Zwei Bücher über Rudolf Schönwald

Wiens sensibelster Satiriker, Grafiker, Grandseigneur, geselliger Geschichtenerzähler, Lebenskünstler, Humanist, vielgeliebter Außenseiter – wer so bezeichnet wird, für den reicht nicht nur ein Buch. Es sind zwei Bücher, in deren Mittelpunkt Rudolf Schönwald steht. „Rudolf Schönwald – Graphik erzählt“, herausgegeben von Britta Schinzel, Professorin für theoretische Informatik, und „Rudolf Schönwald. Kunst im Kalten Krieg“, herausgegeben von der Universitätsdozentin und Kunsthistorikerin Heidrun Rosenberg. Beide Bücher versammeln Beiträge des Künstlers selbst und einer Vielzahl von Menschen, die von Schönwalds Leben erzählen und über sein Werk berichten.

Zur Information: Rudolf Schönwald, geboren 1928 als Sohn österreichischer Eltern in Hamburg, gefährdete Kindheit in Ungarn, Matura in Wien, 1955 Gründung einer Lithowerkstatt in Wien gemeinsam mit Alfred Hrdlicka, Georg Eisler und Fritz Martinz, 1957–58 technischer Leiter im Theater am Fleischmarkt, 1961–63 Studium der Judaistik und Geschichte an der Universität Wien, dazwischen künstlerische Arbeiten wie Lithographien, Radierungen, Holzschnitte, keramische Wandbilder, dann auch noch Professuren, Gastprofessuren, Gastdozenturen, weiters Bühnenprojektionen, Kostümentwürfe, Industriezeichnungen und natürlich Ausstellungen und Auszeichnungen. Im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen sollen aber die Comics und Karikaturen stehen.

„Ein Fremdling aus Wien im Comic-Land“ heißt ein Beitrag, den der 2009 verstorbene Zeichner Paul Flora über seinen Künstlerkollegen Rudolf Schönwald verfasst hat und der nun in dem Band „Rudolf Schönwald – Graphik erzählt“ zu finden ist. Mit einer für den Tiroler typisch umständlichen Einleitung – man kann ihn beim Lesen richtig reden hören – kommt Flora endlich zum Thema, zu Wien und Schönwald. Wien wäre jener mystische Ort, „in dem man den esoterischen Anti-Comic-Strip erdachte, ein allen Regeln der Spezies hohnlachendes Produkt.“ Womit er beim GOKS ist. Wer oder was ist GOKS? GOKS ist – so Flora – Held einer Comic-Serie, die Schönwald für Günther Nennings Zeitschrift „Neues Forum“ erfand. Ob im Aachener Exil entstanden oder mittendrin in einem immer gleich bleibenden Wien, da differieren die Quellen. Flora verbindet GOKS mit dem König Ubu, dem Helden von Alfred Jarrys Theaterstück „Ubu roi“. Dieser Ubu ist ein Vorläufer von GOKS im Werk von Schönwald. „Die Ubus waren schwarze und schwarz-rote Holzschnitte großen Formats, die Theaterstücke von Alfred Jarry waren hier graphische Anregung zu einer Ungetümsfigur“, schreibt Gattin Gilli Schönwald in einer Einleitung zu GOKS. Sie wurde auch – nach der dritten Folge – GOKSens Textdichterin. GOKS war ein Kreis oder ein Ei mit einem Dreieck darin. Ein „nowhere man“, der sich in alle Richtungen hin verwandeln konnte. Das Wort „Goks“ soll aus dem Wienerischen kommen und Unsinn bedeuten, später erklärt Gilli Schönwald die mir geläufigere Bedeutung, die es auch bei uns in der Schule hatte: „Goks“ – das hieß Achtung – „Er kommt, der Lehrer kommt!“ GOKS bewegte sich in der Wiener Umwelt, war Gewinner und Verlierer zugleich, konnte Panzer, Kerzelweib oder Hund sein. Wenn GOKS vom Inhalt her ein Comic war – wenn auch ein recht rätselhafter, ganz und gar nicht leicht lesbarer – so hielt sich Schönwald formal nicht an die Regeln, die Bilder einer Sequenz konnten durchaus ungleich groß sein. Gilli Schönwald fordert die Leser ihres Vorworts auch auf, spontan GOKS zeichnerisch weiter zu führen: „GOKS ist nicht schwer.“ Sie denkt im Folgenden auch über den Comic im Allgemeinen nach, sie schreibt, dass er als Medium beim intellektuellen Publikum in Mode kam. „Ein Künstler und sein Comic-Strip, das könnte ja auch heißen: Transposition der volkstümlichen Gattung auf ein ‚höheres‘, ein von vornherein als künstlerisch angemeldetes Niveau – Abgrenzung in diesem Fall gegen den unterhalb siedelnden Kommerz.“ Schönwald sei ein treuer Leser von Comic-Strips gewesen, hätte einen unaffektierten Spaß daran gehabt. Chronologisch sind vor GOKS – wie schon erwähnt – die schwarz-roten Ubu-Holzschnitte anzusiedeln: keine Buchillustrationen, sondern selbständige grafische Blätter aufgrund der literarischen Vorlage. Schönwald verband sein grafisches Werk immer gern mit Literatur, so weit, dass er Schrift in den Comic-Strip einarbeitete. GOKS war keine Autobiografie Schönwalds, aber nach GOKS begann er, autobiografische Bilderbögen zu radieren.

Solch ein Bilderbogen beschließt das Buch „Rudolf Schönwald. Kunst im Kalten Krieg“. Darin ist auch dem Spätwerk Schönwalds ein großer Teil gewidmet, ein Spätwerk, das vom expressionistisch Überschwänglichen im Ubu und im GOKS völlig distanziert erscheint, so, als hätte sich der Künstler zuvor schon emotionell verausgabt und sich jetzt als Betrachter völlig zurücknimmt. In kühlen Kreidezeichnungen steht Industriearchitektur im Mittelpunkt: Schlote, Fördertürme und Abbruchhäuser.

Schinzel, Britta (Hrsg.): Rudolf Schönwald – Graphik erzählt, Mandelbaum Verlag, Wien/Berlin 2018.
Rosenberg, Heidrun (Hrsg.); Rudolf Schönwald. Kunst im Kalten Krieg, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2019.

Beitrag teilen: