Aufbruch in die Moderne

In letzter Zeit ist eine erfreuliche Intensivierung in der österreichischen Designforschung festzustellen: Neben der jüngsten exemplarischen Tiroler Initiative hat auch die Steiermark diesbezüglich einiges Positives vorzuweisen. Bereits 2009 veröffentlichten die Historikerin Claudia Friedrich und die Kunsthistorikerin Eva Klein den hervorragend recherchierten Band „Große Schau der Reklame. Reklame in Graz: Zwischen Umbruch und Kontinuität“. Ende des Jahres 2014 wurde in der steirischen Landeshauptstadt die Ausstellung „Aufbruch in die Moderne? Paul Schad-Rossa und die Kunst in Graz“ eröffnet, in der unter der Mitarbeit von Eva Klein auch die Grazer Gebrauchsgrafik um 1900 ausführlich gewürdigt wurde. 2014 erschien endlich auch die Dissertation von Eva Klein aus dem Jahr 2011 unter dem Titel „Plakate. Aufbruch in die Moderne, am Beispiel der UNESCO City of Design Graz“ in Buchform im Leykam Verlag.

Der Autorin gelang es mit nahezu kriminalistischer Recherche, einer bisher vergessenen Bewegung der Moderne im Grazer Fin de Siècle nachzuspüren. Und es ist kein Zufall, dass sich gerade die Avantgarde zu dieser Zeit sehr stark im damals hochaktuellen Medium Plakat manifestierte. Allerdings gab es auch in der Steiermark keine öffentliche Institution und auch keinen privaten Sammler, die systematisch die Affichen aufbewahrt und dokumentiert hätten. So hat Eva Klein – auch dies ein Verdienst der nun vorliegenden Publikation – erst die verschiedenen Artefakte früher „Reklamekunst“ ausfindig machen müssen und damit eine echte Grundlagenarbeit geschaffen. Diese verbesserte Quellenlage ermöglichte es der Autorin auch, eine erstaunliche Neubewertung der Grazer Kunstentwicklung vorzunehmen: „Erstmals wird die, in Vergessenheit geratene, Moderne Bewegung um 1900 in der Steiermark aufgezeigt,“ so Eva Klein, „wodurch die landläufige Meinung, dass Graz vor dem ersten Weltkrieg noch keine nennenswerten Ausprägungen des modernen Stils vorweist, dezidiert widerlegt wird. Graz weist bereits um 1900 rege moderneaffine Tendenzen vor, die mit dem Begriff der Grazer Zeitkunst subsumiert werden können.“

So arbeitet die Autorin schlüssig die Bedeutung von Wilhelm Gurlitt und Paul Schad-Rossa, die in Kooperation mit dem „Grazer Künstlerbund“ und dem „Steiermärkischen Kunstverein“ die Impulsgeber der Reformbewegung waren, heraus. Erstmals werden dafür auch bisher unbekannte gebrauchsgraphische Arbeiten der Zeit behandelt und zum Teil erst den Entwerferinnen und Entwerfern zugeschrieben. Besonders interessant ist dabei, dass gerade Frauen hier eine bestimmende Rolle spielten. Dass Eva Klein mit Ferdinand Wüst auch den Gestalter der frühen Verkaufskataloge des bedeutenden Kaufhauses „Kastner & Öhler“ zweifelsfrei feststellen konnte, ist – abgesehen vom kunsthistorischen Aspekt – generell auch für die österreichische Kultur- und Wirtschaftsgeschichte von Bedeutung.

Die verdienstvolle Arbeit „Plakate. Aufbruch in die Moderne“ verbleibt jedoch zeitlich nicht nur bei der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: In einem eigenen Kapitel wird die interessante steirische Designerszene der 1920er und 1930er Jahre dargestellt: „Zusammenfassend ist festzuhalten“, schreibt die Autorin, „dass in der Zwischenkriegszeit die Gebrauchsgrafik zu einer autonomen Disziplin heranreift, die den Beruf des Gebrauchsgrafikers bzw. der Gebrauchsgrafikerin – der heutigen Grafikdesigner – herausbildet und ab 1927 durch den Bund Österreichischer Gebrauchsgraphiker vertreten wird.“

Klein, Eva: Plakate. Aufbruch in die Moderne, am Beispiel der UNESCO City of Design Graz, Graz 2014.

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