Gustav Belousek: „Mein Onkel Joseph Binder“

Joseph und Carla Binder (rechts) bei der Verleihung des Ehrentitels „Professor" im Generalkonsulat New York durch Generalkonsul Dr. Franz Matsch am 6.1.1953 (Foto: Nachlass Binder, MAK)

Dipl. Ing. Dr. Gustav Belousek ist als Neffe und Nachlassverwalter von Joseph Binder der „gute Geist“ hinter vielen Projekten zur Geschichte des Grafikdesigns, die mit Binder in Zusammenhang stehen. Belousek wurde 1943 in Wien geboren, studierte hier Elektrotechnik an der Technischen Universität und schloss das Studium als Diplomingenieur und als Doktor der technischen Wissenschaften ab. Nach Jahren als Universitätsassistent an der Technischen Universität Wien trat Gustav Belousek 1980 in die Generaldirektion  der Post- und Telegraphenverwaltung ein, wo er unter anderem für das Ausbildungs- und Prüfungswesen des gesamten Unternehmens verantwortlich war.

AP: Herr Dr. Belousek, sie sind der Neffe von Joseph Binder – was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Ihren Onkel?

Belousek: Während meiner ersten zehn Lebensjahre, also bis 1953, bestand ja nur die Möglichkeit zu korrespondieren. Meine Mutter hatte einen regen Kontakt mit den Binders in Amerika. Sie war die jüngere Schwester von Joseph Binder. Es gab dann noch zwei weitere Brüder, der eine war älter als Joseph Binder und der andere war der jüngste von allen. Von Joseph Binder und seinen Leistungen in Amerika ist oft erzählt worden. Und das Wichtigste war in diesen Jahren natürlich für die Familie, dass der Onkel aus Amerika Care-Pakete schickte. 1953 ist dann Joseph Binder mit seiner Frau Carla das erste Mal seit dem Krieg nach Österreich gekommen.

Bereits 1948 hatte er gewollt, dass meine Mutter nach Amerika kommt, er hat sie eingeladen. In jenem Jahr habe ich allerdings mit der Schule begonnen,  und aus diesen Gründen ist die Reise meiner Mutter nicht zustande gekommen. Es ist aber der jüngste Bruder, Hans Binder, nach Amerika gefahren, und er hat dann alles erzählt: Wie Joseph und Carla Binder wohnen und dass Joseph Binder drei Wohnungstüren weiter sein Atelier hat. Also in den Zeiten, wo er wirklich sehr viel gearbeitet hat und auch Mitarbeiter hatte, in 100 Central Park South, der berühmten Adresse in bester Lage mit Aussicht auf den Central Park.

Das erste Mal habe ich beide 1953 zu Gesicht bekommen. Sie sind mit dem Schiff aus Amerika gekommen. Damals hat es kaum Möglichkeiten gegeben zu fliegen, auch nicht um viel Geld. Und dann waren wir sogar auf Urlaub in Bad Aussee miteinander, meine Mutter, die Binders und ich. Wir sind da sehr viel wandern gegangen, und ich habe aus der Kinderzeit nur sehr gute Erinnerungen an beide. Der Joseph Binder war der joviale und sehr freundliche Charakter, Carla war etwas strenger, aber ich hatte schon als Kind und auch späterhin nie Probleme mit ihr. Ich bin der einzige Nachkomme aus der Familie Binder.

In der Folge sind die Binders alle zwei, drei Jahre nach Europa gekommen sind. Wir haben da immer relativ viel gemeinsam unternommen, weil Joseph Binder ein ausgeprägter Familienmensch war. Und er hat eben auch eine Familie gehabt im Unterschied zu seiner Frau Carla, von der wir alle nicht wussten, aus welchen familiären Verhältnissen sie stammte. Sie hat nie über ihre Familie gesprochen, und es hatte auch diesbezüglich nie jemand mit ihr Kontakt gehabt. Das einzige, was in den Dokumenten aufscheint, ist die Mutter von Carla Binder, und dass sie selbst am 26. August 1898 in Wien als Karoline Neuschill geboren wurde.

In den fünfziger Jahren haben wir immer sehr viele Familienausflüge gemacht, wir sind da zum Beispiel auf die Rax gefahren. Es waren offensichtlich wieder die Dinge, die Joseph Binder, als er noch in Österreich war, gerne gemacht hat. Er hat ja für die Raxbahn auch das berühmte Plakat entworfen.

Seit Anfang der 1950er Jahre hatte die Familie Belousek einen Garten an der alten Donau, das war natürlich auch ein Treffpunkt für die gesamte Familie. Da sind wir alle im Sommer zusammengekommen, wenn die Binders auf Besuch in Österreich waren. Wir sind dann gemeinsam essen gegangen, Joseph Binder hat immer alle eingeladen, in diesem Sinn war er vielleicht der reiche Onkel, weil wir eben eingeladen wurden. Aber so im Großen und Ganzen vermittelte er nie den Eindruck, dass er der reiche Onkel aus Amerika sei, der Häuser und Cadillacs besitzt, denn davon war eigentlich nie die Rede. Ich glaube aber schon, dass er ganz gut gelebt hat und er sich verschiedene Dinge leisten konnte. Er hat auch nie viel über seine Arbeit gesprochen, auch Carla tat das nicht, und die Zusammenkünfte waren immer reine Familienfeste. Da ist gelacht worden, sind Witze erzählt worden, er hat dabei auch seine böhmische Abstammung mütterlicherseits betont und gerne böhmische Witze erzählt. Das war recht lustig, aber Carla Binder hat ihn dann immer etwas eingebremst.

AP: Haben Sie schon als Kind gewusst, welche Bedeutung er in den USA damals hatte?

Belousek: Ja, schon. Er hat ja für die US-Navy gearbeitet, das war sein fixes Einkommen. Da hat er dann erzählt, dass er oft von New York nach Philadelphia fliegen muss, und er hat auch erzählt, dass das mit Propellerflugzeugen bei Gewitter eine sehr riskante Geschichte war. Er hat uns auch viel über den amerikanischen Lebensstil erzählt, über den man bei uns noch nicht viel wusste.

Bezüglich seiner Geschäftskontakte hat er berichtet, dass bei den Meetings die Teilnehmer selten über die Sache, sondern meist über sich selbst gesprochen haben und die Chairmen nicht für die Aufgabe bezahlt wurden, der sie eigentlich nachkommen sollten, sondern dafür, dass sie die Konkurrenten, die an ihren Sesseln sägen wollten, erfolgreich davon abhielten. Also er hat in eher launiger Art diese Dinge alle erzählt. Aber so richtig über seine Arbeiten ist eigentlich nie gesprochen worden. Es waren immer nur Impressionen aus dem Alltag, aber so genau haben wir nie gewusst, wofür er gerade arbeitete und welche Aufträge er außer jenen für die Navy noch hatte.

AP: Hat er nie etwas von seiner Arbeit hergezeigt?

Belousek: Nein, eigentlich nicht. Eine Ausnahme war die religiöse Plakatserie, die er ebenfalls für die Navy gezeichnet hat und die er uns einmal zu Weihnachten geschickt hat. Auch auf den Wunschbillets zu Weihnachten waren seine Arbeiten drauf. Aber so im Detail hat er eigentlich nie darüber gesprochen. Im Jahr 1963 ist er mit 65 Jahren in Pension gegangen. Davor hat er immer schon gesagt, dass er dann das machen will, was ihm wirklich Spaß macht, nämlich malen. Und so ist er dann umgestiegen auf die von ihm kreierte „nonobjective art“.

AP: Er hat ja damit von Anfang an große Anerkennung gefunden. Man hat den Eindruck, was er in die Hände genommen hat, das hat funktioniert.

Belousek: Ja, auch seine letzte Ausstellung im MAK, die ja dann zu seiner Gedächtnisausstellung geworden ist, weil er noch vor der Eröffnung der Schau in Wien verstorben ist, diese Ausstellung war ja nur seiner abstrakten Kunst gewidmet. Es war auch interessant, dass er sich im Zusammenhang mit seiner Kunst intensiv mit der Geometrie beschäftigt hat. Und ich kann mich noch gut erinnern, dass er sich sehr für das Fach „Darstellende Geometrie“, das ich in der Schule hatte, interessiert hat. Es muss so 1961/62 gewesen sein, dass er sich sogar mein Lehrbuch für „Darstellende Geometrie“ ausgeborgt hat. Er hat das interessant gefunden und hat sich möglicherweise einige Ideen für seine Bilder geholt, die ja durchgehend auf einfache geometrische Grundstrukturen zurückgehen.

AP: Wie sah nun die Konstruktion um den Nachlass von Joseph Binder nach dem Tod von Carla Binder aus?

Belousek: Carla Binder hinterließ ein zehnseitiges Testament, in dem manches sehr detailliert, aber manches gar nicht geregelt war. Nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund der bürokratischen Hürden in den USA dauerte es lange, bis alles in Ordnung gebracht wurde.

Der persönliche Nachlass, inklusive Möbeln, Schriftverkehr und seinen Werken, ist komplett an das „Museum für angewandt Kunst“ in Wien gegangen. Was das Geldvermögen betrifft, so ist die Situation so, dass das MAK und designaustria jeweils 30 Prozent des Zinsgewinnes aus Binders Geldvermögen für Binder-relevante Projekte bekommen. Es geht dabei eben darum, die Bedeutung, das Leben und Werk von Joseph Binder entsprechend zu würdigen und seine Bekanntheit weiter zu fördern. Es gibt derzeit mit den beiden genannten Institutionen ein sehr gutes und konstruktives Einvernehmen, und gerade, weil die Zinsgewinne derzeit stark gesunken sind, ist es sehr positiv, dass das MAK und designaustria nicht getrennt agieren, sondern hier gut zusammenarbeiten. Mittlerweile konnte mit Hilfe dieser Mittel der Binder-Nachlass im MAK von René Schober vorbildlich aufgearbeitet werden, der Joseph-Binder-Award ins Leben gerufen werden oder etwa die MAK-Publikation über die „Ephemera“ herausgebracht werden.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE BERNHARD DENSCHER.

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