Emma Schlangenhausen

Emma Schlangenhausen, Illustration, veröffentlicht in: Die Fläche, 1903

Es ist immer wieder erstaunlich, wie weit die Wiener Kunstgewerbeschule Anfang des 20. Jahrhunderts den ästhetischen Vorstellungen ihrer Zeit voraus war. Besonders deutlich wird dies an einer Serie von Wien-Plakaten, die in dem von einigen Professoren der Kunstgewerbeschule herausgegebenen Vorlagenwerk „Die Fläche“ aus dem Jahr 1903 abgebildet sind. Die Arbeiten von Schülerinnen und Schülern der Kunstgewerbeschule waren von einer Modernität, mit der die Verantwortlichen der Stadt Wien offensichtlich nichts anzufangen wussten und daher auch keine entsprechenden Aufträge vergaben. Überhaupt sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis man die Notwendigkeit eines gezielten Stadtmarketings begriff. 

Die Kunststudentin Emma Schlangenhausen sorgte in der „Fläche“ für das wohl gewagteste, aber auch ansprechendste Beispiel dieser Serie. Ihre in schablonisierender Weise hergestellte Arbeit vermied alle herkömmlichen Wien-Klischees und zeigt einfach eine Queransicht der Wiener Ringstraße mit den Haupt- und Nebenfahrbahnen. Die scheinbare Alltäglichkeit der Motivwahl wird durch die Art der Gestaltung, insbesondere durch die konsequente Auflösung der Bäume in eine Fläche mit geometrischen Ornamenten, zu einem attraktiven Blick auf die Stadt.

Emma Schlangenhausen, Entwurf für ein schablonisiertes Plakat und Umschlag für eine Frauenzeitung, beide veröffentlicht in: Die Fläche, 1903

In der  „Fläche“ brillierte Schlangenhausen noch mit einer Reihe weiterer gebrauchsgrafischer Arbeiten, wie etwa dem „Umschlag für eine Frauenzeitung“ sowie mit Entwürfen für „dekorative Malerei“ und Geschäftskarten. Im Jahr 1903 konnte sie auch in „Ver Sacrum“, der Zeitschrift der Wiener Secession, einen Originalholzschnitt mit dem Titel „Die Sehnsucht“ publizieren – zweifellos eine große Anerkennung für die junge Studentin.

Emma Schlangenhausen war am 9. März 1882 in Hall in Tirol zur Welt gekommen. Knapp nach ihrer Geburt übersiedelte die Familie jedoch nach Graz, weil der Vater, der in Hall als Psychiater gearbeitet hatte, zum Direktor der steirischen „Landes-Irrenanstalt“ bestellt worden war. Von 1900 bis 1905 studierte Schlangenhausen an der Wiener Kunstgewerbeschule unter anderem bei Alfred Roller und bei Kolo Moser. 1904 wurde sie auf der Weltausstellung in St. Louis in den USA mit einer Silbermedaille ausgezeichnet, 1908 beteiligte sie sich an der Kunstschau in Wien.

Um 1910 ging sie mit ihrer Freundin Helene von Taussig in die Schweiz, um sich bei Cuno Amiet weiterzubilden, von 1911 bis 1914 folgte ein Studienaufenthalt der beiden in Paris. Während des ersten Weltkrieges war Schlangenhausen, wie viele ihrer Kolleginnen, im Rahmen der „militärischen Sanitätspflege“ tätig. 1919 übersiedelte sie gemeinsam mit Helene von Taussig nach Salzburg, wo damals auch ihre Studienkolleginnen Maria Cyrenius und Hilde Exner lebten.

Emma Schlangenhausen, Plakat und Katalogumschlag der ersten Ausstellung der Künstlervereinigung „Der Wassermann“, 1919

1919 trat Emma Schlangenhausen der neugegründeten Künstlervereinigung „Wassermann“ bei, für die sie das Plakat sowie den Katalog-Umschlag für die erste Ausstellung der Gruppe gestaltete. Darüber hinaus war sie Mitglied des „Verbandes bildender Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen Wiener Frauenkunst“. Im Rahmen dieser Vereinigungen entfaltete Schlangenhausen eine reiche Ausstellungstätigkeit. Sie arbeitete von nun an nicht mehr im angewandten Bereich, sondern produzierte Holzschnitte in expliziter Schwarz-Weiß-Kontrastik, vor allem zu religiösen Themen. Daneben schuf sie einige Fresken für das Franziskanerkloster in Salzburg, die jedoch in der NS-Zeit zerstört wurden. Schlangenhausen konnte während des Zweiten Weltkriegs weiterhin künstlerisch arbeiten und sich an Ausstellungen beteiligen, Helene von Taussig hingegen wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft enteignet und 1942 in einem Konzentrationslager ermordet.

Emma Schlangenhausen verstarb am 12. März 1947 in Großgmain bei Salzburg.

Literatur:
Wally, Barbara (Hrsg): Künstlerinnen in Salzburg, Salzburg 1991.