Johanna Meier-Michel (1876 – 1945)

Johanna Meier-Michel, Frühling, Keramik, Wiener Kunstkeramische Werkstätte, um 1910

„Beim Verlassen der Ausstellung fällt unser Blick noch einmal auf das Plakat mit den farbigen Blümchen (von Johanna Meier-Michel, die dasselbe Motiv auch in einer ausgestellten Kleinplastik sehr hübsch verwendet hat), das sich angenehm von den oft so rätselhaften Plakaten der Modernen und den so langweiligen der Unmodernen durch seinen anmutigen Geschmack unterscheidet. Möchten äußere Anmut und innerer Ernst die Zeichen sein, unter denen die Kunst der Frau erwachse.“[1] Mit diesen programmatischen Worten beendet die Schriftstellerin Leopoldine Kulka ihren Bericht über die große Ausstellung „Die Kunst der Frau“, die 1910 in der Wiener Secession stattfand. Diese „1. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs“ war mit 300 präsentierten Werken ein selbstbewusstes Statement weiblichen Kunstschaffens. Der Bogen reichte dabei von frühen Renaissancewerken bis in die damalige Gegenwart.[2] Der Event wurde von den Medien als außergewöhnliches Ereignis wahrgenommen, wobei die diesbezüglichen Reaktionen von aufrichtiger Begeisterung über ignorante Herablassung bis zu zynischer Häme reichten. Johanna Meier-Michel kam dabei als Ausstellender, aber eben auch als Gestalterin des Plakates eine besondere Bedeutung zu.

Johanna Michel wurde am 21. Juni 1876 in Böhmisch-Leipa (heute Česká Lípa/Tschechien) geboren.[3] Ihre künstlerische Ausbildung erhielt sie ab 1897 in Wien zunächst in der damals neugegründeten „Kunstschule für Frauen und Mädchen“ beim renommierten Bildhauer Richard Kauffungen[4], ehe sie von 1901 bis 1905 an der Kunstgewerbeschule Metallplastik bei Stephan Schwartz und im Spezialatelier für Emailarbeiten bei Adele von Stark studierte. Bei Aufenthalten in München, Paris und Italien perfektionierte Johanna Michel ihre Ausbildung. 1905 heiratete sie den ebenfalls aus Nordböhmen stammenden Bildhauer Emil Meier, mit dem sie auch immer wieder zusammenarbeitete.

Außer dem Plakat für die Frauenkunstausstellung sind keine anderen gebrauchsgrafischen Arbeiten von Meier-Michel nachweisbar. Aber schon dieses einzelne Plakat ist aufgrund seiner ästhetischen, aber auch seiner kulturpolitischen Bedeutung im Hinblick auf die Entwicklung weiblichen Kunstschaffens in Österreich von besonderer Bedeutung, und die Künstlerin ist es deshalb wert, auch als Gebrauchsgrafikerin wahrgenommen zu werden. Das Spezialgebiet von Johanna Meier-Michel aber waren Reliefs und Kleinplastiken. Vor allem arbeitete sie für die von Bertold Löffler und Michael Powolny gegründete „Wiener Kunstkeramische Werkstätte“. Sie beteiligte sich sehr aktiv an den Ausstellungen der „Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs“, was ihr immer wieder positive Erwähnungen in den entsprechenden Kunstkritiken bescherte.

Obwohl Meier-Michel mit ihrem Mann in Wien lebte und arbeitete, hielt sie weiterhin den Kontakt zu ihrer nordböhmischen Heimat aufrecht. So schuf sie für ihren Geburtsort 1906 eine Bronzebüste des Unternehmers Heinrich Wedrich. Es folgten Porträtreliefs für das 1907 errichtete Denkmal für den deutsch-böhmischen Schriftsteller Anton Amand Paudler sowie für den 1924 fertiggestellten Denkmalbrunnen zu Ehren des Komponisten Franz Mohaupt. Die Metall-Arbeiten wurden jedoch während des Zweiten Weltkrieges von den deutschen Besatzern abmontiert und für Kriegszwecke eingeschmolzen. 1944 ging Meier-Michel gemeinsam mit ihrem Mann wegen eines Bombenschadens an ihrem Wiener Wohnhaus nach Česká Lípa,[5] wo sie im April 1945 starb[6].

Ihr Todesjahr wird in der entsprechenden Literatur, in den Katalogen der öffentlichen Sammlungen[7] und auch seitens des Kunsthandels entweder gar nicht oder meist fälschlicherweise mit 1930, einmal sogar mit 1972, angegeben.

[1] Kulka, Leopoldine: Die Kunst der Frau, in: Neues Frauenleben, 1910/12, S. 355.
[2] Die Kunst der Frau, Ausstellungskatalog der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs, Secession Wien, Wien 1910.
[3] Es gibt erstaunlich wenig Literatur zu Leben und Werk dieser Künstlerin, obwohl deren Kleinplastiken im Kunsthandel ständig präsent sind. In beiden biografischen Nachschlagewerken „Thieme-Becker“ und „Vollmer“ findet sich kein eigener Eintrag zu Johanna Meier-Michel. Nur unter dem Namen ihres Mannes Emil Meier wird sie bei „Thieme-Becker“ kurz erwähnt: Es ist dies ein markantes Beispiel für die lange herrschende Missachtung der künstlerischen Leistungen von Frauen. Es gibt auch bis dato keine Monografie über Johanna Meier-Michel. Ab Mitte der 1990er Jahre taucht ihr Name in Publikationen einer gendergerechten Kunstgeschichtsschreibung immer wieder auf, siehe etwa: Plakolm-Forsthuber, Sabine: Künstlerinnen in Österreich 1898–1938: Malerei-Plastik-Architektur, Wien 1994, S. 65, 68, 93; Julie M. Johnson: The Memory Factory. The Forgotten Women Artists of Vienna 1900, West Lafayette 2012, S. 272, 290, 386. In dem verdienstvollen, von Ilse Korotin herausgegebenen, mehrbändigen Werk „biografiA. Lexikon österreichischer Frauen“ gibt es einen von Megan Brandow-Faller verfassten Lexikoneintrag (Wien 2016, 2. Band, S 2214f.).
[4] Stieglitz, Olga – Gerhard Zeilinger: Der Bildhauer Richard Kauffungen (1854–1942). Zwischen Ringstraße, Künstlerhaus und Frauenkunstschule, Frankfurt am Main 2008, S. 179.
[5] Freundliche Auskunft des Historikers Ladislav Smejkal aus Česká Lípa per E-Mail vom 2. Juli 2018.
[6] Karpf, Josef: Wekelsdorf. Markt Wekelsdorf mit Buchwaldsdorf, Neuhof und Stegreifen. Ober-Wekelsdorf. Unter-Wekelsdorf, Forchheim 2003, S. 223f.; Diese Angabe des Todesdatums wird auch durch die Meldedaten im Wiener Stadt- und Landesarchiv gestützt (schriftliche Auskunft vom 26. Juni 2018): Seit 21. Oktober 1929 waren Emil Meier und seine Frau in Wien 3, Seidlgasse 14/21, gemeldet, wobei keine Abmeldung vorliegt. Emil Meier meldete sich wieder ab 9. Mai 1946 in Wien unter der Adresse Wien 3, Landstrasser Hauptstraße 11/4 an (Familienstand: verwitwet). In „Lehmann’s Adreßbuch“ aus dem Jahr 1942 findet sich das Ehepaar unter dem Eintrag „Meier Emil (Johanna) Bildhauer u. Emailleur, Atelier, III, Seidlg. 40“.
[7] Eine positive Ausnahme bietet diesbezüglich die „Österreichische Galerie Belvedere“, die in ihrer KünstlerInnen-Datenbank aufgrund der Archivbestände von Rudolf Schmidt und Werner Schweiger das Todesdatum mit 1945 angibt.