Mihály Biró: „Kunst“ oder politische Plakate

Mihály Biró (1886–1948)

Die zwei Begriffe scheinen selbstverständlich jedem Fachkundigen wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden, und jedem Leser erscheint ihre Trennung paradox. Und die Trennung ist leider doch vorhanden.

In den letzten Jahren zeigen die in Deutschland erschienenen politischen Plakate ohne Parteiunterschied einen noch nie dagewesenen Tiefstand gegenüber dem früher so hochstehenden deutschen Plakat. Während in England, Frankreich, Italien, Oesterreich und sogar im kleinen Ungarn die politischen Plakate einen Aufschwung gezeigt haben, sind die deutschen politischen Plakate zweifellos wirkungslos ohne Schwung und Kraft, infolgedessen schlecht und zwecklos. Ich habe einmal einen berühmten Freund von mir, einen bekannten Lokomotivbauer, gefragt, welches die schönsten Lokomotiven sind. Er hat mir das damals modernste, ungeheuer schöne und imposante Modell, die sogenannte Pacific-Lokomotive gezeigt und antwortete schlicht und einfach, daß die Maschine an Schnelligkeit, Kraft und Widerstandsfähigkeit alle anderen überbietet. Gute Maschinen sind auch schön. So sollte es auch mit den politischen Plakaten sein. Ganz egal, wie und mit welcher Technik ein Plakat aufgebaut ist; wenn es wirkungsvoll und zugkräftig ist, so ist das Plakat gut.

Mir speziell ist es unangenehm, diese Kritik zu üben, da mir nichts anderes bleibt, als die Arbeiten meiner deutschen Kollegen zu verurteilen. Aber in den vergangenen Jahren, die ich in Deutschland verbracht habe, habe ich nicht das Glück gehabt, ein einziges gutes politisches Plakat zu sehen, bei dem ich die Ueberzeugung gehabt hätte, daß ich davon lernen und etwas profitieren könnte. Andererseits fühle ich mich berechtigt, mich zu dieser Frage zu äußern, nachdem ich durch fast 25 Jahre in beinahe sämtlichen europäischen Ländern, hauptsächlich in Ungarn, politische Plakate gezeichnet habe. Selbst bei größter Voreingenommenheit für Ungarn kann man nicht sagen, daß es jemals ein besonders freiheitlicher Staat gewesen wäre, tausend Jahre lang bis zur neuesten Zeit war für gewisse Parteien die Propagandafreiheit fast unmöglich oder sehr eingeschränkt. Vielleicht ist es diesen Fesseln zu verdanken, daß solche Plakate entstanden sind, die mit aller Wucht und Leidenschaft die Masse aufforderten, sich ihrer Ketten zu entledigen. Ein solches Spiel war und ist gefährlich, und ich glaube, daß es in einem demokratischen Staat schwerer ist, gute agitatorische Plakate zu machen, wenn es ohnehin erlaubt ist. Meiner Meinung nach erfordert das Zeichnen von politischen Plakaten nicht nur technische Kunst und zeichnerische Fähigkeit, sondern der Künstler muß in enger Verbindung mit der Volksmasse sein, zu welcher er mit seinem Plakat sprechen will. Der Künstler, der agitatorische Plakate zeichnet, muß aus dieser Masse herausgewachsen sein mit Seele und Leib, muß ihre Wünsche und Gesinnung vollkommen verstehen und mit ihr verwachsen sein. Diese auf die Masse wirkenden Plakate sollen Kunst fertigbringen, dabei müssen sie so einfach und so deutlich wie möglich gezeichnet und der Psychologie der Masse angepaßt sein. Selbstverständlich werden Plakate mit wuchtigen, blitzartig hingeworfenen Strichen eine viel größere Wirkung auf die Masse haben, als schön ausgeführte und sogenannte sachliche Plakate haben. Die politischen Plakate müssen meiner Meinung nach unbedingt von der schweren Last der sogenannten Sachlichkeit befreit werden. Die sachlichen Plakate haben da nichts zu suchen. Dieser Begriff hemmt jeden Schwung, jede Wucht, mit welcher der Künstler durch sein Plakat auf die Masse einhämmern sollte. Der hier jetzt so populär gewordene Ausdruck „Sachlichkeit” (welche sicherlich durch die amerikanische photoähnliche Wiedergabe oder Photomontage entstand) kann für verschiedene Marktartikel, wie Zahnräder oder Autos usw. passend sein, aber in der politischen Propaganda hat diese Ausführung nichts zu suchen. In den jetzigen politischen Plakaten fehlt entweder Kunst oder Ueberzeugung oder sogar alles beides. Die Parteierfolge sind viel mehr auf persönlichen Einfluß und Flugzettelpropaganda zurückzuführen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Plakat mit einem mehr oder weniger schlecht gezeichneten Kopf von einem Parteiführer oder Staatsoberhaupt genügend Anziehungskraft auf die für Freiheit gegen die Unterdrückung ankämpfende Volksmasse hätte. Solch ein Plakat sollte der ganzen interessierten Bevölkerung die Augen aufreißen, sie zum Nachdenken zwingen und rasch auf ihre Sinne wirken. Ich glaube kaum, daß eins der letzten Wahlplakate trotz der mit großer Verbissenheit geführten Kämpfe eine einzige Stimme aus der Masse gewonnen haben kann.

Ich halte es für unmöglich, daß ein politisches Plakat mit entsprechend geänderter Beschriftung ebenso gut als Propaganda für junge Turner, Freiluftgymnastik oder auch „Eßt Fische” geeignet sein könnte. Das politische Plakat ist kein Sachplakat, mit welchem ich heute für irgendeine Seifenfabrik und morgen für die Konkurrenzfirma Propaganda mache. Der Künstler, der politische Plakate zeichnet, ist nicht zu verwechseln mit dem Rechtsanwalt, der heute die Interessen des Klägers und morgen die des Angeklagten vertritt. Also die Künstler, die politische Propagandaplakate machen, müssen auch eine überzeugende Gesinnung haben, und nur diese können überzeugende und wirksame Werke schaffen. Ich halte es auch für unmöglich, für verschiedene Gesinnungen gleichzeitig zu zeichnen, und weil es unmoralisch ist, kann auch so das richtige Ziel nicht erreicht werden.

Links: Mihály Biró, „Gegen die Greuel des Krieges“, Plakat, Budapest 1912 / Rechts: Mihály Biró, Plakat für die Zeitung „Nömunkás“ (=Die Arbeiterin“), Budpest 1918

Aus meiner eigenen Praxis, wie ein politisches Plakate entstehen soll, möchte ich mich auf ein kleines Beispiel unter vielen anderen, auf das speziell in der ganzen Fachwelt und hunderttausenden Köpfen bekannte Plakat berufen, das sogenannte „Kanonenfutter-Plakat”, welches ich vor der ersten Mobilisation der Monarchie gegen Serbien gemacht habe. Dieses Plakat wurde um 7 Uhr abends bestellt, zweifarbig direkt auf Stein gezeichnet, und um 8 Uhr früh war es schon überall plakatiert.

Eine halbe Stunde später versuchte wild herumreitende Polizei mit scharfen Säbeln die Masse vor den Plakatsäulen auseinanderzutreiben. Die Polizei hat das Plakat überall mit Säbeln heruntergerissen, trotzdem wurde es von begeisterten Unbekannten immer wieder frisch aufgeklebt. Kurze Zeit darauf hat die Menge es auf Stangen befestigt und unter Begleitung von Tausenden und Abertausenden in der Stadt herumgetragen, und um 12 Uhr mittags war schon Generalstreik. Das Plakat hat der Masse unvergleichlich mehr gesagt als hundert revolutionäre Leitartikel. Für diejenigen, die politische Plakate zeichnen, sollte als Wegweiser das Motto gelten:

„He puts his creed into posters.”

Ich kann nicht dafür, daß zufällig eine englische Plakatzeitschrift einem Artikel über meine Plakate diesen Titel gab.

Der Beitrag erschien in der deutschen Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ (1932/7, S. 64–66) in der Rubrik „Interview des Monats“, wobei Mihály Biró mit „Michael“, also der deutschen Version seines Vornamens, zeichnete. Die originale Rechtschreibung des Textes wurde beibehalten.