Jo Steiner und Volker Pfüller

Jo Steiner, Selbstbildnis, 1920 (Ausschnitt)

Porträtplakate von Jo Steiner:

Wer sich mit den Kabaretts Berlins vor und nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, der stößt früher oder später auch auf Plakate von dem am 29. Mai 1877 in Graz geborenen Jo(sef) Steiner. Arbeiten aus seiner Hand haben zumeist die bildliche Vorstellung von diesen Künstlern in unsere Zeit getragen. Mit seinen Bildnis- oder Porträtplakaten gelang ihm etwas Neues. Er verstand es, mittels einfacher Farbflächen geradezu studienhafte Charakterbildnisse vorzulegen. Die besondere Handschrift seiner Arbeiten erklärte Steiner lediglich mit seinem „Instinkt“, er lehnte jegliche Theoretisierung über das Plakat ab. Die Quelle seiner Gestaltungsart war die Beobachtung. Er zog die verschiedensten Ausdrucksmomente zu einem einzigen, klaren Bild zusammen. Auch wenn uns heute der direkte Bezug zu den abgebildeten Personen fehlt, so vermeint man trotzdem erfassen zu können, wo die Besonderheit des einen oder anderen gelegen haben mag, sowohl was das Aussehen, als auch was die Ausstrahlung betrifft.

Interessant ist Steiners Vielseitigkeit innerhalb seines „Stils“. So finden sich Charakterstudien von außerordentlich strengem Aussehen (z.B. bei dem Plakat für Egon Friedell) neben Plakaten, die ein Schmunzeln oder offenes Lachen provozieren. Im Umgang mit der Farbe zeigt sich in Steiner ein großes Talent. Ob das harte, geradezu expressionistische Gegeneinandersetzen von Farben, wie bei dem Plakat für Senta Söneland, oder das weiche Ineinanderfließen derselben, wie bei dem Plakat für Emmy Perro, er beherrschte jegliches Farbspiel. Die für seine Zeit ungewöhnliche Behandlung des Themas Varieté brachte ihm Lob und Tadel ein. Das ist nicht verwunderlich, sind doch die Mehrzahl anzutreffender Reklameplakate zu diesem Thema – bis heute! – von einer rührseligen Grundstimmung beherrscht.

Jo Steiner, 1912 Jo Steiner, 1913

Jo Steiner, 1912                                                                                                             Jo Steiner, 1913

Zwischen 1900 und 1914 schuf Steiner mehr als 120 Plakate, die meisten für das Varieté oder das Kabarett. Dann musste er zum Kriegsdienst, seine Arbeit kam zum Erliegen und erst 1919 nahm er diese wieder auf. Zusammen mit seinem Bruder Julius (Gyula) gründete er das Reklame- und Kunstatelier „RuKa-Steiner“. Eines seiner ersten Plakate wurde für Robert Steidl entworfen. Obwohl er die Farbe hier nicht als Emotionsträger einsetzte, erzeugte er durch die Verwendung fein abgestufter zurückhaltender Töne eine „vornehme Launigkeit“.

Vergleichen lassen sich Steiners Plakate mit denen anderer Plakatkünstler nur schwer. Niemand nahm sich so intensiv dieses Themas an, und kaum jemand vermochte es, eine so markante Handschrift, so wenig beeinflusst von der allgemeinen Entwicklung, zu behaupten und doch nicht als „unmodern“ gelten zu müssen. Nehmen wir die Plakate als Erinnerung an die großen Tage des Kabaretts, bewundern wir in ihnen Steiners Vermögen, uns diese Welt bis heute in einem optischen Ausschnitt so lebendig erhalten zu haben.

Jo(sef) Steiner verstarb um 1935 höchst wahrscheinlich in Berlin.

Volker Pfüller – plakative Illustration und Porträt:

Wenn man in die Plakatgeschichte schaut, so blieb die Gestaltungsart von Jo Steiner in gewisser Weise ohne Nachfolge. Volker Pfüller bildet mit vielen seiner Arbeiten hier eine Ausnahme, denn auch bei ihm steht die Hauptfigur eines Stückes oft im Mittelpunkt: Indem er ihr Züge des Schauspielers verleiht, stellt er seine Arbeit bewusst in die Tradition des „Bildnis- oder Starplakats“. Pfüllers Umgang mit diesem Genre aber stellt durch seinen Stil, die aufgeladene Farbgebung und emotionale Ausstrahlung einen eigenen Beitrag dar.

Pfüller ist ein Kenner der Plakatgeschichte und besonders der Drucktechniken, mit denen Plakate hergestellt wurden und werden. So kann er sich ganz bewusst in die Tradition der französischen Plakatgestalter um 1900 stellen, die den händischen Abzug der Blätter als unabdingbaren Teil des Herstellungsprozesses begriffen. Für seine Auffassung des Plakats scheinen aber auch andere Quellen anregend gewesen zu sein. Das Berliner Sachplakat,1 das um 1910 entstand, kannte eine spezielle Ausprägung: das sogenannte Bildnis- oder Starplakat, wie es um 1910 vor allem ja von Josef Steiner geprägt wurde.2 Die Art der Figuren- oder Personendarstellung, wie er mittels Zeichnung, Form und Farbe Charakter wiedergab und Stimmung erzeugte, darf als Vorbild für das Pfüller-Plakat gelten.

Jo Steiner, 1912

Jo Steiner, 1912

Pfüller zitiert eben auch diese Plakate in seinen Arbeiten, zum Beispiel in der für den Liederabend Lieber Leierkastenmann. Lieder aus dem Repertoire der Claire Waldoff. Hier nimmt er deutlich Bezug auf Jo Steiners Plakat Linden Cabaret Claire Waldoff aus dem Jahr 1912.3

Volker Pfüller, 1985

Volker Pfüller, 1985

Pfüllers erster großer Auftraggeber war das Deutsche Theater in Berlin. Hier entwickelte er seine besondere Ausdrucksform, erlebte seinen Durchbruch mit dem Bühnenbild zu Dantons Tod (1981); in dieser Zeit wurden die Bildnisse auf den Plakaten zu charaktervollen Porträts. Als Beispiel sei das Blatt zum Totentanz aus dem Jahr 1986 erwähnt4, das Bühnenbild zu dieser Inszenierung stammte ebenfalls von Pfüller. Die Hauptakteure (Christian Grashof [*1943] als Edgar und Katja Paryla [*1940] als dessen Frau Alice) waren bekannte Schauspieler, ihre Wiedererkennbarkeit somit sicher. Die dunkel überschminkten Gesichter lassen nichts Gutes ahnen, zumal unter der Überschrift „Totentanz“ – Strindbergs Drama beschreibt einen Totentanz nach 25 Jahren Ehe. Das Plakat schmiedet die Hauptdarsteller aneinander und doch sind sie nicht zusammen. Angst, beinahe Todesangst in seinen Augen, schwarze Löcher anstelle ihrer Augen. Schicksalsangst und Unberechenbarkeit tragen das Motiv. Mit diesem und anderen Plakaten prägte Pfüller über viele Jahre das Gesicht des Berliner Deutschen Theaters in der Öffentlichkeit. Der ewige Konflikt, die Frage der Geschlechterrollen und des Verstehens zwischen Mann und Frau, beschäftigte die Zuschauer bereits bei der ersten Aufführung im Deutschen Theater im Jahr 1912.5

Volker Pfüller, 1986 Volker Pfüller, 1981

Volker Pfüller, 1986                                                 Volker Pfüller, 1981

Als weiterer Auftraggeber kam „Das Ei – die kleine Bühne im Friedrichstadtpalast“ dazu.6 Pfüller, der das Querformat weit öfter nutzt als andere Gestalter – sozusagen als Entsprechung der Bühne an der Litfaßsäule –, ging noch einen Schritt weiter: Ein querliegendes DIN-A1-Format wurde quer geteilt, so entstand ein schmaler Streifen, den er zum Standardformat der Plakate für „Das Ei“ machte. Das extrem flache Querformat trägt in seiner Mitte jeweils ein Porträt, welches in raumfüllende Schrift eingestellt ist. Der Auftrag war wie geschaffen für Pfüller, es ging um Lieder- und Leseabende von Sängern und Schriftstellern der 1910er bis 1930er Jahre – wie Claire Waldoff, Kurt Tucholsky oder Joachim Ringelnatz – sowie um kleinere, studiobühnentaugliche Stücke. Pfüllers charakterisierende Porträts sind hier geradezu eine Notwendigkeit und erlaubten ihm, sein Porträtspektrum um Autoren und Sänger vergangener Zeiten zu erweitern.

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Alle Entwürfe: Volker Pfüller

Einen Überblick über Pfüllers Arbeiten zeigt das Deutsche Plakat Museum im Museum Folkwang ab dem 16. April 2011 in der Ausstellung Flächen, die die Welt bedeuten – Theaterplakate von Frieder Grindler und Volker Pfüller.

Der Beitragsteil über Steiner ist eine aktualisierte Fassung des 1990 erstmals erschienenen Artikels: Porträtplakate von Jo Steiner, in: Neue Werbung 1990/5, S. 34 – 38.

Literaturhinweis:

Maryška, Christian: Steiner, Jo, in: Österreichisches Biographisches Lexikon, 13. Band, Wien 2008.
 
1 Die Ära des Berliner Sachplakats begann im Jahr 1908, als Lucian Bernhard eine auf das absolut Notwendige reduzierte Gestaltung einführte, eine mediengerechte Formensprache fand und damit den Weg für das moderne Plakat ebnete. Siehe Grohnert, René: „Unsere Epoche ist die Plakatistische“ – das deutsche Plakat vor 1914, in: Zeitzeiger – Plakate aus zwei Jahrhunderten, Hrsg. Deutsches Plakat Museum im Museum Folkwang, Essen/Mainz 2007, S. 76ff.
2 Jo (Josef) Steiner war der wichtigste Protagonist des sog. Bildnis- oder Starplakats, seine Arbeiten verliehen den Stars und Sternchen seiner Zeit plakativen Ruhm. Siehe Holzinger, Josef: Zu Jo Steiners Plakaten, in: Das Plakat, Jg. 10, Nr. 3, 1919, S. 192–195.
3 Jo Steiner, Linden / Cabaret / Claire / Waldoff, Berlin, um 1912/1913, Druck: A. Weylandt, Berlin, Farblithografie, 71,5 x 91,0 cm.
4 Das Stück war das letzte in der von Alexander Lang inszenierten sogenannten Trilogie der Leidenschaft (Stück 1: Euripides, Medea; Stück 2: Goethe, Stella; Stück 3: Strindberg, Totentanz).
5 Der Totentanz in der Regie von Max Reinhardt (1873–1943) mit Paul Wegener (1874–1948) als Edgar und Gertrud Eysoldt (1870–1955) als Alice. Ein Plakat ist meines Wissens nicht überliefert, auch nicht für die erste Verfilmung des Stoffes im selben Jahr. Der Totentanz wurde – als erste Produktion der Filmstudios in Potsdam-Babelsberg – als Stummfilm aufgenommen. Hauptdarsteller waren Oskar Fuchs (1867–1941) und Asta Nielsen (1881–1972), Regie führte Urban Gad (1879–1941).
6 „Das Ei“, die kleine Bühne im Friedrichstadtpalast, wurde 1976 gegründet und als Institution Ende 1992 geschlossen.

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