Datenspuren: Die Geschichte der Informationsgrafik

Detail aus dem Buchcover (Alle Abbildungen: TASCHEN Verlag)

Der französische Philosoph Étienne-Jules Marey stellte im ausgehenden 19.Jahrhundert fest, dass ein Hindernis gegenüber dem Fortgang der Wissenschaft die ungenügende Fähigkeit der Sprache sei, „die Wahrheiten, die wir erlangt haben, auszudrücken und zu vermitteln.“ Dieses Zitat findet man im einleitenden Artikel des Buches über die Geschichte der Informationsgrafik. Autorin dieses Kompendiums ist die studierte Kulturwissenschaftlerin Sandra Rendgen, ihre zentralen Themen sind Datenvisualisierung und interaktive Medien, sowie die Geschichte der Infografik. Dieser einleitende Artikel trägt den Titel: „Linie, Farbe, Fläche, Zeichen“. Er führt somit die Instrumente an, die dem Designer zur Verfügung stehen, seine Vorstellung mit der des Lesers zu verbinden. Und zitiert auch gleich die scherzhafte Aussage des italienischen Designers Francesco Franchi, der gemeint hat, Infografiken seien quasi ein Ding der Unmöglichkeit.                                                     

So. Da drängt jetzt Persönliches an die Oberfläche: Ich will ja nicht sagen, dass Infografiken ein Ding der Unmöglichkeit seien, aber, die Verwandlung von Facts in Figures, also von Tatsachen in Abbildungen, scheint doch – so erlebe ich es nicht nur an mir –  sehr schwierig zu sein. Wie oft steht man vor verschiedenfarbigen Balken, Kreisausschnitten und Kurven, in Randspalten durch Ziffernmaterial angereichert, wie die berühmte Kuh vor dem neuen Tor. Weil die Information einfach nicht rüberkommt. Es ist so ähnlich, wie zu versuchen, die Funktion diverser Computerprogramme nachzuvollziehen. Wenn man die Denkweise der Menschen nicht kennt, die daran gehen, komplizierte Denkinhalte in einfache Programme oder Grafiken zu verwandeln, wenn diese einem nicht schlüssig aufscheinen, wird man sich auch da sehr schwer tun.

Am Anfang der Lektüre dieses Buches stehen also einerseits persönliche Zweifel, andrerseits gespannte Erwartung, ob da vielleicht doch Schleusen geöffnet werden, die den Gedankenfluss zwischen Designer und Betrachter freier strömen lassen werden. Wobei man – wieder eine eigene Erfahrung – zuerst einmal Bilder schaut, von der Bilderflut überwältigt wird. Schon allein das Titelbild: eine Karte des Vesuv aus dem Jahr 1833, auf der vom dunklen Schwarz bis zum grellen Rot die Lavaströme zu verfolgen sind.

Zu Beginn fällt einem das Dürer´sche Nashorn auf, unter dem ein Satz steht, der einen gleich innehalten lässt: „Als rationales grafisches Bild unterscheidet sich die Grafik sowohl von der bildlichen Darstellung als auch von der Mathematik“ sagte 1967 der französische Kartograph Jacques Bertin, der laut WIKIPEDIA  in seiner Theorie der „Graphischen Variablen“ aufzeigte, „dass ein Kartenzeichen aus Farbe, Form, Muster, Helligkeit, Richtung und Größe  zusammengesetzt werden kann“. Somit ist der Vielfalt der Abbildungen kaum eine Grenze gesetzt. Man sieht Bekanntes, wie zum Beispiel „Der Mensch als Industriepalast“ von Fritz Kahn. Einer der Höhepunkte ist aber die ungefähr ein dreiviertel Meter lange (TASCHEN macht´s möglich) „Histomap of Evolution“, einer Karte also, auf der die Entwicklung der Evolution in sich über die Bildfläche windenden Farbsträngen aufgezeigt wird. (Die 20zeilige Erklärung dieser Grafik hier in Kurzform darzulegen, ist mir leider weder intellektuell noch verbal möglich.) Aber eines ist schon klar, wenn es darum geht, viele – wenn nicht überhaupt alle – Menschen mit Information zu erreichen, wie zum Beispiel bei U-Bahn-Karten, dann schaffen das die zuständigen Designer.

Andrerseits erlauben sie sich auch einschlägige Scherze, wie zum Beispiel der Designer Ched Hagen, der konventionelle Diagrammelemente und Beschriftungen wunderschön abstrakt hinstellt, ohne jedoch damit auch nur die Spur eines Inhalts vermitteln zu wollen.                                                                

Zum Inhalt dieses Buches: das beginnt mit einem Überblick über die 1200 Jahre, in denen visueller Wissenstransfer passiert ist. Sandra Rendgen setzt da auch gleich ein Statement über das Hier und Jetzt: „Nur wenige Gebiete intellektueller und ästhetischer Betätigung befinden sich gegenwärtig in einem solchen Zustand vibrierender Gespanntheit wie die Informationsvisualisierung.“ (Da wird doch für unsereins auch etwas Vermittelndes dabei sein!)               

Vier historische Abschnitte bilden den Kern des Buches, nämlich Mittelalter, Frühe Neuzeit, neunzehntes und zwanzigstes Jahrhundert. Dazwischen sind Aufsätze zu Spezialthemen gestellt. So trug David Rumsey, ein amerikanischer Sammler historischer Karten, für diesen Band 22 Karten zusammen, um zu zeigen, wie verschiedenartig Daten auf Karten dargestellt werden können. Der amerikanische Psychologe Michael Friendly zeigt „Preziosen aus der Geschichte der Datenvisualisierung“. Da hat zum Beispiel der französische Bauingenieur Charles-Joseph Minard die Katastrophe des Russlandfeldzugs von Napoleon visualisiert.

Im 19.Jahrhundert etablierte sich die Methode der Informationsvisualisierung langsam aber stetig, besonders das Bewusstsein für die publizistische Wirkung wurde erkannt. Und da betreten auch Frauen die Bühne. Florence Nightingale war ja nicht nur der Welt berühmteste Krankenschwester, sondern auch Statistikerin, die Pädagogin Emma Willard gab Unterrichtsmaterialien heraus, in denen sie komplexes Wissen in einen stabilen Rahmen stellte, ein perspektivisch verkürzter Tempel veranschaulicht bei ihr die Geschichte der Menschheit.

Der deutsche Designer und Professor für Informationsdesign Michael Stoll befasst sich mit „Menschen und Maschinen verstehen“. Da passt auch „Der Mensch als Industriepalast“ von Fritz Kahn hinein.

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Informationsgrafik allgegenwärtig, die Visualisierungsforschung geht in Richtung Rezeption, Wahrnehmung und Lesbarkeit, die Interaktion zwischen Menschen und Computern wird immer mehr zum Thema.

Der amerikanische Journalist Scott Klein forscht zum Thema Geschichte der Infographik und bringt zum Abschluss des Buches „Die vergessenen Anfänge der Presse-Infografik“ und würdigt dort in Wort und Bild die vielen unbekannten GrafikerInnen, „die unter Zeitdruck, mit unvollständigem Datenmaterial und mit mehr als nur ein bisschen Einfallsreichtum“ Daten in Tageszeitungen visualisiert haben.

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Dieses Zitat fällt einem nach der Lektüre dieses Buches, das in englischer, deutscher und französischer Sprache verfasst ist, ein. Bei manchen Grafiken kann man voll einsteigen, versteht die Absichten des Designers, bei anderen wieder bleibt einem der Zugang verschlossen. Da bleibt einem nur der Trost, sich wenigstens eine abstrakt-schöne Grafik anschauen zu können.

Rendgen, Sandra – Julius Wiedemann: History of Information Graphics, Taschen Verlag , Köln 2019.