Lois Gaigg war ab 1924 als „erster Zeichner“ bei Joseph Binder auch dessen wichtigster Mitarbeiter.[1] Gemeinsam mit Binder entwickelte Gaigg den für das Atelier typischen flächig-abstrahierenden und meist sehr farbbetonten Stil. Das Atelier Binder wurde bald zu einem der wichtigsten Studios für modernes Grafikdesign in Österreich. Es sollte aber Jahre dauern bis Gaigg auch unter eigenem Namen erfolgreich auftreten konnte.
Der Grafiker wurde am 5. Februar 1905 in Wien geboren und auf die Namen Alois Rudolf katholisch getauft. Seine Eltern waren die aus Mähren stammende Sofia (geborene Maršalek) und der in Siebenbürgen geborene Franz Josef Gaigg.[2] Von 1920 bis 1923 absolvierte Gaigg die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien.[3] 1924 trat er in das sich damals im Aufbau befindende Atelier von Joseph Binder ein und hatte somit teil an der Erfolgsgeschichte dieses Unternehmens.

Lois Gaigg, Foto: Ingeborg Ratzmann, 1935 (Many thanks to Richard Maslow for providing the photo, https://www.selectedpictures.com/)
Einen Ausgleich für die Anonymität der Ateliertätigkeit boten die Möglichkeiten, unter eigenem Namen an Ausschreibungen teilzunehmen: So trat Gaigg 1928 bei einem Wettbewerb um die Kreation einer Bildmarke für „nicht elektrische Beleuchtungs-, Heiz- und Kochapparate“ an, die unter dem Produktnamen „Dämon“ verkauft wurden.[4] Bei 134 Einreichungen reihte die Jury unter Vorsitz von Alfred Roller eine Arbeit von Lois Gaigg auf den 2. Platz („Petrol“) und empfahl ein weiteres Logo („Hitze“) von ihm für den Ankauf.[5]
Ein Jahr später war Gaigg Teilnehmer an einem Plakatwettbewerb für den „Norddeutschen Lloyd“ und hatte dabei beachtlichen Erfolg. Bei 1400 Einreichungen erreichte er den vierten Platz und seine Arbeit wurde auch gedruckt. Dies fand in den Medien breite Anerkennung und verhalf Gaigg dadurch auch zu entsprechender Publicity.[6] Die Herausforderung bei dieser Plakatgestaltung war die Vorgabe des Hochformats mit der Forderung des Auftraggebers gewesen, dass alle drei Überseeschiffe der Reederei abgebildet sein mussten. Dies löste Gaigg, indem er die drei Dampfer so eng beisammen darstellte, dass sie zu einer Art Art-déco-Dekor verschmolzen. Auf Initiative des „Bundes österreichischer Gebrauchsgraphiker“ wurde im „Museum für Kunst und Industrie“ (heute „Museum für angewandte Kunst“) eine Ausstellung mit Einreichungen zu diesem Wettbewerb organisiert, in der Gaigg prominent vertreten war.[7]

Plakat, 1929
In der Folge beteiligte sich Lois Gaigg wiederholt erfolgreich an Grafikwettbewerben, teils als Selbständiger, teils als Mitarbeiter des Ateliers von Joseph Binder. 1932 trat er direkt gegen Binder beim Wettbewerb um die Neugestaltung des Covers der Zeitschrift „Die Bau- und Werkkunst“ an. Der kollegiale Konkurrenzkampf endete mit einem Unentschieden, beide erhielten eine „Belobende Anerkennung“, mussten jedoch den 1. und den 2. Platz Elsa Engel-Mainfelden überlassen.[8]
Bei der Ausschreibung zur Bewerbung der Fahrkartenlotterie der Österreichischen Bundesbahnen im Jahr 1933 errang Lois Gaigg zwar hinter Peter Tölzer nur den zweiten Preis, sein Entwurf gelangte jedoch zur Ausführung.[9] Im Folgejahr war das Ergebnis ähnlich: Die Jury reihte die Einreichung von Gaigg diesmal gar nur auf den dritten Platz, aber auch diesmal war es seine Arbeit, die gedruckt wurde und zum Einsatz kam.[10]
Ab 1934 war Gaigg als selbständiger Grafiker tätig und arbeitete vor allem im Bereich der Werbung für Wirtschaft und Tourismus. Bald erlangte er für seine Arbeit auch internationale Anerkennung. So etwa schrieb Werner Suhr in der renommierten deutschen Fachzeitschrift „Gebrauchsgraphik. International Advertising“: „Lois Gaigg gehört zu jenen, die wissen, worum es sich handelt, und deren Aktivität darum sehr zielbewußt vorstößt. Die gute Schule ist in diesem Fall unverkennbar. Doch man kann bei Gaigg, dessen Formbeherrschung einer eigenen großzügigen Auffassung gerecht wird, nicht etwa von einer Schablone reden. Dieser Stil ist von einer solchen Sauberkeit und Variationsfähigkeit, daß noch mehr Graphiker darin aufgehen sollten — ohne sich selber aufzugeben.“[11]

Plakat, um 1935
1929 war Lois Gaigg dem „Bund österreichischer Gebrauchsgraphiker“ beigetreten[12], 1936 wurde er Mitglied in dessen Vorstand.[13] Im Jahr 1937 berief ihn die Hauptversammlung der Vereinigung gemeinsam mit Alexander Exax und Hermann Kosel in das Redaktionskomitee für das Österreichheft der „Gebrauchsgraphik“, das aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des BÖG erschien. Die drei Grafiker machten in ihrer Auswahl offensichtlich keine Zugeständnisse an die Ideologie des nationalsozialistischen Deutschlands, sondern präsentierten in selbstverständlicher Weise auch die Arbeiten ihrer jüdischen Kolleginnen und Kollegen.[14]
Es scheint, dass diese Kuratorentätigkeit es Gaigg wohl dennoch erleichterte, im Jahr 1938 nach Berlin zu übersiedeln und dort beruflich Fuß zu fassen. Dokumentarisch erfassbar ist er dort ab 1939 im Berliner Telefonbuch[15], und im „Berliner Adreßbuch“ ist er bis zu Ausgabe 1943 zu finden.[16]
Gaigg begann zunächst gemeinsam mit dem Werbeberater Alfred Brach in einem gemeinsamen Atelier. Aus dieser Phase ist ein Plakat für das „Deutsche Opernhaus“ erhalten, das die Signatur „Atelier Brach + Gaigg“ trägt. Bald aber machte sich Gaigg auch in Berlin selbständig und prägte neben der Reklame für Tourismus und Veranstaltungen vor allem die Bewerbung der deutschen Sparkassen. Neben vielen Plakaten[17] entwarf er 1938 auch das Logo für den deutschen Sparkassen-Verlag. Das große S symbolisierte mit dem Einwurfschlitz und einer Münze darüber eine Sparbüchse. Erst nach 1948 wurde das Signet vom Verlagslogo zum allgemeinen Markenzeichen für die Sparkassen. 1972 wurde das bis heute verwendete Zeichen von Otl Aicher leicht modifiziert, wobei Aicher den Einwurfschlitz wegließ.[18]

Logo des Deutschen Sparkassenverlags, 1938
1939 sorgte Lois Gaigg für die Gestaltung des Plakats der Berliner Ausstellung „Berge, Menschen und Wirtschaft der Ostmark“.[19] Für die Visualisierung Österreichs, das im nationalsozialistischen Deutschland nur noch Ostmark heißen durfte, verwendete er ein Paar in Tiroler Tracht, womit er auf die Ikonographie des Ständestaats zurückgriff, in der Österreich gerne als ländliche Idylle dargestellt wurde.
1943 wurde Lois Gaigg zu Wehrmacht eingezogen und fiel am 13. Oktober 1944 in Wien einem Bombenangriff zum Opfer.
Welch berührendes Schicksal in einer kleinen Aktennotiz enthalten sein kann, zeigt ein Schriftstück im Archiv der „Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs“. Hier findet sich ein Schreiben von Vita Brach, das das Engagement von Lois Gaigg während der NS-Zeit etwas relativiert. Vita Brach, zuvor verheiratet[20] mit Gaiggs früherem Atelierkollegen aus der Berliner Zeit, schrieb am 29. Dezember 1945 an die „Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs“: „Der Gebrauchsgraphiker Lois Gaigg ist am 13.10.1944 einem Angriff auf Wien in Ausübung seines Dienstets als Zeichner bei der Luftwaffe zum Opfer gefallen.
Ich bin seine Lebensgefährtin gewesen, da er mich als Mischling I. Grades[21] nicht heiraten durfte. Wir haben ein Kind, geb. am 3.4.43. Ich befinde mich mit dem Kind in einer Notlage, weil ich als z. Zt. noch Reichsdeutsche keine Unterstützung erhalte.
Wenn es der Berufsvereinigung bildender Künstler möglich wäre, mir eine Hilfe zu gewähren versichere ich meinen Dank.“
Victor Th. Slama, der nach dem Krieg eine leitende Funktion in der Vereinigung wahrnahm, notierte auf das Schreiben: „Sehr berücksichtigungswürdig, Gaigg war bekannter Graphiker.“[22]
Printpublikation in: Bernhard Denscher, Grafikdesign aus Österreich. 38 Lebensläufe. Aesculus Verlag, Wolkersdorf 2024, S. 60ff.
[1] Denscher, Bernhard: Peter Tölzer. Plakatentwürfe 1929–1950, Wien 1990, S. 9.
[2] Geburts- und Taufbuch der Pfarre St. Florian (Matzleinsdorf), 1905, Fol.33f.
[3] Smetana, Alexandra: Lois Gaigg, in: Allgemeines Künstlerlexikon XLVII, S. 276.
[4] Österreichische Reklame, Jänner 1928, S. 37.
[5] Österreichische Reklame, April 1928, S. 21.
[6] Die Bühne, 7.11.1929, S. 3; 5.12.1929, S. 2; Neue Freie Presse, 9.7.1929, S. 6; Grazer Tagblatt, 10.7.1929, S. 3.; Tagespost, 16.7.1929, S. 14; Neues Wiener Journal, 9.7.1929, S. 9; Gebrauchsgraphik 1929/8, S. 46ff.
[7] Reichspost, 23.10.1929, S. 8.
[8] Haas, Robert: Wettbewerb Umschlag „Bau- und Werkkunst“, in: Die Bau- und Werkkunst, 1932/2, S. 45f.
[9] Gebrauchsgraphik 1933/8, S. 22f.; Österreichische Kunst, 1933/2, S. 17.
[10] Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 5.3.1934, S. 11.
[11] Gebrauchsgraphik, 1937/2, S.27.
[12] Maryška, Christian: Kunst der Reklame. Der Bund Österreichischer Gebrauchsgraphiker von den Anfängen bis zur Wiedergründung 1926 – 1946, Salzburg 2005, S. 138.
[13] Neues Wiener Tagblatt, 21.12.1936, S. 15.
[14] Gebrauchsgraphik, 1938/3.
[15] Amtliches Fernsprechbuch für den Bezirk der Reichspostdirektion Berlin, 1939.
[16] Berliner Adreßbuch, 1943.
[17] Mellinghoff, Friedrich – Friedrich Friedl: Wer den Pfenning nicht ehrt… Plakate werben für das Sparen, Stuttgart 1992, S. 40ff.
[18] Weschke, Britta: Das Logo, https://www.sparkassengeschichtsblog.de/das-logo/#start (Stand 4.11.2026)
[19] Holzschuh, Ingrid – Sabine Plakolm-Forsthuber: Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien. Die Reichskammer der bildenden Künste, Basel 2021, S. 271ff.
[20] Schriftliche Auskunft von Ivan Galileo, einem Enkel von Lois Gaigg, vom 8.1.1924.
[21] Dies bedeutete, dass zwei Großeltern jüdischer Herkunft waren.
[22] Akte Lois Gaigg, Archiv der „Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs“.
