Pionierinnen des österreichischen Grafikdesigns

Von links oben: Helga Schenker, Edith Strauss-Pilpel, Antoinette Langer, Paula Broch, Mela Köhler, Lizzi Pisk, Luise Wasserthal-Zuccari, Hansi Lehner-Rosner, Antoinette Langer, Edith Ranzoni-Riedel, Hansi Lehner-Rosner, Helga Schenker, Lizzi Pisk, Mela Köhler, Paula Broch

„Es ist sehr verwunderlich, wie wenig Frauen in ganz Europa in der Reklame leitende Stellungen haben. Dieses Gebiet eignet sich wie kaum ein zweites für intelligente, wohl gebildete Frauen“, befand der Werbeexperte Hanns Kropff in seinem 1926 erschienenen Buch „Wie werde ich Reklamechef?“[1]

Was für die Werbewirtschaft in ihrer Gesamtheit zutraf, galt insbesondere für den Bereich des Grafikdesigns. Im Februar 1928, also fast eineinhalb Jahre nach der Gründung des „Bundes österreichischer Gebrauchsgrafiker“ (BÖG), betrug die Relation bei der Mitgliedschaft 41 Männer zu einer Frau.[2] In der Folge verbesserte sich die Lage ein wenig, aber nicht wirklich deutlich: Unter den 150 Namen, die dem BÖG im Laufe der Zwischenkriegszeit zuordenbar sind, finden sich bloß 20 von Frauen. Obwohl die Ausbildungslage in Österreich für Frauen, die Gebrauchsgrafikerinnen werden wollten, mit der Wiener „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ und der „Kunstgewerbeschule“ (heute Universität für angewandte Kunst) sehr gut war, hatten es Frauen offensichtlich schwer, sich als Grafikerinnen zu etablieren. Umso höher sind die Leistungen jener einzuschätzen, die trotz massiver Widerstände in ihren Berufen reüssieren konnten. Und wie immer bei ähnlichen Entwicklungsgeschichten, war es auch wichtig, aus welchem Umfeld die entsprechenden Personen kamen.

Die erste Frau, die in den BÖG eintrat, war Paula Broch (geborene Strenitz). Sie fand ihren Rückhalt in einer bemerkenswert kreativen Familie: Ihr Vater war der bekannte Modezeichner und Erfinder Alexander Strenitz und – so wie seine Tochter – ab 1928 ebenfalls BÖG-Mitglied.[3] Ihre Schwester Grete war Modeillustratorin, ihr Bruder Hans ein erfolgreicher Fotograf, der mit der prominenten Porträt- und Modefotografin Edith Glogau verheiratet war. Und Paula Brochs Schwester Eleonore war die Ehefrau des nicht minder bekannten Grafikdesigners Josef Autherid, der ebenfalls 1928 dem BÖG beitrat.

Paula Broch, Inserat in der Zeitschrift „Die Bühne“, 1933

Paula Strenitz (Broch) wurde am 8. Oktober 1896 in Wien geboren.[4] Von 1910 bis 1913 besuchte sie die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt. In der Folge gestaltete sie unter anderem Grußpostkarten in der Art der Wiener Werkstätte und war, so wie ihre Schwester Grete, Mitarbeiterin des Periodikums „Meine erste Zeitung“, das sich an Kinder im frühen Lesealter.[5] Daneben beschäftigte sie sich in vielfältiger Weise mit Kunsthandwerk und stellte unter anderem Schmuckgegenstände, Scherenschnitte, Spielzeug und Stickereien her.[6] Im Juli 1921 heiratete sie den Juristen und später ebenfalls in der Werbebranche tätigen Dr. Oskar Broch und firmierte fortan auch in künstlerischen Belangen unter dem Namen Paula Broch. In den 1920er Jahren lieferte sie regelmäßig Zeichnungen für die Zeitschrift „Die Bühne“. Daneben gestaltete sie Inserate und Plakate für verschiedene Firmen der Mode- und Kosmetikbranche. Nach der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 hatten Paula Broch, deren Vater jüdischer Herkunft war, und ihr jüdischer Ehemann von massiven Repressionen und Verfolgung bedroht. Im Jahr 1940 gelang dem Ehepaar gemeinsam mit ihrer 1923 geborenen Tochter Susanne über Italien die Flucht in die USA, wo die Familie den Namen Brock annahm. Am 1. März 1978 verstarb Paula Broch (Brock) in New York.

Die zweite Grafikerin, die dem BÖG im Jahr 1928 beitrat, war ähnlich gesellschaftlich und familiär vernetzt wie ihre ältere Kollegin Paula Broch. Es war dies die am 24. August 1903 in Wien geborene Johanna Rosner[7], die sich später mit Vornamen bevorzugt Hansi nannte. Sie hatte die Möglichkeit, beim damals international erfolgreichsten österreichischen Designer, nämlich bei Julius Klinger, zu lernen und dann in der Folge als seine Assistentin tätig zu sein. Bereits als Zwanzigjährige bekam sie interessante Aufträge, wie etwa für drei Ballplakate innerhalb einer Saison. Sie war auch Ko-Gestalterin eines Faschingsfestes des BÖG und bald so prominent, dass sie in der Gesellschaftsberichterstattung des „Neuen Wiener Tagblatts“ als Ballbesucherin wiederholt Erwähnung fand.[8] Zur Mode hatte sie eine besondere Affinität: Im Jahr 1927 entwarf sie nicht weniger als 160 Modeillustrationen für die Zeitschrift „Moderne Welt“. Darüber hinaus schuf sie eine Vielzahl an Inseraten, Verpackungen und Werbedrucksachen.

Hansi Lehner-Rosner, links: Theaterprogramm, 1925; rechts: Illustration für die Zeitschrift „Mocca“, 1934

1929 wurde Rosner Mitglied des „Schieds- und Ehrengerichts“ des BÖG und war damit die erste Frau, die eine offizielle Funktion in der Interessensvertretung innehatte. 1931 heiratete Hansi Rosner den Werbeexperten und Präsidenten des Verbandes österreichischer Reklamefachleute Ernst Lehner, nannte sich fortan meist Lehner-Rosner und signierte häufig mit „Lero“.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland im Jahr 1938 musste das Ehepaar aufgrund seiner jüdischen Herkunft fliehen. Über London gelang ihnen im Jahr 1940 die Ausreise nach New York, wo sich die Designerin wieder mit Vornamen Johanna nannte und in einer Werbeagentur in ihrem erlernten Beruf tätig sein konnte. Auch nach dem Krieg hielt Lehner-Rosner Kontakt mit dem BÖG, so etwa ist sie in dem von der Vereinigung im Jahr 1950 herausgegebenen Mitgliederverzeichnis unter der Rubrik „Österreichische Gebrauchsgrafiker im Ausland“ mit Wohnsitz New York aufgelistet.[9] Am 13. August 1993 starb Johanna Lehner-Rosner in Woburn, Massachusetts.

Es ist wohl kein Zufall, dass die allerersten Pionierinnen des österreichischen Grafikdesigns aus jüdischen Familien kamen, spiegelt dies doch die allgemeine personelle Situation in der frühen professionellen Gebrauchsgrafik des Landes wider. So waren schon die „Großen Drei“ des frühen österreichischen professionellen Grafikdesigns, Julius Klinger, Ernst Deutsch-Dryden und Hans Neumann, jüdischer Abstammung. Klinger wurde im KZ ermordet, Deutsch-Dryden starb im amerikanischen Exil, Hans Neumann emigrierte nach Australien und fand nach seiner Rückkehr nach Österreich im Jahr 1957 bei Weitem nicht die ihm gebührende Anerkennung.[10]

Warum aber war der Anteil von jüdischen Kreativen im Grafikdesign jener Zeit relativ hoch? Jahrhundertelang waren jüdische Menschen aufgrund von diskriminierenden Gesetzen von vielen Berufsfeldern ausgeschlossen. Erst im Jahr 1867 wurde die jüdische Bevölkerung in Österreich-Ungarn rechtlich gleichgestellt und konnte sich nun voll in die Gesellschaft einbringen. Gleichzeitig entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der dynamischen Transformationsprozesse in der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung eine Reihe von neuen Berufsfeldern. Die Entstehung einer Massengesellschaft führte zu einer neuartigen Medienlandschaft. Dies brachte vor allem im Kreativbereich eine Vielzahl von neuen Berufsmöglichkeiten: Journalismus, Theater, Film, Unterhaltungsindustrie und Werbewirtschaft boten Aufgabenfelder und Tätigkeitsbereiche, die nun auch Menschen jüdischer Herkunft offenstanden.

Auch die Profile der weiteren Grafikerinnen, die in den 1930er Jahren dem BÖG beitraten, spiegeln die komplexe gesellschaftliche Situation Österreichs in jener Zeit deutlich wider. Nach der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland hatte die Hälfte der weiblichen BÖG-Mitglieder aufgrund ihrer jüdischen Herkunft schwere Repressionen und Verfolgungen zu erleiden. Keine der ins Ausland Geflohenen kehrte nach 1945 dauerhaft nach Österreich zurück, niemand hatte sich hierzulande darum bemüht. Die Ermordung und Vertreibung jüdischer Menschen durch das nationalsozialistische Regime waren nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern hinterließen auch große Lücken in der intellektuellen und kreativen Szene in Österreich.

Edith Strauss-Pilpel, Plakat, 1928

Die Werbegrafikerin und Buchillustratorin Edith Strauss-Pilpel etwa, als Kind österreichischer Eltern am 16. November 1908 in Moskau geboren, musste aus Wien fliehen und konnte gemeinsam mit ihrem Mann in die USA emigrieren. Am 4. März 1990 verstarb sie in New York. Ihr kreatives Schaffen war vom offiziellen Österreich sowohl unbeachtet als auch unbedankt geblieben – so wie auch jenes ihrer Schicksalsgenossinnen. Eine davon ist die am 2. Mai 1899 in Wien geborene Melly (Amelie) Bachrich. Sie besuchte nach der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt von 1931 bis 1935 als Gastschülerin die Kunstgewerbeschule und war in Wien vor allem als Zeitschriftenillustratorin und Exlibris-Gestalterin tätig.[11] Ende 1938 konnte sie vor den Verfolgungen nach Großbritannien fliehen, wo sie am 15. Mai 1984 im Stadtteil Pinner in London verstarb.

Melly Bachrich, Titelblätter für die Zeitschrift „Moderne Welt“, 1925

Gleichermaßen hierzulande weitgehend vergessen ist die am 17. April 1909 in Wien geborene Lori (Laura) Spielberger (ab 1932 verheiratete Sachs). Die „Reklamezeichnerin“ war zunächst Schülerin von Julius Klinger und von 1928 bis 1931 Studentin an der Kunstgewerbeschule. Auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus gelangte sie nach Australien, wo sie 1978 in Sydney starb.

Einen sehr speziellen Fall stellt Lizzi Pisk dar, weil sie bereits in der Zeit des Austrofaschismus das Land Richtung England verließ. Einerseits, weil sie politisch links orientiert war, andererseits aber vielleicht auch deshalb, weil sie eine Vorahnung hatte, was auf jüdische Menschen zukommen konnte, wenn Nazi-Deutschland Österreich annektieren würde. Pisk ist in Österreich bis heute kaum bekannt, aber mit ihrem weitgefassten Gestaltungsverständnis die international wohl bedeutendste österreichische Designerin ihrer Generation. Geboren wurde sie als Alice Pisk am 22. Oktober 1909 in Wien in eine wohlsituierte jüdische Familie.[12] Bereits ab 1924, also schon mit 15 Jahren, besuchte sie die Kunstgewerbeschule, wo sie bis 1928 Schrift, Grafik und auch Architektur studierte. Danach trat sie nicht nur als Zeichnerin für Periodika wie „Die Bühne“, den „Wiener Tag“ oder die „Moderne Welt“ sowie als Kostümbildnerin und Bühnengestalterin hervor, sondern betätigte sich auch als Tänzerin und Bewegungspädagogin. 1933 kam sie erstmals nach Großbritannien, wo sie unter anderem für Zeitungen, wie etwa den „Evening Standard“ oder den „News Chronicle“, als Illustratorin arbeitete.

Lizzi Pisk, Illustration für die Zeitschrift „Moderne Welt“, 1933

Lizzi Pisk ist insofern bemerkenswert, weil sie in ihrem Schaffen von einem erweiterten Design-Begriff ausging, der von der Grafik über Kostümentwürfe bis zu Performance und Masseninszenierungen reichte. Dieser Zugang hatte in Wien Geschichte, denn bereits 1879 gestaltete der Maler Hans Makart den legendären Festzug zu Ehren des Kaiserpaares und 1908 war es der Grafiker und Architekt Joseph Urban, der den Kaiserjubiläums-Festzug maßgeblich optisch prägte. 1931 stylte der junge Grafiker Walter Harnisch, BÖG-Mitglied seit 1930, gemeinsam mit Arnold Meiselmann das „Festspiel der 4000“ im Wiener Stadion anlässlich der Zweiten Arbeiterolympiade. 1934 erhielt Pisk, sicher von dieser Tradition künstlerisch geprägt, den Auftrag, für eine Serie von Festspielen zur Geschichte der englischen Arbeiterbewegung die Kostüme für 1400 Darstellerinnen und Darsteller zu entwerfen. Die Performance, die Musik, Tanz und Schauspiel miteinander verband, fand im Londoner „Crystal Palace“ statt und wurde vom „Central Women’s Organisation Committee of the London Trades Council” organisiert.

Pisk war eine Zeitlang sowohl in Wien als auch in London tätig, bis sie sich 1937 dauerhaft für England entschied. Sie stellte dort erfolgreich ihre Zeichnungen aus, unterrichtete an renommierten Kunst- und an Theaterschulen, betätigte sich als Kostüm- und Bühnenbildnerin und machte sich bald als Choreographin und „Moving director“ einen weithin anerkannten Namen. Litz – wie sie sich in England nannte – arbeitete für die Royal Shakespeare Company, das Old Vic Theatre, das National Theatre und die Royal Exchange Company in Manchester sowie für Film und Fernsehen. Ein Highlight ihrer choreografischen Arbeit war die Kooperation mit ihrer früheren Schülerin Vanessa Redgrave für den Film „Isadora“ (1968), in der die erfolgreiche Schauspielerin unter der Regie von Karel Reisz und unter der Choreografie von Pisk die Tänzerin Isadora Duncan spielte. Ihre späteren Lebensjahre verbrachte Pisk in Cornwall, wo sie sich wieder intensiv mit dem Zeichnen beschäftigte und am 6. Jänner 1997 in St Ives verstarb.

Lilly Spitzer, Schutzmarke, um 1935

Auch die am 13. September 1911 in Wien geborene Lili (Lilly) Herta Spitzer entstammte einem jüdischen Elternhaus.[13] Sie absolvierte die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und war danach als selbständige Grafikerin tätig. Dies mit offensichtlichem Erfolg, denn 1935 erreichte sie beim Plakatwettbewerb der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft den dritten Platz.[14] Über London und Liverpool konnte sie im Juni 1940 vor dem Naziterror nach New York flüchten, wo sie weiterhin als Grafikdesignerin tätig war. 1944 heiratete sie den „Commercial artist“ Bernard Kaplan. Unter dem Namen Lilly H. Kaplan ist die Grafikerin bis 2008 mit Wohnsitz in Fresh Meadows, im New Yorker Stadtteil Queens, nachweisbar und ist dort vermutlich am 28. März 2008 verstorben.[15]

Hanna Schiff, Illustration aus „Rellis Ritt ins Rätselland“, 1931

Besonders tragisch war das Schicksal von Hanna Schiff.[16] Sie wurde am 11. Juni 1902 in Wien geboren. Schiff studierte zunächst bei Emmy Zweybrück-Prochaska und besuchte dann die Wiener Kunstgewerbeschule. Neben Spielegrafik, Reklamefiguren und Wirtschaftswerbung war das von ihr getextete und gezeichnete Kinderbuch „Rellis Ritt ins Rätselland“ aus dem Jahr 1931 wohl ihr Hauptwerk. Es gehört aufgrund seiner flächig abstrahierenden Gestaltung zum Besten, was in jenen Jahren im Bereich der Buch-Illustration in Österreich erschienen ist. Hanna Schiff wurde aufgrund ihres antifaschistischen Engagements im Jahr 1938 zunächst wegen „Hochverrats“ inhaftiert und wahrscheinlich Ende 1942 im Konzentrationslager Auschwitz wegen ihrer jüdischen Herkunft ermordet.[17]

Nicht so entsetzlich, sicher aber für die Betroffenen sehr belastend gestaltete sich während der NS-Zeit das Schicksal des Grafikerinnen-Duos „Schenker-Langer“. Sowohl die am 13. März 1907 in Alexandria geborene Helga Schenker als auch ihre Partnerin, die am 4. Dezember 1907 in Meran geborene Antoinette Langer, hatten Väter jüdischer Abstammung und daher im nationalsozialistischen „Großdeutschland“ diverse Repressionen zu erleiden. Beide Designerinnen hatten eine Ausbildung in der Kunstgewerbeschule absolviert und sich als Team in den 1930er Jahren bald einen guten Namen als Werbegrafikerinnen und Zeitschriftenillustratorinnen gemacht.

Als sogenannte „Halbjüdin“ – wie dies in der menschenverachtenden NS–Diktion hieß – konnte Antoinette Langer jedoch nach der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland nur mit einer Sondergenehmigung, um die sie 1938 ansuchte, ihren Beruf weiterhin ausüben. Um dieses Placet zu erhalten, aber auch um ihren Vater vor weiterer Verfolgung zu schützen, legte Antoinette Langer eine gefälschte Bestätigung vor, die besagte, dass sie bereits während des Ständestaats illegale Nationalsozialistin gewesen sei. So wurde ihr, nach anfänglicher Ablehnung, im Jahr 1939 eine „jederzeit widerrufliche Sondergenehmigung“ mit gewissen Einschränkungen erteilt. Es gehört zu den Paradoxien der österreichischen Geschichte, dass sich Langer nach dem Krieg für ihre in der Not gefakte NSDAP-Mitgliedschaft ausführlich rechtfertigen musste, um in der nunmehr wiedererstandenen Republik ihren Beruf uneingeschränkt ausüben zu dürfen.[18]

Auch ihrer Partnerin Helga Schenker wurde in der NS-Zeit zunächst die für die Ausübung ihres Berufs notwendige Sondergenehmigung verweigert, bis sie erst Mitte 1941 „unter Vorbehalt jederzeitigen Widerrufs“ die gewünschte Erlaubnis, allerdings ebenfalls mit Einschränkungen erhielt.[19]

Helga Schenker – Antoinette Langer, Plakate, 1953

Ab 1945 produzierte das Atelier Schenker-Langer wieder erfolgreich moderne Werbegrafik. Nach dem Tod von Antoinette Langer im Jahr 1966 widmete sich Helga Schenker vornehmlich der Gestaltung von Buchumschlägen und Buchillustrationen sowie Zeitungskarikaturen, aber auch der Dekoration von Bällen.[20] Sie verstarb hochbetagt am 8. Juni 2004 in einem Pflegeheim im niederösterreichischen Pitten.

Eine der vielen Künstlerinnen, die Österreich in den 1930er Jahren verließen, war, wenngleich aus anderen Gründen, Mela Köhler. Geboren am 18. November 1885 in Wien als Melanie Köhler erhielt sie ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule. Sie schuf Illustrationen zu vielen Ansichtskarten, darunter mehr als 150 Sujets für die „Wiener Werkstätte“. 1924 heiratete sie den Kunsthistoriker und Wiener Korrespondenten des „Svenska Dagbladet“ Johann Gunnar Broman, mit dem sie 1934 nach Stockholm übersiedelte. In Schweden konnte sie sich erfolgreich als Buchillustratorin und Kostümbildnerin etablieren. Am 15. Dezember 1960 verstarb Mela Köhler-Broman in Stockholm.

Mela Köhler, Ansichtskarten der „Wiener Werkstätte“, 1911, 1912

Die Entwicklung der am 4. August 1905 in Wien geborenen Marianne „My“ Ullmann war, wie jene von Mela Köhler, entscheidend von ihrer Ausbildung an der Wiener Kunstgewerbeschule geprägt. Als Schülerin des Kunstpädagogen Franz Cizek entwickelte sie sich dort zu einer Hauptvertreterin der Kunstströmung des „Wiener Kinetismus“. Daneben war sie als Designerin aktiv und entwarf neben Werbegrafik auch Stoffmuster für die renommierte Firma Backhausen sowie Theaterkostüme und Bühnenbilder. Sie starb am 28. Juni 1995 im Konstanz.

Unter dem künstlerischen Einfluss von Franz Cizek stand, ebenso wie Ullmann, auch die am 18. Februar 1900 in Wien geborene Johanna Fritsche-Reismayer, die sich mit Vornamen meist Hansi nannte.[21] Sie wandte die Stilmittel des Kinetismus auf das Kunstgewerbe an und entwarf in diesem Sinn Werbegrafik, aber auch Stoffmuster und Spielzeug. Als Mitarbeiterin des Architekten und Designers Oswald Haerdtl widmete sie sich ebenso dem Produktdesign und gestaltete Schmuck, Uhren und Beleuchtungskörper. Fritsche-Reismayer starb am 27. Juni 1963 in Wien.

Hertha Ramsauer, Plakat, 1924

Von der Kunstgewerbeschule stark geprägt aber diese Institution selbst auch prägend war Hertha Ramsauer-Larisch. Die am 30. März 1897 in Wien geborene Schriftkünstlerin besuchte von 1913 bis 1918 die Kunstgewerbeschule, wo sie unter anderem bei Alfred Roller, Koloman Moser und Rudolf Larisch studierte. Sie unterrichtete in der Folge an der „Kunstschule für Frauen und Mädchen“ und war außerdem Lehrerin für Buchbinderei sowie für ornamentale Schrift an der Schule von Emmy Zweybrück-Prohaska. Ab 1918 war sie im Lehrfach „Schrift und Heraldik“ Assistentin an der Kunstgewerbeschule bei Rudolf Larisch, den sie 1931 heiratete. Nach dessen Tod im Jahr 1934 war sie bis 1968 Leiterin der Werkstatt für Ornamentale Schrift und Heraldik an der Schule (später Akademie für angewandte Kunst). Das Kerngebiet ihrer Arbeiten waren Schriftgestaltungen, die sie in verschiedenen Formen auch bei Plakaten, Briefköpfen, Bucheinbänden und Urkunden kompetent einzusetzen verstand. Am 9. Juli 1972 verstarb Hertha Ramsauer-Larisch in Tulln in Niederösterreich.

Bereits im Jahr 1929 trat die am 23. September 1905 in Graz geborene Magda Vogl-Suppan dem BÖG bei. Sie hatte ihre Ausbildung an der Grazer „Bundeslehranstalt für das Baufach und Kunstgewerbe“, bekannter als „Ortweinschule“, erhalten. Ihre Spezialität waren Modezeichnung und -entwurf. Sie hielt Zeichenkurse an der Steirischen Handelskammer und leitete ab 1938 die Meisterklasse für „Damenmode: Kostüm- und Modezeichnen“ in der „Ortweinschule“. Magda Vogl-Suppan verstarb am 25. März 1981 in Graz.

Der gesamten Vielfalt des Grafikdesigns ihrer Zeit widmete sich Edith Riedel. Sie wurde am 10. Januar 1909 in Wien geboren und erhielt ihre Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Danach arbeitete sie von 1931 bis 1934 im Werbeatelier Garden in leitender Funktion, bis sie eine Zeitlang gemeinsam mit Olga Zaremba ein Grafikatelier führte. Um 1936 gelang den beiden ein Plakat für Hofgastein, das mittlerweile zu den Ikonen der österreichischen Tourismuswerbung gehört.[22] 1940 heiratete Edith Riedel den bekannten Grafiker und Kupferstecher Hans Ranzoni jun. und firmierte fortan als Grafikerin unter dem Namen Edith Ranzoni. Ihr weites Portfolio umfasste Werbegrafik in allen Formen, Schutzmarken, Modeentwürfe und Briefmarken. Am 12. August 1992 verstarb sie in Wien.

Edith Riedel – Olga Zaremba, Plakat,1936

Ebenfalls in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt ausgebildet wurde die am 18. August 1898 in Wien geborene Elisabeth Auböck, die sich bevorzugt Lilli nannte. Sie entstammte einer Dynastie von erfolgreichen Kunsthandwerkern und Designern. Ihr Vater besaß eine Firma zur Erzeugung der seinerzeit berühmten Wiener Bronzen, ihr Bruder modernisierte die Ausrichtung der väterlichen Firma und wurde zu einem international rezipierten Designer. Sie selbst begann ihre Karriere als Grafikerin in einem überaus prominenten Kontext, nämlich in dem 1921 gegründeten Atelier ESBETA, zu dem sich Lilli Auböck, Adolf Streit, Fred Taubes und der bald so erfolgreiche Joseph Binder zusammengeschlossen hatten.

1923 heirate sie Adolf Streit, mit dem sie 1928 nach Berlin übersiedelte. Nach der Scheidung im Jahr 1933 nannte sie sich in künstlerischen Belangen weiterhin meist Lilli Streit und bisweilen Streit-Auböck. Sie war teilweise in Wien, aber auch in Paris tätig, bis sie 1936 wieder nach Berlin zurückkehrte. Von dort übersiedelte sie dann während des Zweiten Weltkrieges nach Wien. Lilli Streit-Auböck war auch als „freie Künstlerin“ tätig, sie malte Porträts und Landschaften, aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag im angewandten Bereich: Sie gestaltete zahlreiche Plakate und war vor allem, wie viele ihrer Kolleginnen, auf Modeillustrationen spezialisiert.[23] Am 15. Februar 1977 verstarb sie in Wien.

Hansi Winkler, die 1933 Mitglied des BÖG wurde, ist die einzige der „Pionierinnen des österreichischen Grafikdesigns“, über die bis dato nichts in Erfahrung gebracht werden konnte.

1937, relativ knapp vor seiner Auflösung im Jahr 1938, traten noch zwei weitere Grafikerinnen dem BÖG bei. Es waren dies Elisabeth Benedikt und Luise Wasserthal-Zuccari. Elisabeth Benedikt (ursprünglich Fellner), geboren am 22. September 1897 in München, war 1919 nach Wien gekommen und lebte dann von 1920 bis 1925 in Ljubljana. Anschließend war sie wieder in Wien als Grafikerin tätig, wobei sie insbesondere Aufgaben für das Land Niederösterreich übernahm. 1937 begründete sie gemeinsam mit Franz Kralicek das Atelier „Krali-Benedikt“. Das Atelier war weiterhin mit grafischen Arbeiten für Niederösterreich tätig, daneben arbeitete es auch für verschiedene NS-Dienststellen. 1940 heiratete Elisabeth Benedikt ihren Atelier-Partner Franz Kralicek, der bereits 1943 starb. Nach 1945 war wieder die niederösterreichische Landesverwaltung eine wichtige Arbeitgeberin für Elisabeth Kralicek (Benedikt), die am 8. Mai 1977 in Wien verstarb.

Luise Wasserthal-Zuccari, Plakat, 1937

Luise, eigentlich Aloisia, Wasserthal-Zuccari, geboren am 29. Dezember 1907 in Graz, erhielt ihre künstlerische Ausbildung an der Malklasse der Wiener Frauenakademie (vormals Kunstschule für Frauen und Mädchen). Sie entwarf Bucheinbände und lieferte verschiedene Illustrationsarbeiten, wie Karikaturen oder Kartenskizzen, für Wiener Zeitungen. Noch während der Studienzeit erhielt sie bei einem Plakatwettbewerb zum Thema „Kauft österreichische Waren“ den ersten Preis. Nach dem Krieg war Luise Wasserthal-Zuccari nicht nur als Buch- und Schriftgestalterin, sondern vor allem als Übersetzerin aus dem Englischen sehr erfolgreich. So übertrug sie unter anderem Romane von Pearl S. Buck, Richard Gordon, Georgette Heyer, John Galsworthy und Graham Greene ins Deutsche. Am 12. Dezember 1981 starb Luise Wasserthal-Zuccari in Salzburg.[24]

So schwierig die Lage in Österreich Ende der 1920er Jahre bis in die 1930er Jahre politisch und wirtschaftlich war, so interessant entwickelte sich in dieser Zeit das Grafikdesign. Stilistisch changierten die Arbeiten meist zwischen spätem Art déco und einer oft strengen Neuen Sachlichkeit. Wien wurde damals auch international als ein beispielhaftes Zentrum moderner Grafik wahrgenommen.[25] Frauen, die sich trotz erschwerter Bedingungen in diesem Bereich durchsetzen konnten, leisteten einen beachtlichen Beitrag zum künstlerischen Niveau der angewandten Grafik jener Jahre. Nicht alle waren beim BÖG, aber jene Frauen, die sich zu der Idee dieser Vereinigung durch ihre Mitgliedschaft bekannten, gehörten großteils zu den besten ihrer Branche.

Diesen Artikel zitieren:
Bernhard Denscher, Pionierinnen des österreichischen Grafikdesigns, 5.9.2026, https://www.austrianposters.at/ (Stand: TT.MM.JJJJ).

[1] Kropff, Hanns: Wie werde ich Reklamechef? Ein Wegweiser für alle, die Reklame als Beruf wählen und für jene Geschäftsleute, die ihre Reklame selbst besorgen, Wien 1926, S. 30.
[2] Österreichische Reklame, Februar 1928, S. 36.
[3] Die entsprechenden Beitritts-Daten beziehen sich auf die von Christian Maryška erstellte Liste in seinem Buch „Kunst der Reklame. Der Bund Österreichischer Gebrauchsgraphiker von den Anfängen bis zur Wiedergründung 1926–1946 (Wien 2005)“.
[4] Geburtsanzeige des Matrikelamtes der israelitischen Cultusgemeinde Wien, Lit. S, Nr. 2356.
[5] Heller, Friedrich C.: Die bunte Welt. Handbuch zum künstlerisch illustrierten Kinderbuch in Wien 1890–1938, Wien 2008, S. 193, 372.
[6] Wiener Allgemeine Zeitung, 11.12.1920, S. 4.
[7] Geburtsanzeige des Matrikelamtes der israelitischen Cultusgemeinde Wien, Lit. Z, Nr. 1993.
[8] Neues Wiener Abendblatt, 28.3.1934, S. 3; Neues Wiener Tagblatt, 16.1.1938, S. 8.
[9] Graphisches Handbuch des Bundes österreichischer Gebrauchsgrafiker, Wien 1950, S. 110.
[10] Ausführlicher dazu: Denscher, Bernhard: Gebrauchsgrafik aus Österreich. 51 Lebensläufe, Wolkersdorf 2022.
[11] Maryška, Christian: Hoffentlich gefällt’s Ihnen bei uns in Wien. Jüdische Gebrauchsgrafikerinnen bis 1938, in: Winklbauer, Andrea – Sabine Fellner (Hrsg.): Die bessere Hälfte – Jüdische Künstlerinnen bis 1938, Wien 2016, S. 142f.
[12] Ausführlicher zu Pisk: Denscher, Bernhard: Grafikdesign aus Österreich. 38 Lebensläufe, Wolkersdorf 2024, S. 119.
[13] Geburtsbuch für die israelitische Kultusgemeinde in Wien,1911, Nr.: 1619. Mag. Christian Maryška wird für die freundliche Übermittlung biografischer Details zu Lilly Spitzer gedankt.
[14] Neues Wiener Tagblatt, 19.4.1935, S. 9; Contact, 1935/6, S. 22.
[15] United States, Public Records, 1970-2009, Household Identifier 71815093.
[16] Ausführlicher zu Hanna Schiff: Denscher, Bernhard: Grafikdesign aus Österreich. 38 Lebensläufe, Wolkersdorf 2024, S. 29ff.
[17] Suchanfrage bezüglich Schiff Hanna, Bestand Arolsen Archives; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer.
[18] Archiv der „Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs“, Akte Antoinette Langer. Siehe dazu auch: Holzschuh, Ingrid – Sabine Plakolm-Forsthuber: Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien. Die Reichskammer der bildenden Künste, Wien 2022, S. 97, 102.
[19] Archiv der „Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs“, Akte Helga Schenker.
[20] Ausführlicher dazu: Resch, Heidelinde: 14 Grafikerinnen im Wien des 20. Jahrhunderts, Wien 2013, S. 38f.
[21] Smetana, Alexandra: Fritsche-Reismayer, Hansi, in: Allgemeines Künstlerlexikon, XLV. Bd, München S. 312.
[22] Maryška, Christian (Hrsg.): Schnee von gestern. Winterplakate der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2004, S. 137, 210.
[23] Lilli Streit-Auböck, in: Österreichische Reklamepraxis, 1934/3, S. 23.
[24] Smetana, Alexandra: Biografien der Künstlerinnen und Künstler der Plakate, in: Maryška, Christian – Michaela Pfundner (Hrsg.): Willkommen in Österreich. Eine sommerliche Reise in Bildern, Wien 2012, S. 251.
[25] Z.B.: Jones, Sydney R.: Posters & Publicity. Fine Printing and Design. Special Autumn Number of “The Studio” 1926, London 1926, S. 3f.