Ikonen des Grafikdesigns

Wer kennt in Österreich Cipe Pineles? Wer weiß hierzulande schon, dass Stefan Sagmeister der wahrscheinlich international einflussreichste Österreicher im Bereich der bildenden Kunst ist? Mehr über diese beiden Persönlichkeiten und über viele andere kann man in der Publikation „Graphic Icons. Visionaries Who Shaped Modern Graphic Design“ von John Clifford erfahren. Clifford ist Art Director des angesehenen New Yorker „Think Studios“ und unterrichtete auch an der „Parson School of Design“. Nun hat er ein sehr persönlich gehaltenes Lehrbuch zur Geschichte des Grafikdesigns verfasst, in dem es vor allem um Namen geht: „Many people know the names of architects, artists, and fashion designers“, so der Autor, „but not many know the names of graphic designers. It’s strange to me, since graphic designers create so much of our everyday world: books, magazines, web sites, logos, posters, packaging, infographics, wayfinding signs, mobile apps, and film and television graphics“.

In Cliffords Buch findet man tatsächlich viele bedeutende Namen von Gestalterinnen und Gestaltern, die das optische Erscheinungsbild der modernen Welt des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt haben: So reicht der Bogen vom deutschen New Yorker Lucian Bernhard (1883–1972) bis zum Vorarlberger New Yorker Stefan Sagmeister (*1962).

Neben Stefan Sagmeister gibt es in dem Band von John Clifford noch mannigfaltige weitere österreichische Bezüge. So finden im Anfangskapitel über Art Nouveau, Jugendstil und „the shift to more geometric designs“ die Mitglieder der Wiener Secession Erwähnung. Julius Klinger, der es sich zweifellos verdient hätte, in einem eigenen Porträt gewürdigt zu werden, wird zumindest in Zusammenhang mit dem Sachplakat der Berliner Druckerei „Hollerbaum und Schmidt“ genannt. Vier Seiten sind dem in Oberösterreich geborenen Bauhauskünstler Herbert Bayer gewidmet. Dass Bayer sich – obwohl in der Nazi-Schau „Entartete Kunst“ auch gegen ihn gehetzt wurde – noch vor seiner Emigration in die USA an die nationalsozialistischen Machthaber anzubiedern versucht hatte, erwähnt John Clifford allerdings nicht, sondern streicht Bayers Verdienste um die Entwicklung der amerikanischen Designszene hervor: „With his background in European modernism, he brought fresh ideas to corporate America.“

Ausführlich wird auch das Lebenswerk von Cipe Pineles in dem Buch dargestellt. Sie wurde 1908 in Wien geboren und kam mit ihren Eltern im Alter von 13 Jahren in die USA, wo sie später eine Ausbildung am Pratt Institute absolvierte. 1932 wurde sie Assistentin des Condé Nast Art Directors und arbeitete für „Vogue“ und „Vanity Fair“, bis sie 1942 als Art Director der Zeitschrift „Glamour“ die erste Frau war, die bei einem großen amerikanischen Magazin eine solche Funktion innehatte. Später zeichnete Cipe Pineles für das grafische Erscheinungsbild der Zeitschriften „Seventeen“, „Charm“ und „Mademoiselle“ verantwortlich: „Her work“, so John Clifford, „helped to redefine the look of women’s magazines, while also furthering women’s changing roles in society.“ Mit großem Respekt wird in dem Buch auch die bisherige Arbeit von Stefan Sagmeister gewürdigt: „Stefan Sagmeister doesn’t see a new project as just another job; he sees an opportunity to create something magnificent. He pushes beyond the functional to develop designs that consistently provoke a reaction.“

Freilich evoziert eine Zusammenstellung wie diese immer auch eine grundsätzliche Kanondiskussion. Je nach Art des Zugangs zum dargestellten Thema werden dem Einen oder Anderen Namen abgehen, die man in einem derartigen Überblick gerne sehen möchte. So kann man fragen, warum Joseph Binder da nicht vorkommt, wo doch dessen ehemaliger Mitarbeiter in New York, Alex Steinweiss, als Erfinder des modernen Schallplattencovers ausführlich gewürdigt wird und Binder großen Einfluss auf die Entwicklung des Grafikdesigns in Europa und den USA hatte. Man fragt sich auch, warum Otto Neurath und sein Grafiker Gerd Arntz für ihre Leistungen um die Entwicklung der modernen Bildstatistik nicht berücksichtigt werden, während Otl Aicher, dessen Piktogramme ohne die Arbeit der zwei Vorgenannten nicht denkbar wären, lobende Erwähnung findet.

Freimütig bekennt jedoch der Autor, dass er mit seinem Buch keine ultimative Liste der objektiv bedeutendsten Designer bieten kann und will, sondern dass er eine sehr persönliche Auswahl jener Kreativen zusammengestellt hat, die ihn selbst und seine Arbeit beeinflusst haben. Zweifellos ist ihm damit eine spannende und anregende Darstellung gelungen.

Clifford, John: Graphic Icons. Visionaries Who Shaped Modern Graphic Design, San Francisco 2014.

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