1876 war das Geburtsjahr einer Reihe von prominenten österreichischen Gebrauchsgrafikerinnen und Gebrauchsgrafikern. Aus diesem Anlass soll hier an einige dieser interessanten, vor 150 Jahren zur Welt gekommenen Persönlichkeiten erinnert werden. Sie alle waren Kreative, von denen starke Impulse zur Entwicklung der visuellen Kultur ausgingen.

Julius Klinger, Plakat, Wien 1919
Allen voran ist hier Julius Klinger zu nennen, der am 22. Mai 1876 in Dornbach (heute ein Stadtteil von Wien) geboren wurde. Von 1897 bis 1914 lebte er in Berlin und kreierte dort gemeinsam mit einigen Kollegen das sogenannte deutsche „Sachplakat“. Es war dies eine völlig neue Art von zweckorientierter Werbegrafik, bei der jedoch auch auf die ästhetische Qualität entsprechend Wert gelegt wurde. Ab 1919 wirkte Klinger wieder in Wien, wo er mit seiner extrem reduzierten Formensprache das unerreichte Vorbild von Generationen von Designerinnen und Designern wurde. Als Jude war er nach der Annexion Österreichs an Deutschland im Jahr 1938 dem nationalsozialistischen Terror ausgesetzt und wurde am 9. Juni 1942 in Minsk ermordet.

Johanna Meier-Michel. Links: Keramik „Frühling“, ca 1910; Rechts: Plakat, 1910
Die am 21. Juni 1876 in Böhmisch-Leipa/Česká Lípa im heutigen Tschechien geborene Johanna Meier-Michel erfuhr ihre Ausbildung zunächst an der Wiener „Kunstschule für Frauen und Mädchen“ und dann an der Kunstgewerbeschule. Meier-Michel machte sich vor allem im Bereich der Kleinplastik einen Namen. Mit ihren Arbeiten, die unter anderem zum Verkaufsprogramm der „Wiener Werkstätte“ gehörten, zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen dieses Genres in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für die Geschichte des österreichischen Grafikdesigns ist Johanna Meier-Michel insofern relevant, als sie für die „1. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs“, die 1910 in der Wiener Secession gezeigt wurde, das im modernen Flächenstil gehaltene Plakat gestaltete. Wegen eines schweren Bombentreffers an ihrem Wiener Wohnhaus im Zweiten Weltkrieg kehrte sie 1944 in ihren Geburtsort zurück, wo sie am 1. April 1945 verstarb.

George Karau. Plakate, 1919
Stark mit dem Thema Krieg ist auch das grafische Wirken von George Karau konnotiert. Er wurde am 24. Juni 1876 in Berlin geboren, kam 1914 nach Wien, wo er ein eigenes Atelier gründete und sich fortan der Architektur, aber auch der Werbegrafik widmete. Für die ersten Wahlen der österreichischen Republik im Jahr 1919 schuf Karau für die Sozialdemokratie zwei Plakate, die an die Opfer des Ersten Weltkriegs erinnerten. Die Sujets wurden in ihrer Einprägsamkeit zu oft publizierten Ikonen österreichischer Bildpropaganda. In der Folge war er Mitinhaber der Firma „Werkstätten Karau–Wien“, die auf Handel und Erzeugung von kunstgewerblichen Gegenständen spezialisiert war. Als Architekt arbeitete er in Wien unter anderem im Baubüro des Hauptverbandes für Siedlungswesen, für den auch Margarete Schütte-Lihotzky tätig war. Sein politisches Engagement für die Linke schadete ihm nach der Machtergreifung des Austrofaschismus im Jahr 1933 auch beruflich. Verarmt starb George Karau am 14. April 1936 in Wien.

Stephanie Glax. Links: Lithografie mit einem Sujet für ein Abbazia-Plakat „avant la lettre“, 1911; Rechts: Plakat, 1912
Eine der ersten Künstlerinnen, die Plakate für kommerzielle Zwecke entwarf, war die am 3. Juli 1876 in Rohitsch-Sauerbrunn geborene Stephanie Glax. Der Ort gehörte damals zur österreichischen Untersteiermark und ist heute als Rogaška Slatina slowenisch. Glax war Teil einer Generation, die ein neues, selbstbewusstes Frauenbild kreierte und danach auch lebte. Sie studierte um die Jahrhundertwende an der Kunstgewerbeschule in Wien Malerei und Grafik, danach war sie zu Studienzwecken in München und Paris. Der Vater der Künstlerin war ein bekannter Arzt, der erfolgreich daran arbeitete, die Küstenstadt Abbazia/Opatija zu einem der beliebtesten Kurorte der k. u. k. Monarchie zu machen. Seine Tochter unterstützte ihn dabei tatkräftig in der Bewerbung der Destination mit von ihr entworfenen Broschüren und Plakaten. Nach dem Ersten Weltkrieg heiratete sie Augusto de Stadler, der von 1928 bis 1936 Bürgermeister des nun italienischen Abbazia war. Danach zog die Familie nach Venedig und übersiedelte im Jahr 1941 nach Mailand, wo Stephanie Glax de Stadler am 29. Februar 1952 starb.

Victor Schufinsky. Links: Inserat, 1902; Rechts: Plakat, 1903
Victor Schufinsky, geboren am 28. Juli 1876 in Wien, zeigte eine erstaunliche Vielseitigkeit sowohl als Gestalter wie auch als Lehrer. Er selbst erfuhr seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Wien bei Felician von Myrbach. Bereits als Student publizierte er seine grafischen Arbeiten, die vom Raumdekor über ein Ladenschild und Zeitungsinserate bis zu Buch- und Zeitschriftenillustrationen reichten. Mit seiner Affiche für das satirische Wochenblatt „Lucifer“ gelang Schufinsky im Jahr 1903 ein häufig publizierter Standard früher österreichischer Plakatkunst. Später kamen noch Entwürfe für Porzellan und Keramik sowie von Postwertzeichen, Werbemarken und Banknoten hinzu. Von 1903 bis 1905 war Schufinsky als Assistent für Zeichnen und Malen in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien tätig. Von 1905 bis 1915 unterrichtete er an der Fachschule für Tonindustrie in Znaim/Znojmo und wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Lehrkraft an die Wiener Kunstgewerbeschule berufen. Am 7. Oktober 1947 starb Victor Schufinsky – von privaten Schicksalsschlägen schwer gezeichnet – einen Tod durch Suizid.

Otto Barth. Plakate, ca. 1910
Otto Barth prägte gemeinsam mit seinem Freund Gustav Jahn die frühe österreichische Bahnreklame. Geboren am 3. Oktober 1876 in Wien, besuchte Barth eine Zeichenschule, bevor er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte. Mit seinen Bildern war der – so titulierte – „Alpenmaler“ im Künstlerhaus und im Hagenbund, dessen Mitglied er zeitweise war, zwischen 1905 und 1911 in zahlreichen Ausstellungen vertreten. Seine Bilder, wie etwa sein Gemälde „Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner“ und auch weitere Arbeiten, wurden in zahlreichen Farbdrucken verbreitet. Ansichtskarten mit Landschaftsbildern trugen ebenfalls zu seiner Popularität bei. Für die österreichischen Staatsbahnen entwarf Otto Barth einige Plakate, die von einem modernen, durch die Fotografie inspirierten Blick auf die Landschaft geprägt waren. Nach jahrelangen gesundheitlichen Problemen verstarb der begabte Bergsteiger und Künstler am 9. August 1916, erst 39-jährig, in Wien.
2026 wird auf Austrian Posters aus Anlass der 150. Geburtstage der genannten Künstlerinnen und Künstler in aktualisierten Einzelporträts an die entsprechenden Persönlichkeiten erinnert.
Literatur:
Aynsley, Jeremy: Julius Klinger. Posters for a Modern Age, Miami Beach 2017.
Denscher, Bernhard: Gebrauchsgrafik aus Österreich. 51 Lebensläufe, Wolkersdorf 2022.
Bogner, Franz M. – Peter Hieke: Werkstätten Karau. Kostbarkeiten der wilden 20er, Wien 2020.
Tavčar, Lidija: Stephanie Glax de Stadler (1876–1952). Slikarka in grafična oblikovalka, Celje – Ljubljana 2019 [Text in slowenischer Sprache, Zusammenfassungen in englischer, slowenischer, italienischer und deutscher Sprache].
