Visuelle Kultur und politische Propaganda in Österreich (1914–1920)

Karikatur zu den Nationalratswahlen, Illustrierte Kronen-Zeitung, 15.10.1920

In Österreich gab es vor dem Ersten Weltkrieg zwar schon politische Plakate, aber im Wesentlichen waren dies reine Textplakate. In Ungarn war dies anders: Besonders der Grafiker Mihály Biró ist hier zu nennen, der ab 1910 spektakuläre Bildplakate für die Sozialdemokratische Partei Ungarns entwarf und der später damit auch für Österreich eine herausragende Bedeutung erlangen sollte. Besonders sein Plakat für die Zeitung „Népszava“ aus dem Jahr 1912 mit dem roten Mann wurde weit über Ungarn hinaus ein Vorbild für visuelle politische Propaganda.[1]

In Österreich hingegen war man noch nicht so weit: Denn auch zu Beginn des Ersten Weltkrieges entwickelte sich der Einsatz von Bildplakaten für politische Zwecke eher zögerlich. Patriotische Propaganda manifestierte sich nur über Umwege auf den Plakatwänden. Bilder von jubelnden Soldaten und Parolen, wie „zu Weihnachten sind wir wieder zu Hause“ belegen die ungebrochene Euphorie zu Beginn des Krieges. Auch die Werbung spiegelt im Jahr 1914 diese fatale Unterschätzung der Bedrohung wider, der Krieg wurde als Thema da noch von der Unterhaltungsbranche vereinnahmt. Wie weit die mediale Wahrnehmung von der grausamen Realität entfernt war, zeigt besonders deutlich die Ankündigung des Wiener „Apollo Variété-Theaters“, in der eine Show beworben wird, in der kostümierte Hunde „lustige Bilder“ des Soldatenlebens präsentieren. Doch die Showbranche zeigte auch ernsthaftere Bemühungen, patriotische Statements abzugeben. So wurde etwa bei dem Plakat für eine Performance im berühmten Musikvereinssaal auch optisch die sogenannte „Waffenbrüderschaft“ zwischen Deutschen und Österreichern in Form eines pathetischen Handschlags zwischen einem deutschen und einem österreichischen Soldaten beschworen.

Links: Anonym, 1914 / Rechts: Fritz Gareis, 1914

Von Anfang des Krieges an zeigte sich, dass sich in Österreich die offiziellen Stellen nicht so sehr einer Bildpropaganda annahmen, wie dies etwa bei anderen kriegsführenden Mächten der Fall war.  Der Kaiser verfügte in herablassenden Worten an „seine Völker“, was zu tun sei, doch es schien offenbar unter der kaiserlichen Würde, um das Commitment der Bevölkerung zu werben. Patriotismus war eine Bürgerpflicht, von der man glaubte, sich ihrer nicht unbedingt vergewissern zu müssen. Es gab zwar das „Kriegspressequartier“, in dem eine Reihe von Autoren und bildenden Künstlern auf bequeme und ungefährliche Weise ihrer „Soldatenpflicht“ nachkommen konnten, das sich aber in erster Linie mit Pressearbeit und einer Art von „künstlerischer Überhöhung“ des Krieges beschäftigte. Die eigentliche Plakat-Propaganda erfolgte über Umwege und wurde von verschiedenen Institutionen, wie etwa karitativen Vereinigungen, betrieben. So war eines der ersten propagandistischen Plakate des Krieges in Österreich die Werbung für eine Kunstausstellung, die ausschließlich Kaiser Franz Joseph als Motiv gewidmet war. Die Anfangsmonate des Krieges waren stark vom Bildnis des Kaisers geprägt. Er sollte die sinnstiftende Gemeinsamkeit der vielen unterschiedlichen Völker der Monarchie darstellen. So wurden nach Bekanntwerden der Kriegserklärung bei den verschiedenen öffentlichen Kundgebungen in Wien neben den schwarzgelben Fahnen auch große Bilder des Kaisers durch die Straßen getragen.[2]

Links: Adolf Karpellus, 1914 / Rechts: Ansichtskarte, ca. 1914

Tausende von Postkarten, Marken und Kalender mit dem Porträt des Kaisers – oft in Verbindung mit dem Bild des deutschen Kaisers Wilhelm – wurden publiziert.

Neben der alltäglichen Präsenz des kaiserlichen Bildnisses ist gleichzeitig aber auch eine Tabuisierung des Monarchenporträts zu beobachten. Offenbar war es nur gestattet, sein Bildnis in einem offiziellen und feierlichen Kontext zu verwenden. Plakate mit seinem Abbild, die dem rauen Straßenleben ausgesetzt waren, betrachtete man offenbar als kein standesgemäßes Medium für einen Monarchen. So zeigt dieses Plakat ja auch nur eine Skulptur, die Franz Joseph darstellt, und nicht die Person des Kaisers selbst. Aus diesen Jahren sind kaum Plakate erhalten, auf denen, so etwa wie auf den vielen Postkarten, mit dem Bildnis des Kaiser geworben worden wäre. Überhaupt hielten sich offizielle staatliche Stellen sehr in der breitenwirksamen Straßenwerbung zurück, Kriegspropaganda wurde da vor allem von privaten Stellen betrieben.

Links: Emil Ranzenhofer, 1915 / Rechts: Anonym, 1914

Neben der Veranstaltungsszene war es vor allem die Wirtschaftwerbung, die diese Aufgabe übernahm, wie etwa dieses Plakat für Zigarettenpapier, das die Marke „Helden“ bewirbt und in den Illustrationen die militärische Verbundenheit der Österreicher zu den Deutschen und Ungarn beschwört. Ein anderes Plakat für Zigarettenpapier zeigte, dass man auch mit äußerst brutalen Darstellungen um Kunden warb. Die Affiche offenbart unverblümt die wirtschaftliche Komponente des Krieges, denn der eigentliche Gegner ist hier nicht Frankreich, sondern das französische Konkurrenzprodukt.

Beide Plakate: Adolf Karpellus (Links: 1916 / Rechts: 1917)

Die staatsnahen Propagandisten waren wesentlich zurückhaltender, das auffälligste Werbemedium waren da die Plakate, die für den Erwerb von Kriegsanleihen warben. Erst ab der zweiten Anleihe, die im Mai 1915 herauskam, setzte eine Bewerbung über illustrierte Plakate ein. Zunächst waren dafür einzelne Banken verantwortlich, ab der dritten Anleihe im Herbst 1915 wurden derartige Affichen auch von offizieller staatlicher Seite produziert. Es waren renommierte Künstler, denen diese Aufgaben anvertraut wurden, und sie entwickelten dabei verschiedene Bildstrategien, um positiv gestimmte Visualisierungen für den Krieg und damit für das zu verkaufende Produkt „Kriegsanleihe“ zu entwickeln. Eine dabei in Österreich häufig gewählte Methode war die Verharmlosung der schrecklichen Realität des Krieges durch eine Verlegung des Geschehens in frühere Jahrhunderte. Da tummeln sich Herolde mit wehenden Fahnen und Ritter zu Pferd, während in der Realität des Krieges tausende Soldaten im Artilleriefeuer und unter Maschinengewehr-Attacken starben.

Links: Maximilian Lenz, 1917 / Rechts: Anonym, Published by the Parliamentary Recruiting Commitee, June 1915

Immer wieder wurde dabei auch auf die christliche mittelalterliche Ikonografie zurückgegriffen und der Krieg als Kampf des Ritters mit dem Drachen optisch umgesetzt. Die beiden britischen Autoren David Bownes und Robert Fleming schreiben dazu: „The use of medieval knights to represent national virtues was especially popular in Germany and Austria, where such images drew on a rich tradition of folklore and historical fact.“ [3]

Ein interessantes Beispiel zeigt, dass es dabei offenbar auch Beeinflussungen über die Frontgrenzen hinweg gab. 1915 erschien etwa in Großbritannien ein Rekrutierungsplakat, das den heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen zeigt, als Sieg des Guten über das Böse. In einer stilistisch ganz ähnlichen Weise nahm der österreichische Grafiker Maximilian Lenz zwei Jahre später das Motiv auf. Es ist schwer zu glauben, dass Lenz das britische Plakat nicht gekannt hat, zu ähnlich ist der Bildaufbau seines Plakates mit dem der britischen Arbeit. Auch wenn es erstaunlich ist, so gab es tatsächlich in Wien bereits während des Krieges die Möglichkeit in Ausstellungen Beispiele feindlicher Bild-Propaganda zu sehen, wie etwa Anfang 1917 in der „Ausstellung von Kriegsgraphik“ im „Museum für angewandte Kunst.[4]

Links: Alfred Roller, 1917 / Rechts: Paul Suján, 1917

Abseits der verharmlosenden historischen Bilder gab es auch hin und wieder Plakate mit realistischeren Darstellungen aus dem Krieg. Sie waren in Österreich jedoch selten von einem kriegerischen Pathos getragen, sondern appellierten in ihrer Wirklichkeitsnähe eher an das Mitleid der Betrachter. Die Ernüchterung in der Bevölkerung, in der die anfängliche Kriegsbegeisterung bald gewichen war, dokumentieren Plakate wie etwa jenes Plakat zur 7. Kriegsanleihe mit der Frage “Und Ihr?“. Noch schonungsloser war mitunter die Werbung für den sozialen Bereich, wie etwa ein Plakat für die Kriegsfürsorge-Ausstellung in Bratislava zeigt. Im Rahmen der totalitären nationalsozialistischen Propaganda während des Zweiten Weltkrieges wären derartige Bilder völlig undenkbar gewesen.

Links: Ernst Ludwig Franke, 1918 / Rechts: Kurt Libesny, 1918

Verständlich, dass angesichts der Realität des Krieges die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung immer größer wurde. Die späteren Kriegsanleihe-Plakate sprachen diese Friedenssehnsucht mit immer wieder neuen Bildern sehr deutlich an. Da zeigt zum Beispiel ein Bauer, wie man mit Geldstücken für die Kriegsanleihe den Frieden säen kann, oder zwei österreichische Soldaten öffnen eine schwere Stahltür zum Frieden. Ein anderes Bild wiederum zeigt das Wiedersehen von Soldaten und Familien vor der Skyline von Wien und spricht hier eine heiß ersehnte Vorstellung von Millionen Menschen in dieser schweren Zeit an. Im Vergleich zu der Plakatpropaganda der Alliierten war die österreichische Werbung also erstaunlich zurückhaltend. Dies wird besonders deutlich, wenn man etwa die forcierten propagandistischen Attacken der USA gegen den Gegner Deutschland ansieht.

Woher kam also die Schärfe in die politische Bildwelt der österreichischen Wahlkämpfe nach dem Ersten Weltkrieg? Der wesentliche Einfluss der Plakate des Ersten Weltkrieges auf die Entwicklung der Nachkriegszeit war eben nicht die aggressive Bildsprache, sondern die Tatsache an sich, dass man nun auch politische Inhalte visualisierte. Ein weiterer wichtiger Aspekt der medialen Entwicklung war die Aufhebung jeder Art von Zensur mit Beschluss der österreichischen Nationalversammlung vom 30. Oktober 1918. Die Maßnahme war eine Befreiung der Medien von den Zwängen der Kriegszensur, ermöglichte allerdings aber auch die ungehemmten propagandistischen Auseinandersetzungen, die mitunter zu einem  extremen Verächtlichmachen der politischen Gegner bis hin zur antisemitischen Hetze führen konnte.

Beide: George Karau, 1919

Am 16. Februar 1919 fanden in Österreich die ersten freien demokratischen Wahlen unter Einschluss der Frauen statt. Aufsehenerregend neu war eben in diesem Wahlkampf der massenweise Einsatz von Bild-Plakaten. Unter dem Titel „Die Bildergalerie der Straße“ hieß es dazu in der „Neuen Freien Presse“: „Das illustrierte Wahlplakat gibt der Wahlwoche seine Signatur. Der Text ist nur die Zugabe zur Zeichnung. Das Bild dominiert, strebt die alleinige und unabhängige Wirkung an. Es rechnet mit der psychologischen Tatsache, daß das Kino dem Theater den Vorrang abgewonnen hat. Darum der Wettkampf der Plakatzeichner, wer den kürzesten Kommentar beansprucht und den wortkargsten.“[5] Und wenige Tage danach hieß es im „Interessanten Blatt“: „Eine schöne Zeit für die Plakatkünstler. In den politischen Gedanken der Bilder ist manche Wahrheit zu finden. Es wird für Sammler hohe Zeit sein, eine Sammlung der Wahlplakate anzulegen, da sie nach der Wahl verschwinden werden.“[6]

Die Affichen der Sozialdemokraten beschäftigten sich nicht so sehr mit den politischen Rivalen, sondern widmeten sich der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit. Die Hauptkonkurrentin der Sozialdemokraten, die Christlichsoziale Partei, schloss mit dem Plakat des heimgekehrten Soldaten an die Bild-Ästhetik des Ersten Weltkriegs an, sie stellte ihre linken Gegner allerdings auch als brandstiftende und bombenwerfende rote Terroristen dar.

Links: Franz Griessler, 1919 / Rechts: Fritz Schönpflug, 1919

Ein besonderes Phänomen in dieser propagandistischen Auseinandersetzung waren die Plakate der „Bürgerlich-demokratischen Partei“. Diese kleine liberale Gruppierung hatte es sich zur Aufgabe gemacht, eine entscheidende dritte Kraft in Österreich zu werden. Dafür führte sie den materialmäßig weitaus aufwendigsten Wahlkampf aller Parteien mit den meisten Bildplakaten, für die sie versierte Werbegrafiker engagierte. In immer wieder neuen Visualisierungen wurde die angebliche Gefährlichkeit der beiden großen Parteien veranschaulicht. Hier zum Beispiel führt der rote Teufel gemeinsam mit dem schwarzen katholischen Geistlichen das Volk in den Abgrund. Trotz des enormen Aufwandes war das Wahlergebnis für diese liberale Partei mehr als enttäuschend.

Theo Matejko, 1919

Ein Jahr danach, also 1920, kam es in Österreich wieder zu bundesweiten Wahlen: Wesentliche Impulse erlangte die grafische Szene damals durch die Arbeiten von Mihály Biró für die Sozialdemokratische Partei. Er ließ dafür seinen roten Mann aus der Zeit vor dem Krieg wieder auferstehen, den er nun für diesen Wahlkampf in verschiedenen Konfliktsituationen zeichnete. Immer ging es dabei um den Kampf des Proletariers gegen eine vereinte Front von Reaktionären, die als Kleriker, kaiserlicher General, Kapitalist und Großgrundbesitzer dargestellt wurden. Einmal wollen sie ihm den Zutritt zum Parlament verwehren, dann wollen sie ihn wieder hindern, das Land vom Müll der Monarchie zu reinigen.

Links: Mihály Biró, 1912 / Rechts: Mihály Biró, 1920

Die Aggression in der Bildrhetorik dieser Nachkriegsjahre kommt – wie bereits gesagt – nicht so sehr aus der Bildwelt der österreichischen Plakate des Ersten Weltkriegs, sondern ist der allgemeinen Aggression in der politischen Auseinandersetzung jener Zeit geschuldet. Vorbilder fand man dabei in der politischen Karikatur und vor allem in internationalen Plakat-Beispielen. Der etwa von Mihály Biró kreierte „Rote Riese“ spielte im Nationalratswahlkampf 1920 eine bedeutende Rolle, wie drei Beispiele verschiedener Parteien zeigen. Der Riese der Christlichsozialen Partei, entworfen von Alois Mitschek, schützt das Volk vor Kapitalisten, die gemeinsam mit einem Sozialisten, erkennbar am „Jakobinerhut“, in den Abgrund führen wollen. Die Darstellung der Bourgeoisie folgte – der damaligen Ideologie dieser Partei entsprechend – antisemitischen Karikatur-Schablonen.

Links oben: Hanns Zehetmayr, 1920 / Unten: Alois Mitschek, 1920 / Rechts: Mihály Biró, 1920

Wie ein Pamphlet der Rechten gegen die Linken sieht das von Hanns Zehetmayr gestaltete Plakat der Kommunistischen Partei aus. Mit der Fackel in der Hand zerschmettert hier der „Rote Riese“ auf dem Weg zur Diktatur des Proletariats das Parlamentsgebäude, während der sozialdemokratische „Superman“ versucht, gegen den Widerstand der Reaktionäre den Zugang zum Parlament zu erlangen. Diese Beispiele offenbaren unter Verwendung derselben Symbolfigur sehr deutlich die unterschiedlichen ideologischen Positionen der Parteien. Sie zeigen auch, dass Plakate bisweilen deutlicher als andere Quellen die Atmosphäre und Mentalitäten einer Epoche dokumentieren können.

[1] Horn, Emil, Mihály Biró, Hannover 1996 (=Reihe internationale Plakatkünstler).
[2] Fremden-Blatt, 28.1.1914, S. 11.
[3] Bownes, David – Robert Fleming, Posters of the First World War, Oxford 2014, S. 90.
[4] Denscher, Bernhard, Gold gab ich für Eisen. Kriegsplakate 1914–1918, Wien 1987, S. 81; Kunstchronik und Kunstmarkt, 6.4.1917, S. 284; Neues Wiener Tagblatt, 9.3.1917, S. 8.
[5] Neue Freie Presse, 15. 2.1919, S. 13.
[6] Das interessante Blatt, 20.2.1919, S. 9.

Deutschsprachige Version des im Rahmen der internationalen Konferenz „Visualizing Cataclysm and Renewal. Visual Culture and War Representations in Central and Eastern Europe in World War One and its Aftermath (1914–1920)” am 31.5.2019 in Budapest gehaltenen Vortrags „War posters and their influence on the visual culture of the political propaganda in the First Austrian Republic”.

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