Buchumschläge der Weimarer Republik

Ein imposantes Werk zu einem immer noch zu wenig beachteten Aspekt der Designgeschichte, nämlich zu jenem der Buchgestaltung, ist vor kurzem im „Taschen Verlag“ erschienen. Die aktuelle Veröffentlichung basiert auf einer bereits 2005 unter dem Titel „BLICKFANG. Bucheinbände und Schutzumschläge Berliner Verlage 1919–1933“ von Jürgen Holstein im Selbstverlag herausgebrachten Publikation.

Der Sammler, Antiquar und Verleger Jürgen Holstein fungiert auch in der aktuellen,  „Buchumschläge der Weimarer Republik“ betitelten Edition als Herausgeber, basiert das reiche Anschauungsmaterial ja auf der reichhaltigen Sammlung, die Holstein im Laufe der Jahrzehnte zusammengetragen hat. In der Einleitung zu dem umfassend illustrierten Band bemerkt er ganz richtig: „Mit dieser Übersicht zum Thema ‚Einband- und Umschlaggestaltung in der Weimarer Republik‘ stellen wir ein vernachlässigtes Gebiet der Gebrauchsgraphik in den Mittelpunkt einer umfangreichen Publikation. Vielleicht trägt sie dazu bei, auch Bibliothekare nachdenklich zu stimmen, die, von einigen Ausnahmen abgesehen, den Umschlag für überflüssig halten. Gelegentlich spricht man ihm sogar ab, Teil des Buchs zu sein, entfernt und vernichtet ihn mit vermutlich mehr oder weniger gutem Gewissen. Wer aber anders aber sollte die Verantwortung dafür übernehmen, Buchumschläge zu sammeln, wenn nicht Bibliothekare, und wer anders sollte berufen sein, sie zu bewahren, wenn nicht Bibliotheken.“

Gerade angesichts einer Entwicklung, bei der in Bibliotheken darüber nachgedacht  wird, ob man nur noch Digitalisate statt der Originale aufbewahren will, spricht hier Holstein ein wichtiges Problem an, das gerade in der Fachwelt entsprechende Beachtung finden sollte. Die Publikation bietet jedoch weit darüber hinaus für Bibliophile und Bibliothekare eine Fülle von spannenden Aspekten der Buchproduktion. Zur Einführung stellt der Herausgeber mit Samuel Fischer, Wieland Herzfelde, Gustav Kiepenheuer, Erich Reiss, Ernst Rowohlt und Louis F. Ullstein die sechs wichtigsten deutschen Verleger der Zwischenkriegszeit vor. In der Folge werden in den Hauptrubriken „Politik und Gesellschaft“, „Verleger und Verlage“, „Kunst und Künstler“, „Buchgestaltung“ sowie „Literatur und Autoren“  über 1000 Buchumschläge thematisch geordnet präsentiert.

buchumschlaegebilder

Ein aus österreichischer Sicht besonders interessantes Kapitel ist dem Verlag „Adalbert Schultz“ gewidmet. Über dessen gelungenes Erscheinungsbild schreibt Jürgen Holstein: „Die Bücher des Verlags Adalbert Schultz sind zeitgemäß, originell und herausragend gestaltet. Als Entwerfer für die meisten ist Andreas K. Hemberger genannt. Über diesen war nichts in Erfahrung zu bringen, in Dresslers Kunsthandbuch von 1930 ist er mit einer Frankfurter Adresse verzeichnet.“

Die hier angesprochene karge Informationslage zu Andreas K. Hemberger in deutschen Nachschlagewerken hängt wohl damit zusammen, dass Hemberger hauptsächlich in Österreich als Grafikdesigner tätig war. Gesicherte Lebensdaten liegen bis jetzt auch hier nicht vor, doch dürfte Andreas Karl Hemberger nach meinen Recherchen 1901 geboren und 1978 verstorben sein. Alexandra Smetana und Christian Maryška haben für den Bildkatalog der Österreichischen Nationalbibliothek schon vor geraumer Zeit interessante Details zur Biografie des Grafikers herausfinden können: Unter anderem, dass er von 1919 bis1922 an der „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ in Wien ausgebildet wurde, im Jahr 1926 Gründungsmitglied des „Bundes Österreichischer Gebrauchsgraphiker“ war und dass er um 1928 in Frankfurt am Main und um 1936 in Berlin tätig war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Hemberger nach Österreich zurück, wo er als Gebrauchsgrafiker bis in die 1960er Jahre tätig war. In der Österreichischen Nationalbibliothek befinden sich 42 von Andreas K. Hemberger entworfene Plakate, 76 Stück sind in der Wienbibliothek verwahrt. Neben Wirtschafts- und Tourismuswerbung gestaltete Hemberger  für die „Sozialistische Partei Österreichs“ überaus wirkungsvolle Wahlplakate, die mittlerweile zu grafischen ‚Ikonen‘ der österreichischen Nachkriegsgeschichte wurden.

Holstein, Jürgen (Hrsg.): Buchumschläge in der Weimarer Republik, Köln 2015.

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