Vier Briefe von Julius Klinger

Schriftprobe „Klinger-Type“ der Schriftgiesserei A.-G., Dresden, vorm. Brüder Butter, Entwurf: Klinger-Gruppe (Klinger, Willrab, Frey), Dresden [1926], Ausschnitt

Julius Klinger war einer der bedeutendsten und auch einer der international renommiertesten österreichischen Illustratoren und Grafikdesigner. Dass seine Anerkennung außerhalb Österreichs bisweilen größer war und ist als in seinem Geburtsland, wurde jüngst wieder durch die vom britischen Designhistoriker Jeremy Aynsley für Miami kuratierte Ausstellung „Julius Klinger: Posters for a Modern Age“ bewiesen. Die Schau soll noch 2020 in New York gezeigt werden.[1]

Julius Klinger hinterließ ein umfangreiches grafisches Werk, das sich in bedeutenden Sammlungen von Berlin bis in die USA erhalten hat. Doch leider gibt es keinen Nachlass von ihm, wurde er doch im Jahr 1942 im Rahmen des rassistischen Nazi-Terrors aufgrund seiner jüdischen Herkunft gemeinsam mit seiner Frau in Maly Trostinec bei Minsk ermordet. Über den Verbleib seiner persönlichen Unterlagen ist deshalb nichts bekannt. Umso wertvoller sind jene vier Briefe Klingers, die sich in einem Teilnachlass des Kunsthistorikers Hans Ankwicz-Kleehoven (1883–1962) in der Wienbibliothek erhalten haben und die bis heute – bis auf ein kurzes Zitat daraus[2] – nicht veröffentlicht wurden und hier erstmals zu Gänze publiziert werden.

Ankwicz-Kleehoven war 1925 zum Direktor der Bibliothek des „Österreichischen Museums für Kunst und Industrie“ (heute MAK) ernannt worden. Sehr engagiert bemühte er sich in dieser Funktion um die Sammlung und Dokumentation österreichischen Grafikdesigns. Insbesondere zeichnete er für eine Reihe von Grafiker-Biografien, so auch für jene von Julius Klinger, im Rahmen des biografischen Lexikons „Thieme-Becker“ verantwortlich. In den Briefen an ihn offenbart sich Klingers kritische Widerständigkeit, die an die radikalen Positionen von Adolf Loos und Karl Kraus erinnert. Deutlich wird aber auch Klingers – durchaus berechtigtes – Gefühl, in Wien zu wenig Anerkennung zu erhalten.

Der erste Brief von Julius Klinger an Hans Ankwicz-Kleehoven stand in Zusammenhang mit der „Internationalen Ausstellung moderner Schrift“, die aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Larisch von 1. April bis 31. Mai 1926 im „Österreichischen Museum für Kunst und Industrie“ stattfand und von Ankwicz-Kleehoven kuratiert wurde. Bemerkenswert ist, dass Klinger das Schreiben am 23. März 1926 verfasste, also neun Tage vor Eröffnung der Schau. Damals stand offenbar noch nicht fest, was genau in der Ausstellung präsentiert werden sollte, denn Klinger schrieb an den Bibliotheksdirektor:                                                                              

Sehr geehrter Herr Doktor!
Anbei sende ich Ihnen zwei Skizzen, die die Ausmaße meiner beiden Objekte für die Ausstellung genau festlegen, als auch eine Aufstellung für den Katalog.
Ich beginne mit der Ausführung meiner Ausstellungsobjekte, die für mich mit nicht geringen Mühen und Unkosten verbunden ist, in der sicheren Annahme, daß eine Umdisposition von Seiten des Museums nicht mehr erfolgen wird.
Da zu erwarten ist, daß sich einige Stimmen gegen meine ziemlich großen Objekte erheben werden, so möchte ich darauf aufmerksam machen, daß ich als ein in Wien geborener und nach Wien zuständiger Österreicher im nächsten Monat mein 50. Lebensjahr beende, und mir noch nie von offizieller Stelle Gelegenheit geboten wurde, meine Arbeiten der Öffentlichkeit zu zeigen.[3]
Ihrer baldmöglichsten Nachricht, daß ich mit meinen Arbeiten beginnen kann, entgegensehend,
begrüße ich Sie mit dem Ausdruck
vorzüglichster Hochachtung
Julius Klinger[4]

Ankwicz-Kleehoven dürfte den Wünschen Klingers entsprochen haben, denn im entsprechenden Ausstellungskatalog findet sich folgender Eintrag:

JULIUS KLINGER
Zwei Tableaux mit je acht Originalzeichnungen als Vorlagen zur lithographischen Reproduktion für Plakate[5]

Die Fachzeitschrift „Seidels Reklame“ berichtete unter der Rubrik „Wiener Streifzüge“ über die Schau[6]:

In der sehr reich beschickten Ausstellung sehen wir Plakate von Julius Klinger, F. H. Ehmcke und viele andere. Darunter das monumental wirkende Klingersche Wiener Internationale Messeplakat, das Völkerbund- und Tabuplakat, in welchen Plakaten die Schrift zur höchsten Reklamewirkung gebracht wurde. Man grüßt in diesen Blättern alte Bekannte und bedauert bei ihrer Betrachtung, daß dem Können dieses Künstlers so wenig Gelegenheit geboten wird.[7] 

Julius Klinger, Paraphrase über ein japanisches Schriftzeichen, 1926

Einige Zeit nach dem Ende der Ausstellung, am 30. Juni 1926, ließ Klinger nicht nur seine Plakatentwürfe, sondern auch seine „Japanische Paraphrase“, deren Abbildung sich im Ausstellungskatalog findet, wieder abholen:

Sehr geehrter Herr Doktor!
Anbei übersende ich Ihnen die Daten meines Lebenslaufes sowie die inzwischen eingelangten Druckproben der „Klinger Antiqua“ und den Katalog der Fa. Hollerbaum und Schmidt. Leider muß ich beide Publikationen von Ihnen zurückerbitten, da mir dieselben nur leihweise zur Verfügung gestellt wurden. Die Schriftgießerei Gursch erbat sich überdies einen Abdruck der Biographie nach ihrem Erscheinen.
Ich bitte höfl. dem Reicher dieses die Plakate sowie das Klischee der „Japanischen Paraphrase“ auszufolgen. Ich werde Ihrem Wunsche entsprechend Ihnen in nächster Zeit eine Anzahl von Plakaten für das Österr. Museum zusammenstellen.
Für Ihre Bemühungen meinen besten Dank.
Hochachtungsvoll
Ihr stets sehr ergebener
Klinger[8]

Am selben Tag folgte noch ein weiteres Schreiben:

Sehr geehrter Herr Doktor!
Ich vergaß heute Ihnen die Liste meiner erschienenen Werke zu übersenden, was ich hiemit nachhole.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Klinger[9]

Liste der Objekte im Brief

Bei dem biografischen Material, das Klinger an Ankwicz-Kleehoven sandte, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Unterlagen, die der Kunsthistoriker für seinen Klinger-Beitrag für das „Allgemeine Lexikon der Bildenden Künstler“ (Thieme-Becker) benötigte. Der Beitrag erschien 1927 im 20. Band (Kaufmann–Knilling) des Nachschlagewerkes, wobei alle hier aufgelisteten Materialien in dem Artikel eine entsprechende Erwähnung finden.

Links: Klinger-Antiqua, geschnitten nach Entwürfen von Julius Klinger, H. Berthold Akt.-Ges., Berlin [1912–13] / Rechts: Schriftprobe „Klinger-Type“ der Schriftgiesserei A.-G., Dresden, vorm. Brüder Butter, Entwurf: Klinger-Gruppe (Klinger, Willrab, Frey), Dresden [1926]

Zwei Jahre später hatte sich das Klima zwischen Julius Klinger und Hans Ankwicz-Kleehoven merklich verschlechtert. Am 16. Juni 1928 beantwortete Klinger ein Rundschreiben des „Museums für Kunst und Industrie“, in dem offenbar um Plakatspenden für das Museum gebeten worden war, mit einer deutlichen Ablehnung:

An die Bibliothek des Oesterr. Museums für Kunst und Industrie
Ich bestätige Ihre Zuschrift vom 11. ds. und beglückwünsche Sie gleichzeitig zu dem Gedanken, in letzter Zeit nach dem Vorbilde der deutschen Kunstgewerbe-Museen eine jedermann frei zugängliche
Sammlung von künstlerischen Plakaten aller Länder
angelegt zu haben, und zu der Absicht, sobald Ihre Bestände einen gewissen Umfang erreicht haben werden, auch Plakatausstellungen zu veranstalten.
Da die moderne künstlerische Plakatbewegung in Europa vor ca. 40 Jahren einsetzte und heute von mir als abgeflaut und verebbt betrachtet wird, so ist es mir völlig gleichgiltig, ob meine Arbeiten auf diesem Gebiete, die einen Zeitraum von 30 Jahren umfassen, in Ihrer erst heute entstehenden Sammlung vertreten sein werden, oder nicht.
Ich lehne es daher ab, der Bibliothek des Oesterr. Museums für Kunst und Industrie aus meinen Beständen eine Kollektion früherer und neuer Plakate zu überlassen.
Hochachtungsvoll
Julius Klinger[10]

[1] Aynsley, Jeremy: Julius Klinger. Posters for a Modern Age, Miami Beach 2017.
[2] Kühnel, Anita: Julius Klinger. Plakatkünstler und Zeichner, Berlin 1997, S. 16.
[3] Die offiziellen Reaktionen zu Klingers 50. Geburtstag fielen tatsächlich karg aus, nur in der Tageszeitung „Der Tag“ widmete Artur Rundt dem Künstler eine freundliche Würdigung, die in dem Satz gipfelte „Drüben in Amerika hat Julius Klinger längst seinen ideellen Lehrstuhl.“  (Der Tag, 22.5.1926, S. 3).
[4] Wienbibliothek, Handschriftensammlung, I.N. 161.474.
[5] Internationale Ausstellung moderner Schrift, Österreichisches Museum für Kunst und Industrie, Wien 1926, S. 39. Ergänzend dazu die Ausstellungsberichte in den Zeitungen: Wiener Zeitung, 11.4.1926, S.5; Reichspost, 13.4.1926, S. 6.
[6] Vgl. dazu auch.: Kühnel, Fußnote 1, S. 16.
[7] Seidels Reklame. Das Blatt für Werbewesen und Verkaufstechnik, 1926/6, S. 293.
[8] Wienbibliothek, Handschriftensammlung, I.N. 161.475.
[9] Wienbibliothek, Handschriftensammlung, I.N. 161.476.
[10] Wienbibliothek, Handschriftensammlung, I.N. 161.477.

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