Sowjetische TASS-Plakate im Zweiten Weltkrieg

Am 28. März 1945 überschritten die ersten sowjetischen Truppen die österreichisch-ungarische Grenze, von 5. bis 13. April tobte die Schlacht um Wien, nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft konnte bereits am 17. April der Sozialdemokrat Theodor Körner zum Bürgermeister bestellt werden, am 27. April wurde die Wiederherstellung der Republik Österreich in Wien proklamiert.

Die Folgen des Zweiten Weltkrieges waren verheerend, wobei die Sowjetunion sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich die meisten Opfer zu beklagen hatte. Angesichts derart unvorstellbarer Belastungen war der Propaganda im Inneren der UdSSR eine immer größere Bedeutung zugekommen. Gleich nach dem Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion im Jahr 1941 bildete sich im Rahmen der „Nachrichtenagentur der Sowjetunion“ TASS (=Telegrafnoje Agenstwo Sowjetskogo Sojusa) eine Gruppe von Grafikern und Autoren, die bis zum Ende des Krieges eine Serie von über 1200 Plakaten im Kampf gegen Hitler-Deutschland produzierte. Dabei waren auch viele der Propagandabilder direkt gegen die Person des Nazi-Diktators in Form von schlagkräftigen Karikaturen gerichtet.

Tass1

Im Vorjahr widmete „The Art Institute of Chicago“ den „Fenstern“ der TASS, wie die einzelnen Plakate von den Sowjets genannt wurden, eine Ausstellung und einen umfassenden Katalog. In der hervorragenden Begleitpublikation findet sich auch das „OKNO TASS No. 1147“ vom 27. Jänner 1945, das die Situation Österreichs im Rahmen des Deutschen Reiches thematisierte. Man sieht darauf einen rattenartigen Adolf Hitler, der – sekundiert von einem grüngesichtigen Joseph Goebbels – einer ebenso hässlichen, dürren Gestalt, auf der „Awstrija“ geschrieben steht, in einer Presse das letzte Blut herausdrückt. Überschrieben ist die Szene mit der Schlagzeile „Hitler und das ‚brüderliche‘ Österreich“, gefolgt vom Kommentar: „Um die südliche Grenze zu verteidigen, pressen die Hitlerianer die letzten Ressourcen aus Österreich heraus (Aus der Zeitung)“. Unter die gespenstische Karikatur wurde ein Vierzeiler gesetzt: „Um noch weiter durchzuhalten, um nur einen Tag länger zu überleben, tut es mir nicht leid, den Österreicher, mein ‚Brüderchen‘, bis zum letzten Tropfen auszupressen.“

Die Zeichnung stammt vom Maler und Grafiker Pavel Sokolov-Skalia, der auch künstlerischer Leiter des TASS-Studios gewesen war und ungefähr 200 Plakate dafür entworfen hat, den Text hat Osip Brik, der berühmte avantgardistische Schriftsteller und Weggefährte von Wladimir Majakowski noch kurz vor seinem Tod am 22. Februar 1945 verfasst.

Dieses Dokument ist einerseits bemerkenswert, weil es die vom offiziellen Österreich lange Zeit beschworene Rolle des Landes als „Opfer des Nationalsozialismus“ durchaus differenziert und ambivalent aus russischer Sicht darstellt, und andererseits, weil dieses Plakat von der österreichischen Zeitgeschichtsschreibung bisher „übersehen“ wurde und das Blatt somit noch nicht in den Bildfundus der Historiographie Aufnahme fand.

Zegers, Peter Kort – Douglas Druick (Ed.): Windows on the War. Soviet TASS Posters at Home and Abroad, 1941 – 1945, Chicago 2011.

Weitere Hinweise:
Maslennikow, Viktor Alekseewitsch: Okna Tass [Fenster der Tass] 1941 – 1945, Moskau 2007.
RussianPoster.Ru