Plakatarchäologie

Historische Plakatreste in der Wiener Gumpendorfer Straße (Alle Fotos: Barbara Denscher)

Dezember 1913: Das große, neu gebaute Wohnhaus an der Wiener Gumpendorfer Straße 67, Ecke Esterházygasse, ist fast fertig. Allerdings fehlt an dem von Anton Schwertmann (damals einer der meistbeschäftigten Wiener Architekten) entworfenen Bau noch die Außenfassade, und für einige Zeit werden die rohen Ziegelmauern von Wildplakatierern als Werbeflächen genutzt. 1914 ist das Haus dann zur Gänze fertiggestellt – und von den Maueranschlägen ist hinter der neuen Steinfassade nichts mehr zu sehen.

Fast ein Jahrhundert später, im Sommer 2011, sind, bei Erneuerungsarbeiten an einer Geschäftsfassade im Erdgeschoß, einige wenige Reste der alten Plakate wieder ans Licht gekommen. Es sind kaum mehr als ein paar Papierfetzen, keine der Affichen ist vollständig erhalten, ihre zeitliche Zuordnung und inhaltliche Deutung fordern einiges an Recherchearbeit – diese aber lohnt sich, denn sie bringt nicht nur Fakten zur Geschichte des Gebäudes, sondern auch Interessantes zu Kultur und Freizeit im Wien jener Epoche.

Den Schlüssel zur richtigen Lektüre dieses „Tagebuchs der Straße“ liefern die Relikte eines kleinen Kino-Plakates.

Es ist die Ankündigung einer Aufführung des „Mimodramas“ – also des Stummfilms – „Der Shylock von Krakau“ im „Trianon Kino“. Dem damaligen Kinoboom Rechnung tragend (zwischen 1911 und 1914 wurden in Wien 102 neue Kinos eröffnet) hatte man im Kellergeschoß des neu gebauten Hauses einen geräumigen Filmsaal eingerichtet. Dieser trug bis 1917 den Namen „Trianon Kino“, später „Mariahilfer Lichtspiele“ und „Kino Mariahilf“. Ab 1980 war er Spielstätte des „Theaters Gruppe 80“, seit 2006 beheimatet er das „TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße“.

Der Stummfilm „Der Shylock von Krakau“, für den der Schriftsteller Felix Salten das Drehbuch verfasste (es war das erste Filmdrehbuch des „Bambi“-Autors), hatte im Oktober 1913 in Berlin seine sehr erfolgreiche Premiere und war in den ersten Dezembertagen des selben Jahres in mehreren Wiener Kinos zu sehen. Der „ungeteilte Beifall“ (so die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung“ am 1. Dezember 1913 über die Vorführungen im Grabenkino), den der Streifen auslöste, galt vor allem dem Hauptdarsteller Rudolph Schildkraut (1862–1930), der in Wien am Raimund- und Carltheater gespielt hatte und ab 1905 in Berlin dem Ensemble von Max Reinhardt angehörte.

Bei dem zweiten Film, der auf dem Plakat angekündigt ist, dürfte es sich um den Streifen „S.1“ mit Asta Nielsen handeln – auch dieser gehörte zu den populären Novitäten des Jahres 1913. Das kleine Plakatrelikt beweist damit auch, dass das „Trianon Kino“ bereits im Dezember 1913 in Betrieb war – in der Fachliteratur wird der Betriebsbeginn durchwegs wenig exakt mit „1913/1914“ angegeben.

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Oberhalb der Filmankündigung finden sich die Reste eines wesentlich größeren Plakates. Beworben wird damit eine Eisbahn „Dworski“ im 8. Wiener Bezirk. Beim Betreiber dieses Eislaufplatzes handelt es sich wohl um jenen „Hans Dworsky“, der im Wiener Adressbuch „Lehmann“ ab 1911 als „Sportlehrer“ mit der auch auf dem Plakat angegebenen Adresse „Josefstädterstraße 51“ verzeichnet ist. Vermutlich hatte er im Hofgarten des Hauses eine Natureisbahn angelegt, die er an Sonn- und Feiertagen öffentlich zugänglich machte. Mit entsprechend gestalteter Werbung – auf den Plakatresten ist die Abbildung von Schlittschuhläufern erkennbar – hoffte er offenbar, Sportbegeisterte auch aus anderen Bezirken zu erreichen.

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Die weiteren Plakatrelikte am Haus Gumpendorfer Straße 67 sind nicht mehr entzifferbar, eines scheint eine Veranstaltung in Schönbrunn anzukündigen.

Wie die bei der Fassadenrenovierung Beschäftigten versichern, werden die Plakatrelikte nicht entfernt, sondern unter der neuen Steinfassade auf der Mauer belassen. Vielleicht werden sie ja in 100 Jahren wieder einmal freigelegt werden…

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Sichtbar geblieben ist hingegen ein anderes Plakatfundstück in der Gumpendorfer Straße. Denn auch am Haus Nummer 30 hatte man bei der Renovierung einen alten Maueranschlag entdeckt. Es ist die Ankündigung für ein „Monstre-Concert“ mit „8 k. u. k. Regiments-Capellen“ und 400 Musikern. Zu entnehmen ist dem Plakat, dass das Konzert „Anlässlich der Jubiläums Feier“ des Hoch- und Deutschmeister-Regiments stattfand und dass dabei zum ersten Mal der „Deutschmeister Jubiläums-Marsch“ von Johann Strauss aufgeführt wurde.

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Damit ist dieser Anschlag mit 1896 zu datieren. Der „Saint Charles Apotheke“ ist zu danken, dass sie ihn gut sichtbar in ihre Fassadengestaltung integriert hat.

Herrn Peter J. Fuchs wird für den Hinweis auf diesen frühen, wilden Plakatanschlag gedankt.

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