Joseph Roth: Plakatkunst

Theo Matejko, Ausschnitt aus dem Plakat für den Film „Der Herr der Liebe“, 1919 (Österreichische Nationalbibliothek – Bildarchiv und Grafiksammlung)

Ich habe gestern eine Ausstellung besucht, deren Objekte keiner der offiziellen Kunstgattungen angehören und deren symptomatische Wichtigkeit infolgedessen unterschätzt werden könnte. Unter dem Protektorat des Reichskunstwarts Redslob veranstaltete die Berliner Filmindustrie in der Friedrichstraße eine Filmplakat-Ausstellung. Sie mag zuerst eine Angelegenheit der engeren Fachkreise sein. Aber darüber hinaus ist sie eine des öffentlichen Lebens. In dem Sinne, daß sie, wie jede Plakatausstellung, unseren schlafenden Sinn für äußere Wirkung zu wecken imstande wäre und daß an ihr erkennbar wird, wie weit wir es in der Fähigkeit zu wirken gebracht haben.

Die Aufgabe des Plakats ist mit der eines guten Buchtitels zu vergleichen. Es soll wie dieser Neugier erwecken und dennoch komprimiert alles enthalten. Es muß reizen und zugleich befriedigen. Es muß auffallen und darf nicht verletzen. Es muß bannen, ohne zu stören. Es muß nachwirken und darf denjenigen, der es gesehen hat, doch nicht unbarmherzig verfolgen wie jene Rasierklingenreklame, die einen in der Mitte glatt durchgeschnittenen Dackel zeigt. Die groteske Grauenhaftigkeit dieser Dackeloperation ist suggestiv, aber wie ein quälender Traum, gegen den man nächtelang vergeblich ankämpft.

Der Film mag es schwieriger haben, wirksame Plakate herzustellen, als zum Beispiel eine Zigarettenfabrik. Diese kann mit der bildgewordenen, also gewissermaßen aus der Sprache in ihre eigentliche Heimat wiedergekehrten Metapher arbeiten. Reklame der Zigarettenfabrik will nur bewirken, daß ich mir einen Gegenstand kaufe. Die des Films, daß ich ein Schicksal, ein Ereignis miterlebe. Die Filmreklame darf die Lebendigkeit des angepriesenen Kinostücks nicht übertreffen, weil sie sonst übertrieben ist. Sie darf nicht hinter der Buntheit des Films zurückbleiben. Diese muß angedeutet sein. Der Inhalt des Stücks kann in einem Symbol ausgedrückt werden. Aber wie jedes Sinnbild muß auch dieses klar und knapp sein. Voluminöses tötet das Interesse.

Man sieht nun in der Filmplakatausstellung nur Anläufe zu guter Plakatwirkung. “Künstlerisch”, das heißt: nicht etwa mit der Ambition in die Reihe der Genialitätserzeugnisse aufgenommen zu werden, sondern mit der Tendenz, eine gebändigte Form der Wirksamkeit zu finden, das gelang dem deutschen Industrieplakat besser als dem französischen und dem italienischen. Deutsche Plakatzeichner sind in den letzten Jahren in Amerika zu hohem Ansehn gelangt. Die deutsche Trickreklame ist ein heiteres, manchmal geistreiches Kunstgewerbe geworden. Die Filmreklame, von der sich die Industrie viel erhofft hat, ist nicht auf der Höhe.

Was bedeutet mir eine witzige Karikatur von Trier “Adam und Eva”, die “an sich” gelungen, aber von ihrem Zweck losgelöst erscheint? Was sagen mir Fritz Koch-Gothas bekannte Zeichnungen aus der und jener Gesellschaftsschicht, die mir Impressionen von Menschen und Situationen vermitteln, niemals aber eine anreizende, meine Neugier erweckende Idee vom anzugreifenden Film? Am wirksamsten sind noch jene an die Simplizität des Holzschnitts gemahnenden Zeichnungen (von Fenzel), die eine inhaltliche Fülle in den knappsten Ausdrucksformen festhält; oder jene stark realistischen Bilder von Otto Arpke, die eine tatsächliche Darstellung des Ereignisses zu geben bemüht sind und die ich potenzierte Photographien nennen möchte. Oder ein Porträt Paul Wegeners von dem bekannten Reklamezeichner Leonard, der durch den Ausdruck einer Persönlichkeitsphysiognomie die Rolle des Helden, sein Schicksal, seine Tragik anzudeuten bestrebt ist. Die Plakatbilder von Matejko, die den Schmiß ohne Genialität haben, weisen den Weg zu wirksamer Reklame, aber sie finden ihn selbst noch nicht. Matejko zeichnet Plakatfeuilletons. Ihre Wirksamkeit macht gelegentlich eine kleine Anleihe bei der Erotik. Und das Interesse, das ein Frauenbein erregt, lenkt von dem Interesse für den Film ab. So enthält diese Ausstellung gute und minder gute Zeichnungen und Bilder. Aber noch keine Werke der Filmplakatkunst.

Frankfurter Zeitung, 22.2.1924.
Der Herausgeber dankt Helmut Peschina herzlich für den Hinweis auf diesen Text.
 

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