Ikonen der Plakatgeschichte

Henri de Toulouse-Lautrec, Ambassadeurs, 1892, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Ausschnitt)

Am 27. Februar 2020 wurde in Hamburg die Ausstellung „Das Plakat. 200 Jahre Kunst und Geschichte“ eröffnet. Es ist dies nicht nur eine der umfangreichsten Plakatpräsentationen der letzten Jahre, sondern gleichzeitig auch die Abschiedsausstellung des langjährigen Leiters der „Sammlung Grafik und Plakate“ am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Dr. Jürgen Döring hat in über 30 Jahren nicht nur die Sammlung erheblich erweitert, sondern auch durch seine Ausstellungs- und Publikationstätigkeit den Ruf der Sammlung gesteigert und damit zugleich auch den des Mediums Plakat ganz allgemein erhöht – dafür gebührt ihm und dem Museum großer Dank.

Ausstellungsansicht, Foto: René Grohnert

Die Ausstellung bestätigt mit 370 Plakaten – fast durchwegs Ikonen der Plakatgeschichte – vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart mit internationaler Ausrichtung den Qualitätsanspruch der Sammlung. Die Basis dafür wurde bereits in den 1880er Jahren gelegt, als Justus Brinkmann als erster in Deutschland – im 1864 gegründeten Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg – begann, institutionell Plakate zu sammeln. Die zugrunde liegende Motivation ist sicherlich vielschichtig gewesen. Zum einen waren es die neuen Bilder der visuellen Kommunikation, schließlich entstand gerade ein neues Medium, zum anderen war die Farblithografie auf großen Flächen in Deutschland bis kurz vor 1900 drucktechnisch noch nicht möglich, damit kann auch die Präsentation des internationalen Know-hows eine Rolle gespielt haben. 1893 zeigte er dann mit der „1. Europäischen Plakatausstellung“ auch die erste Plakatausstellung in Deutschland.

Ausstellungsansicht, Foto: Henning Rogge

Die Sammlung wurde zu unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedlich wichtig genommen. Das gilt für die Sammlungstätigkeit etwa in den 1920er Jahren. Arbeiten aus dieser Zeit mussten später mit großem Aufwand gefunden und erworben werden. Es gilt aber auch für die Ausstellungspolitik des Museums, indem zeitweise das Plakat völlig ausgeblendet war. All das Auf und Ab ist angesichts der aktuellen Präsentation der Sammlung kaum noch nachvollziehbar. Hier wird die ganze Palette der Plakatgeschichte beleuchtet. Die Inszenierung ist zum einen streng chronologisch, zum anderen finden sich innerhalb der Chronologie auch andere Schwerpunkte. Das können monografische, thematische oder formale Zusammenstellungen sein. So finden sich konzentriert Arbeiten von Henri de Toulouse-Lautrec, Alfons Maria Mucha oder aktueller von Holger Matthies, Niklaus Troxler, Stefan Sagmeister oder Oliviero Toscani. Politische Plakate tauchen nach 1914 immer wieder auf, etwa als Kriegs-, Propaganda- oder Wahlplakate oder später auch zum Thema Umwelt. Ebenso sind Schwerpunkte zum englischen und US-amerikanischen Art Nouveau auszumachen oder zur Wiener Secession oder zur Neuen Sachlichkeit, zur Pop Art oder zum Fotodesign usw.

Ausstellungsansicht, Foto: René Grohnert

Die Ausstellung treibt einen von Raum zu Raum, diese sind nicht nur in der Ausstattung, etwa in Größe, Höhe und Farbigkeit der Wände, verschieden, auch die Hängung wechselt von großzügig zu dicht gedrängt, von Konzentration auf das einzelne Blatt hin zu einer sinnfälligen Gruppierung. Dem nicht so Eingeweihten in die Plakatgeschichte könnte vielleicht die erste grobe Orientierung fehlen: wo bin ich gerade geografisch und wo zeitlich und warum. Das Warum wird durch Wandtexte aufgefangen, die es aber schwer haben angesichts der überwältigenden Kraft der Plakate. Die Sprünge von einem Raum in den nächsten, in jeweils eine neue Epoche und gegebenenfalls in ein anderes Land, erklären nicht – und können es wahrscheinlich auch nicht – wie und warum sich die Entwicklung von einer zur anderen Gestaltungsart vollzogen hat. Aber das ist nicht wirklich von Belang. Geradezu „besoffen“ wird man von der durchgehenden Qualität der Arbeiten, die man in dieser Menge ausgebreitet nur an wenigen Orten jemals überhaupt zu Gesicht bekommen wird. Die Riesenformate der Beggarstaff Brothers, die metallischen Farben bei Mucha, die Leuchtfarben der psychedelischen Plakate, die außergewöhnlichen Bildfindungen japanischer Gestalter, … das kann man jetzt noch ewig weiterführen. Wer sich mit Plakaten beschäftigt, sollte diese Präsentation gesehen haben, allen anderen sei geraten, hier zu verstehen, welche Faszination Plakate erzeugen können, auch unabhängig von ihrem eigentlichen Einsatzzweck.

Ausstellungsansicht, Foto: Henning Rogge

Ein kleiner Wermutstropfen ist die verzögerte Auslieferung des Katalogs, der Prestel-Verlag kündigt diesen auf seiner Website für den 12. Juni 2020 an.

Weitere Hinweise:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Beitrag teilen: