Neuerscheinung: „Werbung, Kunst und Medien in Wien (1888–1938)“

Violette Engelberg, Detail aus einem Plakatentwurf, publiziert in „Poster Art in Vienna“, 1923

Gute Nachrichten für alle, die „Austrian Posters“ schätzen, es aber vorziehen, ausführliche Artikel in Buchform zu lesen anstatt im Internet: Unter dem Titel „Werbung, Kunst und Medien in Wien (1888–1938)“ ist nun eine Anthologie mit Studien, die auf „Austrian Posters“ erstveröffentlicht wurden, als Buch im Aesculus Verlag erschienen. Es geht dabei um populärkulturelle, mediale und künstlerische Phänomene und darum, wie diese einander beeinflussten und wie sie gesellschaftliche Entwicklungen prägten.

Der Untersuchungszeitraum 1888 bis 1938 ist insofern ergiebig, als es in diesem halben Jahrhundert nicht nur viele politische, wirtschaftliche, technische und soziale Umbrüche gab, sondern sich auch die Grundlagen für die heutige Medienwelt entwickelten. Zudem wurden die Prinzipien modernen Grafikdesigns in jener Epoche erarbeitet.

Der vorliegende Band bietet viel Neues, es sind Forschungsergebnisse zum Spannungsfeld Werbung, Kunst und Medien, und er enthält damit auch bisher nicht oder wenig Beachtetes zur Geschichte Wiens: So befasste man sich weit früher als bisher angenommen in Wien mit der internationalen Entwicklung des aufkommenden Werbeplakats, wie der erste Beitrag über die Plakatausstellung 1888 zeigt.

Theo Matejko, Plakat, 1919 (Deutsches Plakat Museum)

Als aufsehenerregende Innovation wurde das Medium Plakat zum Thema des populären Unterhaltungstheaters, das damals zum Teil auch die Funktion des späteren Kabaretts innehatte. Der Bezug der Bühne zur Reklame hat jedoch noch einige andere Aspekte, die hier beleuchtet werden. Das reicht von der Bewerbung von Shows, wie dem eigenartigen Plakat von Theo Matejko für den Magier Erik Jan Hanussen, über Zensurversuche der Bewerbung, wie beim Wien-Auftritt von Josephine Baker, bis zur Bewerbung von Produkten selbst, wie in der Operette „Die Reklame“ oder der „Revue im Dienste der Reklame“.

Links: Hilde Exner / Rechts: Emma Schlangenhausen (Beide publiziert in: Die Fläche, 5. Heft, 1903)

Ein bisher, bis auf wenige Ausnahmen, völlig unterrepräsentiertes Thema der Designgeschichte ist der Anteil weiblicher Kreativer und der für Grafikerinnen oft sehr mühsame Weg zu Anerkennung und damit zu Aufträgen. Interessant auch der Konkurrenzkampf der Ausbildungsstätten um kompetente Lehrkräfte, wie die Geschichte der Berufung von Carl Otto Czeschka nach Hamburg zeigt.

Julius Klinger, Weihnachtskataloge der Buchhandlung „Perles“, 1930, 1925

Ein eigener Block ist der Beziehung von Verlagen zu renommierten Grafikdesignern, wie Julius Klinger oder Hermann Kosel, gewidmet. Es zeigt sich dabei, wie stark sich die Buchbranche in der Zwischenkriegszeit den Erfordernissen modernen Marketings zu stellen vermochte.

Gustav Klimt, Plakate vor und nach der Zensur, 1898 (WienMuseum)

Neben dem Plakat als öffentliches Ärgernis, wie es das erste Secessionsplakat von Gustav Klimt war, geht es auch um die Wertschätzung des Plakats als Kunstobjekt, wie sie Österreichs bedeutendster Sammler dieser Materie, Ottokar Mascha, bewies.

In Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg stehen auch die Anfänge moderner politischer Bildpropaganda, die in Österreich in der Ersten Republik zu einer überbordenden Visualisierung des Hasses und der Hetze werden konnte und die letztendlich in die Katastrophe des Jahres 1938 mündete. Damals wurde aus der Hetze Mord, wie unter anderem das tragische Schicksal von Julius Klinger und dessen Frau zeigt.

Der vorliegende Sammelband soll auch zeigen, dass Plakate mehr sein können als optischer Füllstoff für historische Ausstellungen und illustrierte Geschichtsbücher, dass sie nämlich vielschichtige und aufschlussreiche Quellen zu politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen vergangener Zeiten darstellen. Wie hat es der von Julius Klinger so geschätzte Karl Kraus formuliert: „Als man anfing, das geistige Leben in die Welt der Plakate zu verbannen, habe ich vor Planken und Annoncentafeln kaum eine Lernstunde versäumt. Und lange ehe ich das Wesen des Plakats als die Empfehlung einer Ware erkannte, empfand ich es als eine Warnung vor dem Leben. Ich wußte bald um den Stand des Geistes Bescheid.“ (Die Fackel, 26.6.1909, S. 21)

Denscher, Bernhard (Hrsg.): Werbung, Kunst und Medien in Wien (1888–1938). Mit Beiträgen von Barbara Denscher, Bernhard Denscher, René Grohnert, Hella Häussler, Murray G. Hall und Christian Maryška. Aesculus Verlag, Wolkersdorf 2021.

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