Stadt der Frauen

Broncia Koller-Pinell, Die Mutter der Künstlerin, 1907, Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien (Ausschnitt)

„La città delle donne“, zu Deutsch „Stadt der Frauen“, heißt ein surrealer Film von Federico Fellini aus dem Jahr 1980, in dem es um Männerfantasien und Männerängste geht. Dieser Filmtitel ist verständlicherweise nicht Vorbild für den Namen der Ausstellung „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900–1938“, die derzeit im Unteren Belvedere in Wien zu sehen ist. Sabine Fellner, die Kuratorin der Schau, beruft sich vielmehr auf „Le Livre de la Cité des Dames“, also das „Buch von der Stadt der Frauen“, das zu Beginn des 15. Jahrhunderts von der Autorin und Philosophin Christine de Pizan verfasst wurde. Darin beschreibt die Ich-Erzählerin, wie sie eine Stadt errichtet, deren „Baumaterial“ heroische Frauengestalten aus der antiken, biblischen und jüngeren Geschichte sind. Auch in der Wiener Ausstellung wird eine ganze Reihe von bemerkenswerten und hochbegabten Frauen vorgestellt: „Das Belvedere ist berühmt für seine Sammlung aus der Zeit der Wiener Moderne. Umso mehr ist es mir ein großes Anliegen, die vergessene weibliche Seite dieser Epoche in ihrer ganzen Reichweite wieder sichtbar zu machen. Die Künstlerinnen jener Jahre waren und sind eine große Inspiration, und ihren Werken wurde völlig zu Unrecht fast ein Jahrhundert lang kaum Beachtung geschenkt“, erläutert die Generaldirektorin des Belvederes, Stella Rollig, die Idee zur Ausstellung.

Erste wegweisende Initiativen, um diese geschlechterspezifische Asymmetrie in der Kunstgeschichtsschreibung zu korrigieren, gab es bereits in den 1990er Jahren. Sabine Plakolm-Forsthuber legte mit ihrem 1994 erschienenen Buch „Künstlerinnen in Österreich 1897–1938“ eine solide Basis für weitere diesbezügliche Projekte. 1996 hat Tobias G. Natter als Gastkurator im Wiener Jüdischen Museum mit einer Schau über Tina Blau einen wichtigen Akzent gesetzt. Ende 1999 fanden gleich zwei bedeutende Ausstellungen zum Thema statt. Es waren die von Ingried Brugger kuratierte Präsentation „Jahrhundert der Frauen. Vom Impressionismus zur Gegenwart. Österreich 1870 bis heute“ im „Kunstforum Wien” und die von Elke Doppler für das Wien Museum in der Hermesvilla konzipierte Schau „Blickwechsel und Einblick. Künstlerinnen in Österreich“. Ein weiterer Markstein war das 2012 erschienen Buch „The Memory Factory: The Forgotten Women Artists of Vienna 1900“ von Julie M. Johnson. Wertvolle themenspezifische Impulse setzte Tobias G. Natter auch mit der für Frankfurt und Wien konzipierten Ausstellung „Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900“ im Jahr 2016. Dabei und in dem umfassenden, dreisprachigen Begleitbuch wurden unter anderem Maria Vera Brunner, Irma Duczyńska, Nora Exner, Broncia Koller-Pinell, Elena Luksch-Makowsky, Leontine Dorotheas Maneles, Nelly Marmorek, Ditha Moser, Minka Podhajska, Mileva Roller-Stoisavljevic, Jutta Sika, Maria Zeiller-Uchatius und Fanny Harlfinger-Zakucka in den Fokus des internationalen Interesses gerückt. Äußerst verdienstvoll war auch die von Sabine Fellner und Andrea Winklbauer kuratierte Schau „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“ im Jüdischen Museum (2016). Das Begleitbuch zu der Präsentation enthält unter anderem einen wichtigen von Christian Maryška verfassten Beitrag über die frühen Wiener Gebrauchsgrafikerinnen.

Fanny Harlfinger-Zakucka, Spielzeug, 1918, © Belvedere, Wien

In der sehenswerten Belvedere-Schau hat nun die Kuratorin Sabine Fellner eine beachtliche Fülle an qualitätsvollen Werken von rund sechzig Künstlerinnen vereinen können, und sie hat dies mit nahezu kriminalistischem Spürsinn getan: „Während der Vorbereitungen zur Ausstellung habe ich mich auf eine Entdeckungsreise begeben“, so Fellner: „Bilder dieser großartigen Frauen waren teils auf Dachböden gelagert oder in Depots versteckt, ohne dass es jemand wusste. Wir bringen somit eine wichtige Seite der Kunstgeschichte im wahrsten Sinn des Wortes wieder ‚ans Licht‘.“ Unter den Gezeigten sind viele Künstlerinnen, die sich auch der Illustration und der Angewandten Grafik widmeten, wie etwa Friedl Dicker, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Elisabeth Karlinsky, Broncia Koller-Pinell, Lili Réthi, Mileva Roller, Marianne Saxl-Deutsch, Emma Schlangenhausen, May Ullmann oder Maria Zeiller-Uchatius.

Es ist eine überaus interessante und verdienstvolle Schau, die das Belvedere hier präsentiert. Allerdings ist der Kunstbegriff, von dem ausgegangen wird, sehr eng definiert, er umfasst im Wesentlichen nur die althergebrachte Dreieinigkeit von Bildhauerei, Malerei und Grafik. Die meisten der präsentierten Künstlerinnen standen jedoch für eine weit offenere Kunstauffassung, wie sie eben auch die mehrmals in Zusammenhang mit dem Projekt erwähnte Kunstschau 1908 exemplarisch vorgeführt hat. Angewandte Kunst, Architektur, Gebrauchsgrafik, Mode und Textilkunst, Produktdesign, Bühnenausstattung und auch Fotografie sind in der derzeitigen Ausstellung im Belvedere nahezu komplett ausgespart. Sich daraus ergebend wird die „Wiener Werkstätte“, bei der es ja einen großen Frauenanteil gab, ebenfalls nicht berücksichtigt. Doch gerade an weiblichen Biografien aus diesen Metiers hätten sich auch interessante Wege und unterschiedliche Geschwindigkeiten von Emanzipierung darstellen lassen.

Es ist offensichtlich, dass man bei einer Ausstellung mit einem derartig umfassenden Anspruch immer noch nach Namen fragen kann, die nicht berücksichtigt worden sind. Warum etwa kommt – um nur einige wenige zu nennen – Johanna Meier-Michel nicht vor, die nicht nur ein erfolgreiches skulpturales Werk schuf, sondern von der auch das Plakat zur legendären Secessions-Ausstellung „Die Kunst der Frau“ im Jahr 1910 stammt, warum nicht Bertha Czegka, von der die oft publizierten Porträtzeichnungen wichtiger ProtagonistInnen des Wiener Kulturlebens um 1900 stammen, oder warum nicht Margit Doppler(Kováts), die das Filmplakat in den 1920er Jahren entscheidend geprägt hat? Kuratorin Sabine Fellner ist sich der grundsätzlichen Problematik der Auswahl bewusst. So bekennt sie in ihrem Katalogbeitrag: „Das Bild, das die vorliegende Ausstellung vermittelt, muss daher gezwungenermaßen unvollständig bleiben, kann nur ein erster Anstoß sein. Um das Wirken der Künstlerinnen in Wien nachhaltig in die Kunstgeschichte einschreiben und das Bild ihrer Präsenz in Wien vervollständigen zu können, bedarf es weiterhin intensiver engagierter Forschungsarbeit.“ Dass dieses Engagement entsprechend fortgeführt wird, ist zu hoffen, insbesondere wäre eine ebenso groß angelegte Ausstellung zur angewandten Kunst, in der Frauen ebenfalls Wegweisendes geleistet haben, zu wünschen.

Weitere Hinweise:
Belvedere
Rollig, Stella – Sabine Fellner (Hrsg.): Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien 1900–1938, München 2019.

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