Bücher: Ihre Geheimnisse und wie diese gelüftet werden

Detail aus dem Buchcover von „Konzeptionelles Buchgestalten“ von Walter Pamminger

Die Reihe „Ästhetik des Buches“ aus dem Wallstein Verlag war an dieser Stelle schon Ausgangspunkt einschlägiger Überlegungen. Herausgeber ist der Buchgestalter Klaus Detjen. Die Reihe soll – so Nikola Medenwald, die Programmleiterin Literaturwissenschaft bei Wallstein – ein leidenschaftliches Plädoyer für das gedruckte Buch sein. Ziel ist es, herauszuheben, dass die Form und die Materialität des Buches Funktionen ermöglicht, die andere Medien gar nicht oder zumindest nicht im gleichen Maß übernehmen können. Diskutiert wird der Gegenstand „Buch“, seine Optik, Haptik und Formgebung, seine Funktionen und Wirkungen, aber auch die Tradition der Typografie und der Buchgestaltung. Apropos Haptik, da meint Medenwald, dass ein Band, der sich dem Papier widmet, sicherlich hervorragend in der Reihe aufgehoben wäre. Für nächstes Frühjahr ist ein Band über die Geschichte des Fotobuches geplant, aber nun zum hier und jetzt.

Walter Pamminger veröffentlicht nun in dieser Reihe seine Überlegungen über „Konzeptionelles Buchgestalten“. Er lebt und arbeitet in Wien als Chemiker, Buchgestalter, Autor und Kurator und stellt gleich einmal am Anfang drei Fragen: ob es denn Sinn ergäbe, „über ein altbewährtes Medium gestalterisch neu nachzudenken, ob es zeitgenössisch gestaltete Bücher geben könne und solle und wie aus einem Buch wieder etwas Fremdes und Unvertrautes werden könne.“ (Das ist auf jeden Fall einmal originell formuliert: fremd und unvertraut!!! Darüber kann man eine Weile nachdenken.) Obige Problemstellungen brachten ihn also zum „konzeptionellen Buchgestalten“. Darunter versteht er „den Versuch, Strukturen des Inhalts im weitesten Sinne mit der spezifischen Struktur des Buches in Einklang und intensiven Dialog zu bringen.“ Der entscheidende Aspekt dabei ist für ihn die Idee, sie sei die „Maschine, welche die eigentliche Gestalt produziert.“ Er hält sich in seinem Text nicht lange mit konventionellen gestalterischen Aufgaben auf, sondern macht seine „konfigurierenden Gestaltungskonzepte“ zum Thema. Dabei nimmt er mit den beiden Begriffen Typus und Topos Anleihen bei der Architekturtheorie, wo der Typus das Optimale, Ideale, Allgemeingültige bedeutet und der Topos das Individuelle, Besondere, Einmalige. Pamminger macht immer wieder auf die verwandtschaftlichen Beziehungen von Buch und Bau aufmerksam, im Buch sieht er „die fünfte Ecke des Zimmers“, das zu gestaltende Buch stellt er sich „wie ein kleines, portables  Bauwerk“ vor. Er schreibt vom Buch als einem „Meta-Medium“, welches auch andere zu beherbergen vermag und dass andrerseits, jedes neuere Medium, also zum Beispiel Film und Computer „die Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten des Buches zu erweitern vermag.“ Nach diesen theoretischen Überlegungen kommt Pamminger zur Praxis, zu acht seiner Projekte. Darunter befinden sich auch Kataloge von Ausstellungen, wo er die Frage behandeln muss, welche Folgen es denn für Kunst – besonders für Installationskunst – hätte, wenn sie von den Ausstellungswänden in die Seiten eines Buches wandere. Bei dieser Reproduktion geht es ihm um „Re-Generierung, um Re-Animation der künstlerischen Objekte – und nicht um ihre naive Replik.“ Dem Buch, diesem „seltsamen Ding zwischen mobilisierbarer Statik und passiver Dynamik“ gibt er „das Potential, als ein Prüfstand der Künste zu fungieren. Apropos Künstler, denen unterstellt der Autor „tendenziell Geheimnisse zu schaffen“, wohingegen die Designer – in seinem Verständnis – das Gegenteil machen, indem sie diese lüften. „Mit Realitätsbezug, Verbindlichkeit und Intersubjektivität wäre Design dann enger mit Wissenschaft verwandt.“ Hier spricht er ein großes Wort gelassen aus, denn: dieses schmale Büchlein gelesen habend, kann man nicht sagen, dass er es einem leicht gemacht hätte, er verlangt ziemlich viel von seinen LeserInnen, auch ein Wissen, das weit über dem des Durchschnittskonsumenten liegt. Er verlangt viel, aber er verlangt auch für die Zukunft einiges von den BuchgestalterInnen, bzw. MediendesignerInnen: „Sie agieren wie Regisseure, Manager oder programmer, die verschiedene professionelle Fächer überblicken, reflektieren und koordinieren.“

Wie sich Pamminger das konkret vorstellt, macht er am Buch „Eine Naht aus Licht und Schwarz“, einer Graphic Novel, anschaulich. Da gab es zuerst einmal nächtliche, menschenleere Ansichten aus der Wiener Albertina, gezeichnet von Moussa Kone. Dessen Werke befinden sich auch in der dortigen Sammlung, wo er außerdem als Aufseher arbeitete. Zu diesen Zeichnungen assoziierte der Schriftsteller Bastian Schneider kurze Texte. Pamminger machte dann – ganz im Sinn seiner theoretischen Vorgaben – diverse Vorschläge zur Bild-, Text- und Seitengestaltung. „Die Bild- und Textbeiträge bilden nun vielfältige semantische Liaisonen aus, die der Kontrolle ihrer Autoren entzogen sind. Die Gestaltung wird dadurch zu einem weiteren Poesie-Faktor des Buches.“ Man kommt bei der Betrachtung dieses Buches nicht umhin, sich an Pammingers Vorgabe zu erinnern, nämlich, dass  aus einem Buch wieder etwas „Fremdes und Unvertrautes werden könne.“

Und nun muss eine Überleitung geschaffen werden zu einem der Bücher, die in diesem Herbst besonderes Aufsehen erregen. Da hilft der Schritt von der Graphic Novel zum Manga, dem japanischen Comic. Eines der fünf Bücher des 1000seitigen Romans „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ ist nämlich von der Wiener Illustratorin und Autorin Raffaela Schöbitz als Manga gestaltet worden, d.h. unter anderem, dass man es von hinten nach vorne liest. Autor des gesamten Romanwerks ist der Österreicher Philipp Weiss, der bis jetzt als Theaterautor aufgefallen ist und auch damit, dass er 2009 beim Bachmann-Wettbewerb am Ende der Lesung ein Blatt seines Textes verspeiste. Nun errang er mit seinem Werk den Platz 1 in der ORF-Bestenliste und auch sonst jede Menge Aufmerksamkeit in diesem Buchherbst. Fünf Menschen, die auf irgendeine Art und Weise in Verbindung stehen, verfassen je ein Buch, diese fünf Bücher unterscheiden sich sowohl vom Stil her als auch von der äußeren Gestaltung. Man schrieb sowohl von einem „Scheitern auf hohem Niveau“ als auch von „Größenwahn auf höchstem Niveau“, einem „Auffälligkeitswert, der durch Neuheit generiert wird“, von einer „künstlerischen Vision, der es gelingt, die Möglichkeiten des Romans zu erweitern“. Gelobt aber wird einhellig, die Arbeit von Pauline Altmann, in deren Händen die Gesamtgestaltung – nämlich Typografie, Umschläge und Schuber – lag. Altmann erhielt als freiberufliche Buchgestalterin, Typografin und Grafikdesignerin schon für einige ihrer Bücher Auszeichnungen. Sie hat jedem der fünf Bücher des Weiss-Romans ein anderes Aussehen in der Typografie und der Ausstattung gegeben. Sie zeigt damit auch, wie man als Designerin helfen kann, den Inhalt zu verarbeiten und nimmt damit eine Gegenposition ein zur Pamminger´schen Forderung ihn „fremd und unvertraut“ zu machen.

Walter Pamminger: Konzeptionelles Buchgestalten. In der Reihe „Ästhetik des Buches“ im Wallstein Verlag, Göttingen 2018.
Moussa Kone/Walter Pamminger/Bastian Schneider: Eine Naht aus Licht und Schwarz. Graphic Novel, Sonderzahl, Wien 2018.
Philipp Weiss: Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.

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