Neue Typografien

Hans & Grete Leistikow, Umschlaggestaltung der Themenhefte „Fotografie“ der Zeitschrift „DAS NEUE FRANKFURT“, Ausgabe März 1928 (Ausschnitt)

„Bitte öffnen“ steht auf der ersten Seite, dazu sieht man eine Hand, die einen Klingelknopf drückt. Auf der folgenden Doppelseite: „Aha!“. Und dann heißt‘s: „Die Zeit ist reif“. So beginnt Patrick Rössler – recht wirksam Aufmerksamkeit erregend – sein Buch „Neue Typografien. Bauhaus und mehr“ über 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland. Dieses Buch erschien begleitend zu einer einschlägigen Ausstellung in Erfurt und zu „Das Bauhaus wirbt. Neue Typografie und funktionales Grafik-Design in der Weimarer Republik“ im KunstForum Gotha. Gotha ist auch Gegenstand des Vorworts und da gleich die Bauhaus-Designerin Marianne Brandt. Überhaupt ist Patrick Rössler derzeit in Sachen Bauhaus auf dem Buchmarkt sehr präsent: Da findet man: „Bauhaus Mädels“, dann „Frauen am Bauhaus“, herausgegeben zusammen mit der amerikanischen Kunsthistorikerin Elizabeth Otto. Mit ihr hat er auch „Bauhaus Bodies: Gender, Sexuality and Body Culture in Modernism’s Legendary Art School“ verfasst. Rössler ist deutscher Hochschullehrer für Kommunikationswissenschaft mit einem Schwerpunkt zur Geschichte der visuellen Kommunikation und – selbstverständlich bei diesem Fachwissen – Kurator mehrerer Ausstellungen zum Bauhaus.

Zurück zum Band „Neue Typografien. Bauhaus und mehr“: Da folgt aufs Vorwort eine Gebrauchsanweisung, in der das Anliegen des Buches festgehalten wird, nämlich „die zunehmende Akzeptanz des funktionalen Gestaltungsprogramms als Indiz für eine formal-ästhetische Domestizierung der Avantgarde zu begreifen.” (Solche Aussagen liest man gerne noch einmal, um konzentriertes Hochschul-Deutsch mit einem von der Alltagssprache unterforderten Gehirn begreifen zu können.) Ein Überblickswerk soll es sein, „das eher bestehende Erkenntnisse zusammenfasst und bündelt, denn eigene Forschungen präsentiert.“ Zu den Abbildungen meint Rössler, „dass alle Objekte in ihrem gegenwärtigen Aussehen reproduziert wurden“, er sich also zu einer authentischen Wiedergabe entschloss. (Das wird hier noch positiv angemerkt werden!) Nach diesen einleitenden Erläuterungen wäre es angebracht, sich durch das Buch treiben, in einzelne Seiten, Abbildungen hineinfallen zu lassen. Aus dem, was Patrick Rössler an Material ausgewählt hat, konstruierte der Layouter und Gestalter Marcus Holland kongenial eine Lernmaschine zum Thema „Neue Typografie“. Gleichzeitig entstand so eines der schönsten Bücher der letzten Zeit. Wie da aus Schrift und Bild, aus Buchstaben, Druckwerken, Fotografien, Buchumschlägen, Festmappen, Werbeflyern und Plakaten der gestalterische Wille einer neuen Zeit sichtbar wird, lässt einen erkennen, wie einmalig, ja, und auch einmalig schön vor hundert Jahren alles begonnen hat.

Links: Anonym, Umschlag von BRIGITTE VON RÖDER: HELGA STUDIERT (Pappband mit Schutzumschlag), München: Delphin-Verlag 1926 / Rechts: Heinrich Jost, Werbefaltblatt, Beilage zur Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, März 1929

Der Inhalt: Im ersten Kapitel, „Innovation“, werden die Anfänge der Bewegung „Neue Typografien“ beschrieben und es wird dargelegt, wie das Bauhaus als Katalysator wirkte: Der Bauhausmeister László Moholy-Nagy formulierte das Diktum: „Typographie muss eine klare Mitteilung in der eindringlichsten Form sein.“ „Diffusion“ heißt das zweite Kapitel, da wird sowohl die nationale Offensive behandelt, wie man aus der Metropole in die Provinz ging, wie sich das „Neue Frankfurt“ erfand, als auch die internationale Bewegung. Vom „Ring neuer Werbegestalter“ ist da die Rede, der 1928 unter der Regie von Kurt Schwitters gegründet wurde. Jenem Kurt Schwitters, der ja schon in der DADA-Bewegung mit seinen eigenwilligen Collagen aufgefallen ist. Das dritte Kapitel heißt Medien und ist dem Buch und dessen (Schutz-)Umschlag gewidmet, der illustrierten Zeitung sowie Film und Foto. Bei den Buchumschlägen sieht man besonders deutlich an den Gebrauchsspuren und der Braunfärbung des Papiers, dass Patrick Rössler nur originales Material verwendet hat, das gibt den Abbildungen einen optischen Mehrwert. Faszinierend ist auch, wie Fotografie und Schrift gleichwertig eingesetzt wurden, um die Idee, die Botschaft zu transportieren.

Im Epilog wird das nicht immer rühmliche Nachleben des funktionalen Grafik-Designs unter dem faschistischen Regime aufgezeigt, dann aber auch, wie der Gedanke bei Epigonen, wie Werner Rebhuhn und Willy Fleckhaus zum Beispiel, fortlebte und bis in unsere Zeit nachwirkte. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Index und einem Bildnachweis. Und da, an den unteren Seitenrändern, sieht man Blätter aus „Mein Vogelparadies“ von Carl Ernst Hinkefuss. Dieses Vogelparadies mit seinen wunderschön vereinfachten Abbildungen ist sichtlich für Kinder gedacht. (Diese Bilder bringen einen auf hoffnungsvolle Gedanken: Wenn in unseren Tagen schon nicht an den Plakatwänden oder in Zeitschriften und auf Buchumschlägen, in Kinderbüchern feiert anspruchsvolle Grafik noch immer fröhliche Urständ. So dass den Kleinen Gelegenheit gegeben wird, schön schauen zu lernen.)

Dann ist aber noch auf der allerletzten Seite in acht Punkten aufgelistet, was „die neue tipografie“ sein soll, und da wird man wieder ganz stark an DADA erinnert, wenn abwechselnd Positives und Negatives darüber ausgesagt wird. So heißt es unter anderem: „ist russischer unsinn!“ oder „stärkt das schriftgefühl, ist der unterbau für den einheitlichen weltstil!“

Rössler, Patrick: Neue Typografien. Bauhaus & mehr: 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland, Wallstein Verlag, Göttingen 2018.

Die Ausstellung „Das Bauhaus wirbt. Neue Typografie und funktionales Grafik-Design in der Weimarer Republik“ im KunstForum Gotha ist noch bis zum 12. Mai 2019 geöffnet.

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