Otl Aicher 100 Jahre 100 Plakate

Otl Aicher im Atelier, 1953, © Florian Aicher HfG-Archiv Museum Ulm (Ausschnitt)

Kaum ein anderer deutscher Grafikdesigner konnte im 20. Jahrhundert eine derartige internationale Wirkung entfalten wie Otl Aicher. Als Gestaltungsbeauftragter der XX. Olympischen Spiele 1972 in München erarbeitete er gemeinsam mit seinem Team eine Bildsprache an Piktogrammen, die bis heute stilprägend wirkt. Diese Form der Informationsgrafik geht auf die Bildstatistik zurück, die in den 1920er Jahren in Wien von Otto Neurath gemeinsam mit Gerd Arntz erarbeitet wurde. Für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio entwarf dann der japanische Designer Katsumi Masaru ein Zeichensystem zur Darstellung der verschiedenen Sportarten. Otl Aicher perfektionierte für München das System: auf der Basis eines präzise festgelegten Rasters und genau definierter Gestaltungsregeln vereinfachte und vereinheitlichte er die Piktogramme und erweiterte sie um neue Bildsymbole.

Links: Otl Aicher und Mitarbeiter, Olympische Spiele 1972 München, Entwurf 1970–71, © Florian Aicher HfG-Archiv Museum Ulm / Rechts: Otl Aicher und Mitarbeiter, Erco, Piktogramme, 1976, © Kai-Alexander Gehrmann, Berlin

Aus Anlass des 100. Geburtstags von Otl Aicher, der am 13. Mai 1922 in Ulm geboren wurde, zeigt das HfG-Archiv Museum Ulm derzeit die Ausstellung „Otl Aicher 100 Jahre 100 Plakate“. Dabei wird eine Auswahl von Plakaten aus Aichers Oeuvre als – so die Verantwortlichen – „eines der zentralen und prägendsten Medien in dessen umfangreichen Werk“ präsentiert. Einen Schwerpunkt bildet dabei – neben den Plakaten für die Olympischen Spiele in München – Aichers kontinuierliche Arbeit für die Volkshochschule Ulm.

Links: Otl Aicher, Plakat für die vh ulm, 1948-49, © Florian Aicher HfG-Archiv Museum Ulm / Rechts: Otl Aicher, Plakat für die vh ulm, © Florian Aicher, HfG-Archiv Museum Ulm

Neben Plakaten für die Wirtschaft und den Tourismus sind Aichers Arbeiten für politische Anliegen besonders einprägsam, weil darin auch die persönliche Betroffenheit des Künstlers deutlich spürbar ist. Otl Aicher war in seiner Jugend mit Sophie und Hans Scholl befreundet, die aufgrund ihrer Widerstandsaktionen gegen das NS-Regime hingerichtet wurden, und er war mit Inge Scholl, der Schwester der beiden, verheiratet. Die Friedensbewegung war ihm ein besonderes Anliegen. Und es offenbart sich in diesem Engagement allgemein Otl Aichers Vorstellung von seiner Verantwortung als Gestalter. Im Jahr 1946 hatte er kurz an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert, aber bald damit wieder aufgehört. Später schrieb er in dem Artikel „bauhaus und ulm“ dazu: „wir kamen aus dem krieg heim und sollten in der akademie nun an der ästhetik um der ästhetik willen arbeiten. das ging nicht mehr. wer ohren hatte zu hören und augen zu sehen, mußte erkennen, daß kunst eine flucht war aus den vielfältigen aufgaben, die auch der kultur erwuchsen, als die naziherrschaft in brüchen lag.“

Die Schau „Otl Aicher 100 Jahre 100 Plakate“ ist bis 8. Januar 2023 im Archiv der Hochschule für Gestaltung Ulm zu sehen. Der zweite Teil des Ausstellungsprojekts findet unter dem Titel „Otl Aicher: Widerstand und Protest: Symbole, Gesten, Signale“ vom 12. November 2022 bis 16. April 2023 im Museum Ulm statt.

Eine Reihe von Veranstaltungen beleuchten weitere Themen zu Otl Aicher aus Sicht der Designgeschichte wie auch aus der Position der Designpraxis. Informationen dazu findet man jeweils aktuell unter www.hfg-archiv.museumulm.de.

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