Stauraum für den Plakatsammler (2)

Exlibris Schrank von Frau Paula Busse, entworfen von Bernhard Wenig, Hanau. Sachs übernahm die Möglichkeit in den Türen zu Dekorationszwecken verschiedene Entwürfe unterzubringen (Abb. 1)

Der Beitrag von Christian Maryška vom 6. Dezember 2010, hier auf AUSTRIAN POSTERS, erinnerte mich an eine besondere Episode, die auf Grund des „Stauraums“, wie ihn Hans Sachs (1881-1974) für seine Sammlung hat anfertigen lassen, eine glückliche Wendung nehmen konnte.

Sachs, der bereits als Schüler vor 1900 mit dem Sammeln von Plakaten begonnen hatte und 1905 den Verein der Plakatfreunde e.V. (1905-1921) gründete, sah sich 1910, mit der Gründung der Zeitschrift „Mitteilungen des Vereins der Plakatfreunde e.V“, mit einer stark zunehmenden Flut von Plakaten für seine Sammlung konfrontiert. Das führte zur Frage, wie man diese großen Formate sinnvoll und sicher unterbringen könne. Größere Erfahrungen lagen noch nicht vor, es darf aber angenommen werden, dass Sachs auf Grund seiner engen Verbindungen zum „Deutschen Exlibris Verein e.V.“[1] von dortigen Schrankkonstruktionen wusste, zumindest lässt dies die Ähnlichkeit in der äußeren Gestalt zum Beispiel des abgebildeten Schranks (Abb. 1) vermuten.

Vorderfront des Plakatschrankes von Hans Sachs (die Tiefe des Schrankes nahm eine Nische auf, die um die Vorderfront herum verkleidet wurde), (Abb. 2)

Vorderfront des Plakatschrankes von Hans Sachs. Die Tiefe des Schrankes nahm eine Nische auf, die um die Vorderfront herum verkleidet wurde (Abb. 2)

1911 stellte Sachs seinen von Vereinsvorstandsmitglied Hans Meyer entworfenen Plakatschrank vor (Abb. 2).[2] Die auf Holzleisten liegenden Platten nahmen die Plakate plan liegend auf, in den geöffneten Türen wurden die Leisten weitergeführt, sodass man die gesamte Platte nahezu vollständig herausziehen konnte und so leicht an die Plakate herankam (Abb. 3). Später kamen weitere Schränke gleicher Bauart dazu.

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Geöffneter Schrank, das Prinzip der Weiterführung der Führungsleisten im Innern der Schranktüren ist deutlich zu sehen, (Abb. 3)

Auch acht Jahre später war die Unterbringung der Plakate offenbar immer noch ein wichtiges Thema. So widmete sich der Verein der Plakatfreunde in seinem ersten Band der Handbücher der Reklamekunst[3] genau diesem Thema. Fritz Rudolf Uebe fasste hier die Erfahrungen einzelner Mitglieder zusammen.

Dass die Plakatschränke auch ein wichtiger Schutz bei unvorhergesehenen Ereignissen sein können, bewies in jüngster Vergangenheit der Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Das Deutsche Plakat Museum ist eines der vielen Asylarchive, in denen die Sammlungen aus Köln temporär eingelagert sind; naturgemäß sind es hier die Plakate. Deutlich zu sehen ist der Unterschied des Schädigungsgrades der Plakate, die in Holz- oder Stahlschränken untergebracht waren (die allermeisten Plakate sind, wunderbarerweise, fast ohne Blessuren erhalten), im Gegensatz zu denen, die lediglich in Mappen in Regalen untergebracht waren (diese sind häufig zerrissen, durchstoßen, zerknittert oder durch enormen Druck zu fast unlösbaren Papierklumpen verpresst).

Auch die Plakatschränke des Hans Sachs verhinderten Schlimmeres: „Ein grosses Schadenfeuer, dumm und dämlich durch einen Gasbadeofen verursacht, brach aus und ergriff zuerst das Dachgeschoss, in dem die Sammlungen schliefen. Während die freiwillige Vorortfeuerwehr versuchte, wenigstens das Haus zu retten, rechnete ich bereits mit dem völligen Verluste dessen, was einst mein Lebensinhalt gewesen war, teuer und unersetzlich. Aber als ich sah, dass das ganze Zimmer, in dem die Plakate in dickwandigen Schränken lagen, schon von lodernden Flammen eingehüllt war, griff ich plötzlich selbst in die Löscharbeiten ein und veranlasste die anderen Helfer, dieses Zimmer vor allen anderen mit Wasserstrahlen zu überschwemmen. Es gelang !! Die zwei Zoll starken Schrankwände waren bereits dreiviertel verkohlt, liessen aber unter dem Druck des Wassers zwar etwas von diesem durch, nicht aber mehr die züngelnden Flammen, die gerade nur ein Dutzend Blätter an den Rändern versengt hatten.“[4] (Abb. 4)

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Der Dachboden nach dem Brandschaden 1925. Deutlich erkennbar die Plakatschränke, rechts vorne im Bild, die ausgehängten Türen mit den Dekorationen (deutlich zu sehen die von Lucian Bernhard 1910 entworfene „Plakattante“, das Signet des Vereins der Plakatfreunde), (Abb. 4)

Im Rahmen des Wiederaufbaus seines Hauses plante Sachs einen Anbau, der die Sammlung nicht nur aufnehmen, sondern auch die Möglichkeit bieten sollte, diese zu präsentieren. In Oskar Kaufmann war bald der passende Architekt gefunden, die Einbauten in den neuen Anbau begannen im November 1925, noch während der Bauarbeiten brannte der Anbau auf Grund von Unachtsamkeit nieder und konnte so erst Mitte 1926 übergeben werden. Mit der Scheidung von Sachs (1927) wurde das Zimmer in seiner neuen Stadtwohnung eingebaut[5] (Abb. 5). Hinter zehn Türen befanden sich die „Plan-Wende-Aufhänger“, an denen die Plakate beweglich, an frei schwingenden Armen angebracht waren (siehe: Cewee-Plan-Wende-Aufhänger[6]). Wie viele Plakate sich letztlich in dieser Hängung befanden, ist nicht ganz klar, es könnten wegen der Grundkonstruktion der Halterung bis ca. 1.000 Stück gewesen sein, die anderen rund 11.300 Plakate waren vermutlich wieder in Planschränken untergebracht.

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Das von Oskar Kaufmann eingerichtete Sammlungszimmer, in dem bis 1933 zahlreiche Veranstaltungen und Vorträge stattfanden, (Abb. 5)

Gegen bestimmte Katastrophen jedoch hilft auch kein noch so sicherer Stauraum. Im November 1938 wurde die gesamte Sammlung von Sachs durch NS-Behörden konfisziert, sein übriges Eigentum enteignet. [7]

Ich war jedenfalls sehr erstaunt, welchen Anstoß ein Möbelstück geben kann, welche Geschichte mit ihm verbunden sein kann, wie nah es am Schicksal eines Menschen, wie sehr verbunden es mit seinen Ambitionen, Vorstellungen und Handlungen sein kann – fast wie bei Plakaten.
 

[1] Deutscher Exlibris Verein, 1891 – 1943; seit 1949 als Deutsche Exlibris-Gesellschaft e.V.
[2] Sachs, Hans: Die Plakatsammlung, in: Verein der Plakatfreunde (Hrsg.), Mitteilungen des Vereins der Plakatfreunde [Das Plakat] Jg.2/1911, Heft 2, S. 104ff.
[3] Verein der Plakatfreunde (Hrsg.): Die Sammlung angewandter Grafik (Handbücher der Reklamekunst, Bd. 1), Berlin 1919.
[4] Der Vorfall ereignete sich 1925 im Haus in der Burgunder Str. 10, in Berlin-Nikolassee, in dem die Familie Sachs seit 1913 wohnte (Das Haus existiert noch heute, RG). Zitat aus: Sachs, Hans: Die größte Plakatsammlung der Welt 1896-1938. Ein Lebensinhalt – wie er entstand und verschwand (niedergeschrieben im September 1953), in: Rügler, Horst: Zusammenstellung von Dr. Hans Sachs Publikationen, Berlin 1986, S. 27.
[5] Der Einbau erfolgte 1927 in seine neue Wohnung, Lützowufer 33, in dem selben Haus hatte Sachs auch seine Zahnarztpraxis (Das Haus wurde 1944 im Verlauf alliierter Luftangriffe zerstört, RG).
[6] Dank an Robert K. Brown, New York für den Hinweis auf die „Plan-Wende-Aufhänger“.
[7] Zum Schicksal von Hans Sachs siehe: Rademacher, Hellmut – René Grohnert (Hrsg.): Kunst! Kommerz! Visionen! Deutsche Plakate 1888–1933, Berlin 1992 (Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen Museums; auch: www.dhm.de/ausstellungen/kkv/HansSachs-derPlakatfreund.htm).

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