Britische Plakate im Zweiten Weltkrieg

„Keep calm and carry on“, dieser Spruch aus dem Zweiten Weltkrieg gehört wohl zu den am meisten zitierten und variierten Plakatslogans der Mediengeschichte. Die elegant gestaltete weiße Schrift auf rotem Grund wird mittlerweile auf einer Unzahl von Kleidungsstücken, Postern, Kaffeetassen und vielem anderen mehr in der Originalversion – aber auch in parodistischen Formen – verbreitet. Das Originalplakat jedoch wurde – und das mag viele erstaunen – während des Krieges überhaupt nicht eingesetzt. Was es damit für eine Bewandtnis hat, erfährt man unter anderem in dem ausgezeichneten Band „British Posters of the Second World War“ von Richard Slocombe.

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Schon zu Beginn des Krieges im Jahr 1939 wurden drei verschiedene Textanschläge in ähnlichem Design verbreitet, mit denen die Disziplin und der Durchhaltewille der britischen Bevölkerung beschworen werden sollten. Der Erfolg der Aktion des „Ministry of Information“ (MOI) ließ jedoch zu wünschen übrig, wie Richard Slocombe zu berichten weiß: „With access to a range of media, MOI officials invested particular faith in posters to sustain morale. At the outbreak of war they mounted an expensive publicity campaign to rally the nation. Over a million simple text-based posters bearing the statements, Your Courage, Your Cheerfulness, Your Resolution Will Bring Us Victory and Freedom is in Peril, Defend It with All Your Might were expected to command ‚immediate attention‘ and ‚exert a calming influence‘. Yet the campaign was an abject failure.“ Eine Untersuchung des Ministeriums hatte nämlich ergeben, dass sich nur wenige Menschen an die Slogans erinnerten und dass bei diesen wenigen die Sprüche keine positiven Gefühle evozieren konnten.

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Obwohl von dem „Keep calm and carry on“-Poster über eine Million Stück produziert worden war, stoppte man die Kampagne und ließ gerade das heute so populäre Plakat überhaupt nicht affichieren. Zur weiten Verbreitung des Sujets kam es erst, nachdem im Jahr 2000 das Plakat von einem englischen Antiquariat als Nachdruck angeboten wurde. Als dann im Jahr 2005 eine britische Tageszeitung den Reprint als Geschenkidee für Weihnachten anpries, kam es zu einem regelrechten Boom. Da nach britischem Recht Veröffentlichungen des Staates bereits nach fünfzig Jahren gemeinfrei sind, konnte so um dieses Poster eine regelrechte Souvenirindustrie entstehen.

Das Buch von Richard Slocombe, der im „Imperial War Museum“ als „Senior Art Curator“ tätig ist, bietet neben diesen Fakten zum „Keep calm and carry on“-Poster noch viele weitere Informationen zur Medien- und Designgeschichte des Zweiten Weltkriegs. So gibt es nicht nur einen Überblick über die wichtigsten britischen Kampagnen dieser Zeit, sondern es werden auch in Kurzporträts von Hans Schleger (Zero), Abram Games, FHK Henrion, Donia Nachshen und dem Atelier Lewitt-Him die bedeutendsten PlakatentwerferInnen jener Jahre vorgestellt.

Leider muss als Manko bei diesem Publikationsprojekt angemerkt werden, dass es dem Museum soweit an editorischer Redlichkeit fehlt, dass es, obwohl die erste Auflage der Publikation bereits 2010 erschienen ist, die Neuauflagen – so zuletzt 2012 und 2014 – nicht als solche kennzeichnet, sondern immer wieder mit einer aktuellen Jahresangabe herausbringt.

Slocombe, Richard: British Posters of the Second World War, London 2014.