Österreichisches Filmmuseum: „Zyphius“ oder „Balaena“?

Gertie Fröhlich, Logo des Österreichischen Filmmuseums von 1964 bis 2002, in veränderter Form lebt der Wal auch im aktuellen Logo weiter (Abb.: Österreichisches Filmmuseum)

Alle Filminteressierten Wiens und Österreichs kennen das markante Logo des Österreichischen Filmmuseums: Es zeigt ein seltsames Meerestier, das in seiner speziellen, altertümlichen Ästhetik eine Art Gegenposition zu den modernen Bildwelten des Films bietet und wohl auch deshalb so einprägsam ist. Kreiert hat das Signet die vielseitige Künstlerin und Grafikdesignerin Gertie Fröhlich, die über zwanzig Jahre lang für das Corporate Design des Filmmuseums zuständig war.

Das aktuell erschienene Buch von Heidelinde Resch über Gertie Fröhlich[1] und leider auch der Tod der Künstlerin im Mai 2020 geben den Anlass, sich genauer mit der Geschichte um die Entstehung des Logos des Filmmuseums zu beschäftigen. Denn gerade um dieses Logo hat sich eine Art Urban Legend gebildet, die es zu hinterfragen reizt. Dies auch deshalb, weil es dabei um die Frage des gestalterischen Anteils von Gertie Fröhlich bei der Kreation des Bildsymbols geht.

Auf der Website des Filmmuseums findet sich – unter dem Eintrag „Zyphius“ – folgende Erklärung zum „Wappentier“ der Institution: „Als Peter Kubelka 1964 mit Peter Konlechner das Österreichische Filmmuseum gründete, gewann er die Künstlerin Gertie Fröhlich für die Gestaltung der Plakate. Sie tat dies über zwanzig Jahre lang und schuf mehr als 100 Motive. Gertie Fröhlich hat auch das Logo für das Filmmuseum ausgewählt: das Phantasiewesen Zyphius. Sie hatte es in einer Abhandlung über Fabelwesen aus dem Jahre 1558 gefunden, wo es sich mit Einhorn, Phoenix, Sphinx, Sirenen und anderen Zaubertieren tummelte. Da es aufgrund seiner besonderen anatomischen Eigenschaften sowohl an Land als auch unter Wasser leben kann, ist es ein gutes Symbol für das Filmmuseum: Es möge niemals untergehen.“[2]

Ähnlich erzählte es auch der Galerist John Sailer, der anlässlich der Ausstellung „Plakate für das Österreichische Filmmuseum 1964–1984“ in der Wiener Galerie Ulysses im Sommer 2005 den Text „Was ist ein Zyphius?“ verfasste. Darin schrieb er: „Warum Gertie das Phantasiewesen Zyphius – welches sie in einer Abhandlung über Fabelwesen aus dem Jahre 1558 fand, wo es sich mit Einhorn, Phoenix, Sphinx, Sirenen und anderen Zaubertieren als eindeutig hässlichstes Tier tummelte – zum Logo des Filmmuseums auswählte, habe ich nie erfahren.“[3] Auch in nahezu allen Medienbeiträgen zur Geschichte des Filmmuseums wurde und wird immer dieselbe Legende um den angeblichen „Zyphius“ erzählt.[4]

Wie kann man nun den Wahrheitsgehalt dieses Narrativs überprüfen? Und wie kann man feststellen, wie groß der kreative Anteil der Gestalterin an der Entwicklung dieses Logos war?

Nirgends findet sich der Titel des Buches, in dem das Vorbild für das Logo-Monster enthalten sein soll. Die einzigen beiden konkreten Hinweise lauten, es sei ein Buch über Fabelwesen und es sei 1558 erschienen.

Wie zielführend ist nun diese Fährte?

Arbeitet man den Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek durch, so findet man den 1558 erschienenen, den Fischen und sonstigen Wasserwesen gewidmeten vierten Band der „Historiae animalium“ des angesehenen Schweizer Arztes und Naturforschers Conrad Gessner.[5] Das insgesamt fünfbändige Werk erschien zwischen 1551 und 1587 in Zürich und ist durchaus keine „Abhandlung über Fabelwesen“, sondern eine große, umfassende, mit Holzschnitten illustrierte Darstellung der Fauna der Welt. In der Unvoreingenommenheit des Humanismus und in seinem Streben nach Vollständigkeit nahm Gessner auch Wesen wie Einhörner, Meermenschen und Seemonster in sein Kompendium auf. Er tat dies wohl bisweilen mit einer gewissen Skepsis, aber offensichtlich war es sein Ziel, das gesamte „Wissen“ seiner Zeit zu sammeln und systematisch zu erfassen. Solange anerkannte Kapazitäten ihres Fachs die Existenz derartiger Wesen als real darstellten und die Nichtexistenz nicht bewiesen war, wollte Gessner derartige Erscheinungen seiner Leserschaft offenbar nicht vorenthalten.

Sein Werk – also eben der 1558 erschienene Band über Fische und Wasserwesen – enthält auch einen Eintrag über den „Zifius“ oder auch „Ziphius“ (die Schreibung „Zyphius“ findet sich hier nicht), sowie dessen deutsche Namen, die mit „Zyffwal“ und „Suffwal“ angegeben sind, und den der Autor als ein „schreckliches Meeresungeheuer“ bezeichnet.[6]

Der „Zifius“ oder „Ziphius“: Illustration aus dem Werk von Conrad Gessner, 1558 (Abb.: Bayerische Staatsbibliothek)

Allerdings zeigt dieser „Ziphius“ keinerlei Ähnlichkeit mit dem Logo des Filmmuseums. Fündig wird man jedoch, wenn man rund hundert Seiten vorblättert und dort auf eine „Balaena“[7] stößt, die in Gessners deutschsprachiger Version auch als „Braunfisch“ bezeichnet wird[8] und die ganz offensichtlich das Vorbild für das Signet darstellt. Das Seemonster wird gerade von zwei weiteren Fantasiewalen attackiert (was ganz gut zur nicht immer leichten Geschichte des Filmmuseums passen könnte).

„Balaena“: Illustration aus dem Werk von Conrad Gessner, 1558 (Abb.: Bayerische Staatsbibliothek)

Conrad Gessner beruft sich bei seiner Darstellung der beiden Meeresmonster auf den schwedischen Naturforscher und katholischen Geistlichen Olaus Magnus, der mit seiner „Carta marina“ aus dem Jahr 1539 und dem 1555 erschienenen Erläuterungsband „Historia de gentibus septentrionalibus“ die erste umfassende Darstellung der Länder Skandinaviens in der Neuzeit schuf.[9] Aus diesen Werken übernahm Gessner offenbar auch die betreffenden Illustrationen zum „Ziphius“, der bei Magnus auch „Xiphias“[10] heißt, und zur „Balaena“, bei Magnus „Balena“[11].

Detail aus der „Carta Marina“ von Olaus Magnus, 1539: Links südlich von „Thile“ (=das mythische Land Thule) eine „Balena“, rechts der „Ziphius“ mit dem Eulengesicht (Abb.: Wikimedia Commons)

Der französische Naturforscher Pierre Denys de Montfort ging noch Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Publikation des schwedischen Zoologen ein und vermerkte dazu: „Der Xiphia des Olaus Magnus ist ein Seethier der nordischen Meere, wo es mit andern Ungeheuern dieser Meere gemeinschaftlich lebt. Es gleicht gar keinem andern Thiere; durch seine kolossalischen Proportionen nähert es sich allein den Cetaceen [=Walen]. Sein Kopf, der wie eine Nachteule aussieht, hat ein scheußliches Ansehn; der Rachen ist ungeheuer groß, und gleicht wenn er offen ist, einer weiten Höhle, die selbst den kühnsten Menschen in Schrecken setzen würde.“[12] Der eulenartige Kopf gehört in populären Darstellungen von Fabel- und Monsterwesen bis in die Gegenwart zum charakteristischen Aussehen des Ziphius.[13]

„Balena“ und „Xyphias“ bei Olaus Magnus, 1555 (Abb.: Universitätsbibliothek Gent)

Wieso also der Name des eulengesichtigen Meeresmonsters für den eher wildschweinartigen Fisch des Filmmuseums? Die Erklärung dazu findet sich im Filmmuseum selbst: Es handelt sich dabei um einen Artikel des deutschen Heraldikers und Grafikers Walter Leonhard zum Thema „Fabelwesen aus frühen zoologischen Werken“ im Fachmagazin „Gebrauchsgraphik“ aus dem Jahr 1959.[14] Der Autor weist darin auf die Tierbücher von Conrad Gessner und auf eines von Albertus Magnus hin. Aus diesen Werken stammt auch eine Reihe von Abbildungen in dem Beitrag – jedoch ohne genauere Quellenangaben. Unter den Bildbeispielen befinden sich sowohl der Gessnersche Zifius wie auch die Balaena, allerdings beide unter dem Namen „Zyfius“.[15]

So führt der Weg der Recherche von Gessner, der, wie erwähnt, eine andersartige Terminologie benutzt, zwangsläufig zu Albertus Magnus. Der deutsche Gelehrte und Geistliche lebte Anfang des 13. Jahrhunderts und war mit seinem Werk „De animalibus“ auch ein Vorbild für Gessner. 1545 erschien in Frankfurt am Main Walter Hermann Ryffs deutsche Übersetzung dieser zoologischen Darstellung unter dem Titel „Thierbuch“. Und darin wird nicht zwischen Balaena und Zyfius unterschieden, sondern beide Meeresmonster werden gleichlautend als „Zyfius“ bezeichnet. Erläuternd heißt es dazu: „Zyfius das sind Meereswunder/ keinem andern thier gleich /aber uber die maß sehr groß, und der art und geschlecht der Wallfisch/ haben uber die maß wunderbaubarliche heupter / unnd vast tieffe meuler / erschrockliche augen / am ganzen leib wie gesagt keinem anderen thier gleich.“[16] Und aus diesem Werk stammen offensichtlich die genannten Illustrationen in der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, die schlussendlich das Material für das Filmmuseum zur Auswahl des Logos boten. 

Links: Der „Zyfius“ bei Albertus Magnus, 1545 (Abb.: Bayerische Staatsbibliothek) / Rechts: Aus der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, 1959 (Österreichisches Filmmuseum)

Es ist kommunikationshistorisch interessant, wie lange sich dieser Mythos um einen Mythos unhinterfragt halten konnte. Es ist aber auch eine liebenswerte Geschichte, die gut in die Zeit ihrer Entstehung passt und zwischen H.C. Artmann und André Heller angesiedelt sein könnte. Viele hat das Logo, so wie John Sailer, irritiert, doch fügt es sich gut in die Welt der progressiven Grafik der 1960er Jahre. Als Antwort auf die gelackte Werbeästhetik der gerade damals immer stärker werdenden Werbeagenturen besannen sich junge Kreative auch auf historische Vor-Bilder: Das reichte etwa von den Jugendstil-Rückgriffen der psychedelischen Konzertplakate der US-Westcoast bis zur „Vertonung“ eines alten Zirkusplakates in dem Song „Being for the benefit of Mr. Kite“ durch John Lennon.[17]

Die eigenschöpferische Leistung von Gertie Fröhlich war es, dieses Bild als Logo zu entdecken und daraus ein sehr starkes, einprägsames Markenzeichen für das „Österreichische Filmmuseum“ zu machen. In etwas modifizierter Weise hat es bis heute Bestand – ein mythisches Monster, das, wie auch immer es heißen mag, die ungeheure Vielfalt der Fantasiewelt „Film“ assoziieren lässt.

[1] Resch, Heidelinde: Gertie Fröhlich. »netzhäuten ein vollbad gestatten«, Wien 2019 (=/design/er/leben/, 20. Bd). Siehe die Besprechung des Buches auf AUSTRIAN POSTERS.
[2] Website des Österreichischen Filmmuseums (Stand: 19.6.2020).
[3] Sailer, John: Was ist ein Zyphius, in: artmagazine, 27.5.2020 (Stand: 19.6.2020).
[4] Z.B.: Im Zeichen des Zyphius, in: Die Presse, 1.3.2014; Filme, Farben, Fabelwesen, in: ORF, Ö1 (beide Links Stand: 19.6.2020). Auch in allen Nachrufen anlässlich des Todes von Gertie Fröhlich findet sich beständig das Narrativ um den angeblichen „Zyphius“ als Markenzeichen des Österreichischen Filmmuseums.
[5] Gessner, Conrad: Historiæ animalium liber IV.: Qui est de piscium & aquatilium animantium natura […] Zürich 1558.
[6] Ebenda, S. 248f.
[7] Ebenda, S. 137.
[8] Gessner, Conrad: Fischbůch : Das Ist Ein Kurtze, Doch Vollkomne Beschreybung Aller Fischen so in Dem Meer Vnnd Süssen Wasseren, Seen, Flüssen, Oder Anderen Bächen Jr Wonung Habend, Sampt Jrer Waaren Conterfactur (…), Zürich 1563, Doppelseite 98.
[9] Magnus, Olaus: Historia De Gentibus Septentrionalibus Earumque Diversis Statibus Conditionibus Moribus Ritibus […]. Rom 1555.
[10] Ebenda, S. 743.
[11] Ebenda, S. 738.
[12] Denys de Montfort, Pierre: Denys Montforts allgemeine und besondere Naturgeschichte der Weichwürmer: Mollusques, als Fortsetzung der Bussonschen Naturgeschichte, Hamburg – Mainz, 1803. 2. Teil, S. 179.
[13] Vgl. etwa: Dickson, Paul: Words: A Connoisseur’s Collection of Old and New, Weird and Wonderful, Useful and Outlandish Words, New York, 1982, S. 178; Hargreaves, Joyce: Hargreaves New Illustrated Bestiary, Glastonbury 1990, S. 136.
[14] Dem Direktor des Österreichischen Filmmuseums, Michael Loebenstein, wird für diesen Hinweis und die Übermittlung der betreffenden Unterlagen herzlich gedankt.
[15] Leonhard, Wolfgang: Von wunderbarer art. Fabelwesen aus frühen zoologischen Werken, in: Gebrauchsgraphik. International Advertising Art 1959/2, S. 28ff.
[16] Albertus Magnus – Walter Hermann Ryff: Thierbuch, Frankfurt am Main 1545, unpaginiert [S. 261].
[17] Denscher, Bernhard: Kunst und Werbung: Interferenzen und Divergenzen in der stilistischen Entwicklung, in: Kodera, Sergius – Georg Lebzelter (Hrsg.): Post no Bills: Das Medium Plakat zwischen Kunst und Kommerz, Göttingen 2016, S. 11ff., Vgl. dazu: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band.

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