Frankfurt: Kunst aus Wien um 1900

Emil Orlik, Drei Mädchen beim Brettspiel (Ausschnitt), 1906/08, Wien, Sammlung Eugen Otto (Foto: Norbert Miguletz)

Einer speziellen Facette der Wiener Kunst um 1900 hat sich Ausstellungskurator Tobias Natter für eine sehenswerte Schau in der „Schirn Kunsthalle Frankfurt“ angenommen: Es geht um ein bisher in dieser Form kaum beachtetes Thema, nämlich um die Rolle, die der Farbholzschnitt im Zuge der künstlerischen Reformbewegungen der Jahrhundertwende spielte. Lange Zeit habe das „Dreigestirn Klimt, Schiele, Kokoschka, die nicht so sehr am Holzschnitt interessiert waren“, so Tobias Natter, den Blick auf diesen interessanten und vor allem optisch reizvollen Aspekt der Wiener Kunstgeschichte verstellt. Eigentlich erstaunlich, denn – so Natter weiter – hier handle es sich um eine „andere, junge Seite der Wiener Moderne“: „Am Wiener Farbholzschnitt faszinieren die stilistische und thematische Vielfalt sowie eine noch heute spürbare Aufbruchsstimmung, die sich aus vielen Quellen speiste und erfolgreich um ein zentrales Thema rang: Flächenkunst von bleibendem Wert zu schaffen.“

Die Frankfurter Ausstellung kann diese Sicht beeindruckend und – im wahrsten Sinne des Wortes – anschaulich bestätigen. In einer vom bekannten Theaterregisseur Ulrich Rasche gestalteten Ausstellungsarchitektur, die durch Eleganz und Zurückhaltung besticht, findet man eine ausführliche Darstellung der Genese des Farbholzschnittes in der Wiener Kunst um 1900. Vor allem unter dem Einfluss der japanischen Kunst wurde der Holzschnitt, nachdem er lange Zeit als bloße Reproduktionstechnik gesehen wurde, nun als eigenständige künstlerische Ausdrucksform begriffen. Nach zögerlichem Beginn entstand zu Anfang des 20. Jahrhunderts dann ein wahrer Boom um den künstlerischen Farbholzschnitt in Österreich. Waren in „Ver sacrum“, der von 1898 bis 1903 publizierten Zeitschrift der Wiener Secession, in den frühen Ausgaben entsprechende Abbildungen nur spärlich vertreten, so wuchs bis in die letzten Erscheinungsjahre die Zahl der enthaltenen „Originalholzschnitte“ enorm an, sodass es am Schluss insgesamt nicht weniger als 216 derartiger Illustrationen waren.

Erwin Lang, Grete Wiesenthal (Das rote Mädchen), um 1904, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv / Schenkung O. Oberhuber

Erwin Lang, Grete Wiesenthal (Das rote Mädchen), um 1904, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv / Schenkung O. Oberhuber

Kein Zufall, dass sich bei dieser repräsentativen Dokumentation zur Flächenkunst um 1900 viele Künstler finden, die sich auch mit der Gestaltung von Plakaten beschäftigten. So sind in der Schau unter anderem Arbeiten von Rudolf Kalvach, Maximilian Kurzweil, Erwin Lang, Koloman Moser, Emil Orlik, Viktor Schufinsky und Leopold Stolba vertreten. Und wenn die Ausstellung in Frankfurt mit „Kunst für alle“ betitelt ist, weil Druckgrafik weitaus erschwinglicher als die teuren Gemälde war, so konnten doch auch die Holzschnitte bei weitem nicht von allen Schichten der Bevölkerung erworben werden. Die wahre „Kunst für alle“ blieben die Ausstellungsplakate, die – wie historische Fotos beweisen – durchaus den Weg auf die öffentlichen Anschlagflächen der Stadt fanden.

Zur Ausstellung ist im Verlag „Taschen“ ein repräsentativer Katalog mit zahlreichen großformatigen Abbildungen erschienen. Die Schau ist noch bis 3.10.2016 in der „Schirn Kunsthalle Frankfurt“ zu sehen. Vom 19.10.2016 bis 22.1.2017 wird sie – in etwas verkleinerter Form – in der Wiener Albertina gezeigt.

Natter, Tobias G. – Max Hollein – Klaus Albrecht Schröder: Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900, Köln 2016.

Weitere Hinweise:
Schirn Kunsthalle Frankfurt

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