jahr, Regie: Billy Wilder, 1954, Silbergelatinepapier, C. Sam Shaw Inc.- licensed by Shaw Family Archives, Privatsammlung

Sam Shaw, Marilyn Monroe und Tom Ewell in „Das verflixte siebente Jahr”, Regie: Billy Wilder, 1954, Silbergelatinepapier, C. Sam Shaw Inc.- licensed by Shaw Family Archives, Privatsammlung

Auf diesem Weg konnten so manche Film-Stills eine Eigendynamik entwickeln, die bisweilen den eigentlichen Film, zu dem sie gehören, überstrahlt. Gut zu beobachten ist dies etwa bei jenem Bild, das Marylin Monroe in Billy Wilders Film „The Seven Year Itch“ („Das verflixte siebente Jahr“) mit wehendem Rock über einer U-Bahn-Entlüftung zeigt – es wurde nicht nur zu einem dauerhaften Markenzeichen der Schauspielerin, sondern darüber hinaus zu einem wesentlichen Belegstück im Bildinventar des 20. Jahrhunderts. Kein Zufall also, dass gerade diese Szene, die es im Film in dieser Form gar nicht gibt, auch immer wieder für die Gestaltung entsprechender Filmplakate herangezogen wurde. Es war dies eine Methode, die vom Beginn der Film-Werbung  an sehr gebräuchlich war, wie etwa auch ein Interview mit Margit Doppler zeigt, in dem Doppler im Gespräch mit Christian Maryška über die Vorgangsweise bei der Gestaltung ihrer Filmplakate in der Zwischenkriegszeit sagte: „Ich habe einen Stoß Schwarzweißfotos von jedem Film bekommen. Da konnte ich mir ein Foto als Vorlage aussuchen. Und dann musste ich bei der Voraufführung der Verleihfirma dabei sein, damit ich eine Vision habe, was ich mache. Aber es gab nicht immer eine Voraufführung.“

Horst von Harbou, Brigitte Helm in Metropolis, 1927, Silbergelatine, Österreichisches Filmmuseum, © Horst von Harbou - Deutsche Kinemathek

Horst von Harbou, Brigitte Helm in Metropolis, 1927, Silbergelatine, Österreichisches Filmmuseum, © Horst von Harbou – Deutsche Kinemathek

Besonders schön ist diese Affinität von Film-Stills zu Filmplakaten am Werbeaufwand für Fritz Langs „Metropolis“ zu beobachten. Deutlich sind da die Plakate an Szenenfotos des Films orientiert, wie etwa jenes von Werner Graul entworfene Berliner Plakat, bei dem ein Kinoaushang-Bild der Hauptdarstellerin Brigitte Helm geschickt in ein wirkungsvolles Plakat umgesetzt wurde.

Dieser spezielle Bezug wird in der Ausstellung zwar nicht aufgezeigt, jedoch dokumentiert ein anderes Beispiel, nämlich jenes des Italowesterns „Once Upon a Time in the West“ („Spiel mir das Lied vom Tod“), wie ein Szenenfoto direkt zum Plakatsujet werden konnte.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher und informativer Katalog erschienen, in dem Walter Moser, Roland Fischer-Briand, Astrid Mahler und Winfried Pauleit verschiedene Aspekte des Themas vertiefend darstellen. In seinem Beitrag zu „Form und Vertrieb der Filmauswertungsfotografie“ kommt Roland Fischer-Briand dann zur Konklusion: „Wenn eingangs dieses Textes konstatiert wurde, dass Film-Stills dem Film außerhalb der Projektion zur Sichtbarkeit verhelfen, so kann abschließend hinzugefügt werden, dass sie dies über differenzierte Bildformen, elaborierte Bildproduktionen und ausgeklügelte Einsatzbereiche tun, die im Kontext der angewandten Fotografie ihresgleichen suchen.“

Film-Stills. Fotografien Zwischen Werbung, Kunst und Kino. Photographs between Advertising, Art, and Cinema, Heidelberg 2016.

Weitere Informationen:
Albertina

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