Dorrit Dekk – ein verspäteter Nachruf

Dorrit Dekk

Am 29. Dezember 2014 starb die Grafikdesignerin Dorrit Dekk im 98. Lebensjahr. Wahrscheinlich kennt diesen Namen in Österreich selbst in Fachkreisen niemand mehr. Aber sie war wohl eine der letzten, wenn nicht die letzte, lebende Person, die noch die Kunstgewerbeschule der Zwischenkriegszeit besuchte.

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Geboren wurde sie als Dorothea Karoline Fuhrmann in Brünn am 18. Mai 1917, aber schon in ihrer Kindheit wurde sie Dorrit genannt. Die Familie übersiedelte 1921 nach Wien. Zwischen 1936 und 1938 besuchte Dorrit Dekk die Klasse für Bühnenbild bei Otto Niedermoser an der Kunstgewerbeschule. Kurz vor dem „Anschluss“ sollte sie noch das Bühnenbild und die Kostüme für die Studentenproduktion des „Sommernachtstraumes“ von Max Reinhardt im Schönbrunner Schlosstheater entwerfen. Zur Aufführung kam es allerdings nicht mehr. Nach dem „Anschluss“ emigrierte sie 1938 nach London und studierte dort über Vermittlung von Niedermoser an der Reimann School, wo ihr Lehrer der Plakatkünstler Austin Cooper war. Ihr Vater, Hans Fuhrmann, wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Nach Ende des Krieges begann Dorrit Dekk als Grafikdesignerin für das Central Office of Information Plakate zu entwerfen. 1951 wurde sie für die „Land Travelling Exhibition“ innerhalb der legendären Ausstellung „Festival of Britain“ engagiert, die für die Kreativwirtschaft Großbritanniens nach Ende des Zweiten Weltkrieges überaus wichtig war. Sie schuf dafür die lange Wandmalerei „British Sports and Games“, die beliebte Freizeitaktivitäten der englischen Gesellschaft zeigte.

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Ab 1949 arbeitete Dorrit Dekk erfolgreich als selbständige Grafikerin und konnte bedeutende Auftraggeber wie Air France, die Post Office Savings Bank, London Transport und British Rail gewinnen – als eine der ganz wenigen Frauen in ihrer Branche. Bei ihren eleganten, humorvollen Entwürfen bediente sie sich häufig des Mittels der Collage. Ein Hauch der Wiener Schule ist in ihren Arbeiten noch erkennbar, vor allem in ihren karikaturhaften Arbeiten, die mit den Illustrationen von Lisl Weil (1910–2004) für die Zeitschrift „Die Bühne“ durchaus vergleichbar sind. Für Entwürfe von Buchcover wurde sie vom renommierten Penguin Books Verlag beauftragt.

Nach ihrer Pensionierung 1982 war Dorrit Dekk als freie Malerin tätig. Im Nachruf des Guardian am 7. Jänner 2015 stand zu lesen: „Wearing trademark colourful stripy socks, she was thrilled to receive young visitors and they found her a stimulating and inspirational role model. Though latterly virtually housebound, she remained curious, devouring news of the latest architecture and exhibitions from the world outside. Her youthful passion, indomitable spirit and sharp wit stayed with her until the end. She was indeed a rarity.“ Und das Buchcover zu „Designing Women. Women working in advertising and publicity from the 1920s to the 1960s“ (London 2012) von Ruth Artmonsky ziert ein Dekk-Entwurf für Nylonstrümpfe. In dieser Publikation kann man lesen, dass Dorrit Dekk eine fixe Größe im englischen Grafikdesgin war: „She brought a continental wit and modernist simplicity to British publicity and advertising and can be rated as one of the leading women in her profession in the post-war years.“ (S. 100).

Ein schönes Interview aus dem Jahr 2011 mit der 94jährigen über das Festival of Britain ist auf YouTube zu sehen, wobei ihr unvergleichlicher Wiener Akzent im Englischen noch präsent ist:
FESTIVAL OF BRITAIN 2011: Dorrit Dekk and the Land Traveller.