Wie kam das Bild ins Buch?

Martin Gerlach, Mikroskopische Aufnahmen, Aus: Formenwelt aus dem Naturreiche (Die Quelle, Bd. V), Wien: Gerlach u. Wiedling, 1902–1904 (Albertina Wien, Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, Fotografien von Hugo Hinterberger), Ausschnitt

Zur Zeit besteht die glückhafte Situation, Theoretisches und  Augenscheinliches eines nach dem anderen, eines das andere ergänzend, wahrnehmen zu können. Die Rede ist vom Fotobuch. Auch wenn es in unseren Tagen – noch – die selbstverständlichste Angelegenheit der Welt ist, Bilder in Büchern zu betrachten, so war das nicht immer so. Wie es europaweit dazu kam, beschreibt der Fotohistoriker Steffen Siegel in seiner „Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs“. Die Entwicklung in Österreich ist in der beeindruckenden Ausstellung „Foto.Buch.Kunst“ in der Albertina zu sehen. (Die nahe und fernere Zukunft auf diesem Gebiet ist ja jetzt schon Gegenstand einschlägiger Überlegungen durch Fachleute.)                                             

Theorie und Praxis. Der Fotohistoriker weiß natürlich ganz genau, wie er LeserInnen in sein Büchlein hineinzieht, indem er nämlich gleich auf der ersten Seite Kurt Tucholsky zitiert, der im Jahr 1927 – damals unter dem Pseudonym Peter Panter – von der Pariser Jahresausstellung der Fotografie berichtete: „..ein Zimmer ist da, ein einziges kleines Zimmerchen…hier kann man nur die Augen aufmachen, sich ein kleines Schauerchen den Rücken herunterlaufen lassen…hier sind alte, ganz alte Fotografien. Hier ist altes Licht.“ So holt man Persönliches ins Historische, mit diesem „Schauerchen“, das wir ja alle kennen, wenn wir alte Fotografien betrachten. Steffen Siegel schreibt also Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs. Er erzählt Heldengeschichten, schreibt über Familienalben, kennt die Geschichtswerke und verfolgt die Fotokunstgeschichte. Er sieht die Geschichte des Mediums als eine von Akteuren und ihren Taten. Er weiß, dass am Anfang nur kleine, kümmerliche Vignetten dazu dienten, alte Bilder herzuzeigen, bis man dazu überging, das Bild aus sich selbst wirken zu lassen, vorerst aber nur knappe Texte dazusetzte. Schlusspunkt der Entwicklung ist dann „das Bilder und Texte in sich aufnehmende und miteinander in Beziehung setzende Fotobuch.“ Siegel schreibt von der Bedeutung der privaten Sammler für die Darstellung einer Geschichte der Fotografie, da die Museen erst spät auf diesen Zug aufsprangen.

„Der Eisbär” und „Der Schimpanse”, Aus: Die neue Arche. Dreißig Tierbilder nach photographischen Naturaufnahmen, Wien: Österreichische Staatsdruckerei, 1923 (Photoinstitut Bonartes)

Dass sie aufgesprungen sind, ist jetzt in der Ausstellung „Foto.Buch.Kunst“ in der Wiener Albertina beeindruckend zu sehen. Diese Ausstellung zeigt auf und macht klar, dass der Weg der Fotografie ins Buch lang und mühselig war. Die unterschiedlichen kreativen Lösungsvorschläge der Pioniere beim Beseitigen der für uns unvorstellbaren technischen Probleme lassen einen schon staunen und machen den Weg entlang der Vitrinen und Ausstellungswände zu einem optischen Ereignis. Das Technische ist das eine, aber das Fantastische ist das andere: nämlich, auf welche Ideen die Menschen damals kamen, wie Fotografie eingesetzt werden könnte. Da war zum Beispiel im ausgehenden 19.Jahrhundert – also noch sehr lange vor Google-Maps – schon von einer kompletten Abbildung sowohl der Erde als auch des Himmels die Rede, denn, man müsse ja nur ein Bild ans andere setzen und wenn man das lange genug mache….

Zur Entwicklung, zum Umbruch und zur Neuorientierung in der Buchgestaltung in Österreich 1840–1949: Ab 1857 klebte man Fotografien in die Bücher, es folgten Jahrzehnte, in denen man Verfahren entwickelte, Fotografie druckfähig, also maschinell reproduzierbar zu machen. In der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt unter dem Direktor Josef Maria Eder gelang es, den Fotodruck zu professionalisieren. Mit dem Ersten Weltkrieg endete die Ära der luxuriösen Prachtausgaben, begann aber gleichzeitig der Siegeszug des – relativ billig herzustellenden – populären Bildbandes. In der Albertina wird gezeigt, wie wissenschaftliche Neugier, industrielle Interessen und künstlerische Experimente bei der Entwicklung des Fotobuchs Hand in Hand gingen.

Aus: Die Wiener Werkstätte. 1903–1928. Modernes Kunstgewerbe und sein Weg. Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Wiener Werkstätte, Wien: Krystall-Verlag, 1929 (Photoinstitut Bonartes)

Große Industriebetriebe, aber auch Architekten waren an der Möglichkeit interessiert, fotografische Dokumentationen und illustrierte Publikationen zu veröffentlichen, allen voran höchst aktiv die Gemeinde Wien. So gelang es auch Verlagen durch Spezialisierung auf mit Fotografien illustrierte Publikationen zu reüssieren. Reine Augenweide verspricht der letzte Saal der Ausstellung, in dem – auf drei großen Bildschirmen – in Büchern geblättert wird, denn das ist in den Vitrinen und an den Wänden ja nicht möglich. Da kann man dann in Bilderwelten versinken, die  – natürlich je nach Jahrgang des Betrachters – nostalgisch an erste Eindrücke dieser Art erinnern und dann wieder dieses „Schauerchen“ hervorrufen.

Stefan Kruckenhauser, In großen Linien zeichnet der Schnee, Aus: Du schöner Winter in Tirol. Ski- und Hochgebirgs-Erlebnisse mit der Leica, Berlin: Photokino-Verlag, Otto Elsner, 1937 (Albertina Wien)

Noch einmal etwas ganz anderes ist es, weil sich die Fotogeschichte von Steffen Siegel mit kleinen Schwarzweiß-Bildern als Illustration behilft, das von der Ausstellungskuratorin Monika Faber zusammen mit Hanna Schneck aufwändig gestaltete Fotobuch zu betrachten. Ein Fotobuch zum Thema Fotobuch sozusagen.

Siegel, Steffen: Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs, Wallstein Verlag, Göttingen 2019.
Monika Faber, Monika – Hanna Schneck: Foto.Buch.Kunst. Katalogbuch bei Schlebrügge.Editor, Wien 2019.

Foto.Buch.Kunst. Ausstellung in der Albertina

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