Ein Plakat für Josephine Baker…

Josephine Baker in der Produktion „Un Vent de Folie“ des Pariser Folies Bergère, Fotografie von Walery (=Stanisław Julian Ignacy Ostroróg), 1927 (Detail)

Als die Tänzerin und Entertainerin Josephine Baker im Jahr 1928 erstmals nach Wien kam, war sie bereits eine internationale Berühmtheit. Dies hinderte jedoch christlich-konservative und deutschnationale Kreise nicht daran, eine heftige rassistische Kampagne gegen die amerikanische Künstlerin zu entfachen. Doch auch die sozialdemokratische Wiener Stadtregierung gab sich nicht sehr aufgeschlossen und verweigerte dem für Bakers Auftritte vorgesehenen Etablissement Ronacher die Erteilung einer neuen Theaterkonzession.[1] Letztendlich konnte es im Rahmen der Revue „Schwarz auf Weiß“ im „Johann Strauss Theater” ab 1. März 1928 zu einem sechswöchigen Gastspiel von Josephine Baker kommen.

Bei den Protesten gegen Bakers Wiener Auftritt tat sich der christlichsoziale Nationalratsabgeordnete Anton Jerzabek in besonders negativer Weise hervor. Der Politiker war unter anderem auch Gründer des „Antisemitenbundes“ und damit einer der Wegbereiter einer besonders aggressiven antijüdischen Bewegung in Österreich. 1921 organisierte er in Wien einen internationalen „Antisemitentag“, in dessen Folge es zu pogromartigen Ausschreitungen kam. Am 24. Februar 1928 hielt Anton Jerzabek im Rahmen der Budgetdebatte zum Thema Bundestheater im Nationalrat eine seiner berüchtigten Reden, in der er nicht nur gegen die Premiere von Ernst Kreneks Erfolgsoper „Jonny spielt auf“ und die Jazzmusik im Allgemeinen wetterte, sondern auch gegen den Auftritt der, wie er sagte, „Halblutnegerin Josephine Baker“. Dabei ereiferte er sich besonders über ein Plakat, das gar nicht für das Gastspiel warb, sondern für den Film „Die Königin von Paris“ („La revue des revues“), in dem Baker sich selbst spielte und der parallel zu den Auftritten von ihr in den Wiener Kinos lief. Dazu Jerzabek, wörtlich zitiert aus der offiziellen Parlamentsberichterstattung: „Sie haben alle das gewisse Plakat schon gesehen, das eine gewisse Dame im Naturkostüm darstellt. (Lebhafte Heiterkeit.) Denn sie hat nichts anderes zur Bekleidung als eine Perlenschnur um die Hüften und seitlich daran angeheftet einige Straußfedern. (Neuerliche lebhafte Heiterkeit.) Die Avers- und Reversseite ist dagegen vollständig unbekleidet. Das kann man höchstens als Briefmarke bezeichnen, was sich da als Bekleidung vorfindet, aber eine andere Hülle ist das nicht. Das ist eine Kleidung, die heute vielleicht noch im Innern das Kongostaates üblich ist, in unseren Gegenden aber nur in der Zeit des Höhlenbären getragen worden ist und auch da nur im Hochsommer.“ Nach weiteren derartigen Auslassungen erregte sich der Abgeordnete auch über die seiner Meinung nach zu hohe Gage für Baker, „bloß“ – wie er wörtlich formulierte – „um das zweifelhafte Glück zu haben, den nackten Hintern einer Negerin anschauen zu können“. Das Protokoll vermerkte dazu: „Lebhafte Zustimmung bei der Mehrheit. – Lebhafte Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten.“[2]

Die abgeschmackte Borniertheit des christlichsozialen Abgeordneten vereint mit der johlenden Zustimmung der „Mehrheit“ des österreichischen Nationalrats ließen schon damals die Ansätze für spätere noch brutaler menschenverachtende Zeiten erkennen. Doch auch die Sozialdemokraten, die schon bei der Konzessionsverweigerung für das „Ronacher“ eine zwiespältige Haltung zu der Causa eingenommen hatten, traten derartigen Entgleisungen – abgesehen von „lebhaften Zwischenrufen“ – nicht in der angebrachten Entschiedenheit entgegen. Im Gegenteil: die „Arbeiter-Zeitung“ titelte ihren Bericht über die Rede von Jerzabek mit den launig sein wollenden Worten „Der Schwarze gegen die Schwarze“ und verharmloste die Sache, indem sie über Jerzabek schrieb: „Sein Auftreten gegen das Auftreten der Negertänzerin Josefine Baker weckt stürmische Heiterkeit und darauf hat es dieser Sittlichkeitsapostel mit seinen Späßen wohl auch abgesehen.“[3]

Der Gestalter des kritisierten Plakates war der renommierte Wiener Grafiker Hans Neumann[4], aus dessen Atelier drei Josephine-Baker-Plakate vom Beginn des Jahres 1928 für Film und Theater stammen. Zwei Arbeiten davon haben sich erhalten, jene für die Revue im „Johann Strauss Theater“ und das Plakat zum Film „Die Königin von Paris“[5]. Bei der dritten, nach jetzigem Stand nicht mehr vorhandenen Affiche handelte es sich laut einem Artikel zum Thema um ein Porträtplakat.[6]

Hans Neumann, Plakate, 1928

Neumann wandte sich in einem offenen Brief an den Abgeordneten und bedankte sich in ironischen Worten für die „überaus wirksame Reklame“, die Jerzabek dem Plakat verschafft hatte, wobei er jedoch monierte, dass Jerzabek in seiner Parlaments-Rede Neumann nicht als Urheber der Grafik erwähnt hatte: „Sie beklagen es, daß zur Bekleidung sich lediglich eine Perlenschnur um die Hüften und, seitlich daran angeheftet, einige Straußfedern vorfinden, die Avers- und Reversseite sei dagegen vollständig unbekleidet.
Ich stelle fest, daß einerseits die Aversseite durch die Straußfedern, die nicht nur seitlich angebracht sind, vollständig verdeckt ist und daß andererseits die Reversseite auf dem Plakat nicht sichtbar ist. Oder sind Sie, hochverehrter Herr Nationalrat, in der Litfaßsäule dringestanden?
Auf alle Fälle werde ich mir erlauben, mich künftighin beim Entwurf eines jeden Plakates mit Ihnen in Verbindung zu setzen, damit ich von Ihnen Richtlinien für die Bekleidung der Avers- und Reversseiten der Figuren erhalte.
Dagegen bitte ich Sie, lediglich um den kleinen Gegendienst, daß Sie ein jedes meiner Plakate im Nationalrat einer kurzen Besprechung unterziehen.“[7]

Die Aufregung mancher Kreise über das Plakat von Hans Neumann war jedoch damit nicht beendet, sondern die Affiche sorgte weiterhin für politische Protestmaßnahmen. Die christlichsoziale Abgeordnete zum Bundesrat Berta Pichl stellte am 23. März 1928 einen Antrag, in dem die Bundesregierung aufgefordert wurde, „die bereits in der vorigen Session ausgearbeitete, jedoch unerledigt gebliebene Regierungsvorlage für ein Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften neuerlich vorzulegen und für deren rascheste Verabschiedung Sorge zu tragen.“[8]

Berta Pichl war eine der profiliertesten katholischen Politikerinnen ihrer Zeit und hatte sich – so wie ihr Kollege Jerzabek – bereits im Kampf gegen das Stück „Reigen“ von Arthur Schnitzler in antisemitischer Weise hervorgetan.[9] An der lebhaften Debatte zu ihrer Vorlage aus dem März 1928 nahm im Bundesrat auch Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel teil, der die Notwendigkeit des Kampfes gegen „Schmutz und Schund“ auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft unterstrich.

Die sozialdemokratische Abgeordnete Martha Tausk erklärte: „Wenn wir nun mit der Referentin einer Meinung darin sind, daß Schmutz und Schund zu bekämpfen sind, so sind wir noch lange nicht einer Meinung mit ihr in der Frage, was Schmutz und Schund eigentlich sind. Darin erblicken wir ja eine große Gefahr eines solchen Zensurgesetzes.“ Die Bundesrätin erwähnte in dem Zusammenhang auch den „lächerlichen Rummel“, der wegen Josephine Baker „inszeniert“ worden sei.[10]

Bei ihren Ausführungen verstieg sich die Antragstellerin Berta Pichl im Schlusswort dann zu der Feststellung: „Was gerade die Stadt Wien an Reklame duldet, ist beispiellos. Keine andere Stadt weist auf den Plakattafeln eine ähnliche Schmutzfülle auf.“[11] Schon in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Stunde“ hatte sie im Vorfeld der Sitzung erklärt, dass der konkrete Anlass für ihre Initiative vor allem dadurch gegeben sei, „was derzeit an Plakaten in Wien geleistet wird“.[12]

Begleitet wurde Pichls Vorstoß einige Tage später durch eine nächtliche Aktion, bei der an mehreren Stellen Wiens Plakate, die leichtbekleidete Frauen zeigten – durchwegs handelte es sich um Film- und Revueplakate –, mit grauer Ölfarbe übermalt wurden. Es handelte sich, so „Die Stunde“, „um eine wohlorganisierte Arbeit, die verwendete Farbe ist in allen Fällen die gleiche. Es wird angenommen, daß es sich um die Arbeit einer völkischen Jugendorganisation handelt, die mit dem im Bundesrat eingeleiteten ‚Kampf gegen Schmutz und Schund‘ zusammenhängt.“[13]

Die nachhaltigsten Reaktionen in Zusammenhang mit dem „Schund- und Schmutzgesetz“ gab es jedoch von dessen Gegnern. So fand am 16. April 1928 im Wiener Künstlerhaus eine Protestversammlung verschiedener Schriftstellervereinigungen statt. Dem prominenten Teilnehmerkreis, der sich gegen die Pläne der Christlichsozialen wandte, gehörten Autoren von Hugo von Hofmannsthal bis zu Anton Wildgans und von Richard Beer-Hofmann zu Max Mell an.[14]

Namens des „Verbandes Österreichischer Reklamefachleute“ formulierte auch Vorstandsmitglied Rudolf Bach seine Vorbehalte gegen die geplante Gesetzesinitiative: „Ich denke da zum Beispiel an den Sturm im Wasserglase, den die Affichierung des ‚Baker‘-Plakates hervorrief. Eine Angelegenheit von so unendlicher Bedeutungslosigkeit gegenüber dem gigantischen Elend, mit welchem unsere Wirtschaft kämpft.“[15] Kurt Libesny erklärte als Obmann des „Bundes Österreichischer Gebrauchsgraphiker“: „Die Erziehung zu ästhetischem Empfinden ist das Wertvollste und Wichtigste und ich glaube, daß der Wiener Boden mit seiner Jahrhunderte alten Kultur dazu nicht viel braucht. Traurig ist es, daß bei dieser Angelegenheit, wie bei vielen anderen, nicht die Sachlichkeit die Hauptsache ist, sondern die Parteipolitik, und unser bestehendes Strafgesetz bietet sicher die Möglichkeit, gegen sittenverletzende Auswüchse im öffentlichen Leben vorzugehen, um dieselbe zu unterdrücken.“[16]

Aufgrund der massiven Proteste gegen die diesbezüglichen Pläne der Regierung lud Bundeskanzler Seipel selbst für den 9. Juni 1928 zu einer Enquete zum Thema Kampf gegen „Schmutz und Schund“ ein.[17] Während das regierungsnahe „Neuigkeits-Welt-Blatt“ die „Künstlerschaft“ mit dem Hinweis, dass es „zunächst“ nur gegen die „Kinoplakate und Schundliteratur für die Jugend“ ginge[18], zu beruhigen versuchte, kam es bei dem Treffen selbst zu einer direkten Konfrontation von Bundeskanzler Seipel mit Arthur Schnitzler. Der Kanzler kritisierte den prominenten Schriftsteller scharf wegen dessen Aussage, „daß die Erregung der Sinnlichkeit an sich nicht verwerflich“ sei.[19] Aufgrund der „einmütigen Ablehnung des Gesetzes durch die Vertreter des Schrifttums“ kam es in der Folge zu keiner Beschlussfassung.[20]

Im März 1950 jedoch einigten sich alle im Parlament vertretenen Parteien auf das „Bundesgesetz über die Bekämpfung unzüchtiger Veröffentlichungen und den Schutz der Jugend gegen sittliche Gefährdung“.[21]

[1] Arbeiter-Zeitung, 4.2.1928, S. 6.
[2] Neues Wiener Journal, 25.2.1928, S. 4.
[3] Arbeiter-Zeitung, 25.2.1928, S. 3.
[4] Noever, Peter (Hrsg.): Hans Neumann. Pionier der Werbeagenturen, Wien 2009 (MAK Studies 18).
[5] Burkhard Sülzen Berlin, Schöne & seltene Plakate, Katalog 12, Nr. 78.; Wienbibliothek Sign.: P 41.939.
[6] Unger, Leo: A, a, a, – die Baker, die ist da!…, in: Österreichische Reklame, Februar 1928, S. 32.
[7] Neumann, Hans: Offener Brief an Herrn Nationalrat Dr. Jerzabek!, in: Österreichische Reklame, Februar 1928, S. 18.
[8] Die Stunde, 22.3.1928, S. 1.
[9] Reichspost, 24.4.1922, S. 2. Vgl. dazu auch: Pfoser, Alfred – Kristina Pfoser-Schewig – Gerhard Renner: Schnitzlers „Reigen“. Zehn Dialoge und ihre Skandalgeschichte. Analysen und Dokumente, Frankfurt am Main 1993, 1. Bd., S. 159ff.
[10] Neues Wiener Journal, 24.3.1928, S. 4.
[11] Ebenda, S. 5.
[12] Die Stunde, 22.3.1928, S. 1.
[13] Die Stunde, 29.3.1928, S.13.
[14] Neue Freie Presse, 17.4.1928, S. 7.
[15] Österreichische Reklame, März 1928, S. 7.
[16] Ebenda, S. 9.
[17] Neues Wiener Journal, 9.6 1928, S. 2.
[18] Neuigkeits-Welt-Blatt, 9.6.1928, S. 4.
[19] Reichspost, 9.6.1928, S. 2.
[20] Innsbrucker Nachrichten, 19.6.1928, S. 1.
[21] Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, 13.5.1950.