Drei Elemente – ein Blick

Holger Matthies: Motiv aus der Einladungskarte zur Ausstellung

Plakate sollen ja in ihrer Zeit funktionieren und wirken. Gestalter und Betrachter leben in der Regel in „gemeinsamer Zeit und in gleicher Gegend“. Die hier gerade verhandelten Themen sind beiden Seiten bekannt. Anspielungen visueller und verbaler Art treffen auf fruchtbaren Boden, das aktuelle Erschließungswissen sorgt dafür, dass das Plakat verstanden wird und funktionieren kann. Entscheidend dabei bleibt aber natürlich die Umsetzung.

Wie verhält es sich aber, wenn der zeitliche oder kulturelle Hintergrund verblasst ist? In der Bewertung rückt dann das Gestalterische in den Vordergrund. Die Frage, wie das Plakat in seiner Zeit gewirkt hat, tritt eher in den Hintergrund – zumeist, weil das Wissen um viele Zusammenhänge bereits verloren gegangen ist.

Welchen „Filter“ kann man also finden, um neue Zusammenhänge aufzuzeigen, die sich gewollt oder ungewollt in den Bildern manifestiert haben? Man kann das thematisch, geografisch, zeitlich, monografisch oder seriell angehen, oder formale Kriterien wie Farbe, Form oder Motiv wählen. Oder man legt eine metaphorische Fährte aus, der man dann folgt, um neue Zusammenhänge aufzudecken. Für diesen Weg hat sich Holger Matthies entschieden. Ihm ist per Zufall aufgefallen, dass in seinem Werk die Zahl Drei immer wieder in den verschiedensten Zusammenhängen auftaucht – eher eine unterbewusste Wahl, als eine gezielte Entscheidung. Einmal dieses Tor geöffnet, ergaben sich neue Betrachtungsräume. Motive konnten unabhängig von ihrem einstigen Entstehungszusammenhang neu zueinandergestellt und so neue Zusammenhänge gefunden werden.

„Heißer Stuhl“: Aktion von Holger Matthies anlässlich der Ausstellungseröffnung am 19. Oktober 2020 (Foto: René Grohnert)

Da Holger Matthies ohnehin viel mit Fotografie, Montage und Collage arbeitet, bot es sich an, die Fotografie in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Damit sind Fotografien gemeint, die in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen entstanden sind. Es waren Ideenskizzen oder Aufnahmen um des Motivs willen, oder es waren Fotografien, bei denen das Endprodukt schon mitgedacht war, z.B. als Vorstufe zum Plakat, aber auch Entwürfe zu Buch-, LP- oder CD-Covern, die mit einer bestimmten Intention in einer bestimmten Zeit entstanden. Wie dem auch sei, diese Zusammenhänge sind jetzt nicht mehr ersichtlich, die Motive vom einstigen Inhalt isoliert, das heißt, sie stehen jetzt „nur“ noch für sich selbst. Das ist durchaus ein gewagter Schritt, denn die Vergleichsperspektiven wechseln. Können die in einem angewandten Kontext entstandenen Bildfindungen und Bildinszenierungen auch solo bestehen? Das ist die Frage, die sich Holger Matthies hier stellt. Er nimmt uns in seiner Auswahl mit in seine Bildrealitäten, seine Fantasie, seine surrealen, harten und weichen, brutalen und schmeichelnden Bildwelten.

An dieser Art der Zusammenstellung von Fotografien ist eine Erzählung entstanden, die vom Suchen und Finden von Ideen und kreativer Umsetzung, von provokanten und kongenialen visuellen Lösungen berichtet. Der Dreiklang fordert zum einen eine Auswahl, eine Konzentration auf die Wirkung der Gruppierung, zum anderen bietet sich innerhalb dieses Dreiklangs immer auch die Möglichkeit der Variabilität – in dieser sich durchdringenden Vielschichtigkeit entwickeln die Dreier-Gruppen jeweils ein neues Eigenleben, entwickeln eine neue Dynamik.

Ausstellungsansicht (Foto: René Grohnert)

Die Zahl Drei spielt in unserem Kulturkreis ohnehin eine wichtige Rolle.[1] Darauf aufbauend ist auch der Begriff Trias zu sehen. Holger Matthies hat ihn zu Recht als programmatische Überschrift gesetzt. Der Begriff bezeichnet drei aufeinander bezogene Elemente, die zusammen eine Einheit bilden.[2] Im weiteren Sinne auch, dass sich drei Elemente aufeinander beziehen, sich ergänzen oder als Varianten miteinander in Beziehung treten.

Dieser Idee zu folgen bedeutet, dass man frei ist von anderen Zwängen, etwa auf thematische oder zeitliche Bezüge zu achten. Man kann Objekte, Themen, Menschen, Zeichen etc. in einem freien Spiel neu miteinander verknüpfen – ein Experiment mit zunächst offenem Ausgang. Doch recht schnell zeigte sich, dass diese Neustrukturierung tatsächlich überraschende Möglichkeiten, Zusammenhänge und Strukturen aufzuzeigen vermochte.

Der Dreiklang ist über recht unterschiedliche Arten von Begriffen gelegt. Es können Worte oder Wortkombinationen sein, die eher Abstraktes beschreiben, zu deren Illustration man Bilder erfinden muss, wie etwa bei der Musik, der Liebe, der Traurigkeit und auch weiteren emotionalen Zuständen. Andere Worte beschreiben etwas, das bereits eine eigene Form hat, wie etwa das Meer, die Erde usw., hier nehmen die geschaffenen Bilder deren Vorbilder auf verschiedenste Weise auf.

Der Dreiklang bietet in der Regel eine selbstreferierende Kombination, die in sich abgeschlossen scheint. Manchmal jedoch wird man selbst – als viertes Element sozusagen – eingeladen, „über Bande“ mitzuspielen. Beide Varianten geben der Fantasie des Betrachters ein Betätigungsfeld.

Lässt man sich mit Offenheit und Neugier auf diese Kombinationen ein, so erfährt man nicht nur etwas über die Gedanken- und Fantasiewelt von Holger Matthies und wovon er sich bei der Zusammenstellung inspirieren ließ, sondern auch etwas darüber, wie man selbst damit umgeht, welche überraschenden Gedankengänge sich einstellen, welche Erinnerungen und Erwartungen sich einmischen beim Hinschauen und Abtasten des jeweiligen Dreiklangs. So kann das Experiment für uns Betrachter zu einem visuellen Abenteuer werden.

[1] Drei: Zahl mit besonderer Bedeutung, Beispiele: In der Geometrie: das Dreieck, drei Dimensionen, Dreizack | Im Christentum: die Dreifaltigkeit (Vater – Sohn – Heiliger Geist), Anna Selbdritt (Anna, Maria, Jesuskind), Triptychon | Denkansätze in der Philosophie: Sein – Leben – Denken; Erinnerung – Einsicht – Wille; Gemüt – Erkenntnis – Liebe; Sein – Erkennen – Wollen; Wissen – Ethik – Glaube; Welt – Seele – Gott; Freiheit – Unsterblichkeit – Unendlichkeit; These – Antithese – Synthese | In der Musik: Dreiklang | In den Elementen: Feuer – Wasser – Luft | Im Leben, die drei Wellen des Alterns (Signifikante Veränderungen in den Proteinen): 1. Veränderungen um das 34. Lebensjahr, 2. Veränderungen um das 60. Lebensjahr, 3. Veränderungen um das 78. Lebensjahr.
[2] Metaphorisch bezeichnet Trias auch einen Dreischritt, dann im Sinne eines zeitlichen Ablaufs.

Der Artikel „Drei Elemente – ein Blick“ von René Grohnert wurde in dem Ausstellungskatalog „TRIAS. Eine fotografische Spätlese. Ausstellung. Holger Matthies. Freie Akademie der Künste in Hamburg, Hamburg 2020“ publiziert. AP dankt dem Autor für die Genehmigung zum Abdruck des Textes.

Die Ausstellung „Trias. Eine fotografische Spätlese“ bleibt vom 2. November bis voraussichtlich 30. November 2020 geschlossen.

Weitere Hinweise:
Freie Akademie der Künste in Hamburg

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