Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges

Fotografie, Lily Renée, 1940er Jahre, © Privatbesitz (Ausschnitt)

Lily Renée, Wilhelm „Bil“ Spira und Paul Peter Porges hatten ein ähnliches Schicksal, sie sind als jüdische Kinder in Wien aufgewachsen. Sie mussten 1938 emigrieren und wurden „anderswo erfolgreich“. Ihre Zeichenstifte setzten sie als Werkzeuge zum Überleben ein. Das Jüdische Museum in Wien bekam nun im Laufe der letzten Jahre die Nachlässe von Spira und Porges. Gleichzeitig ergab sich auch ein Kontakt zwischen Danielle Spera, der Direktorin des Museums, und Lily Renée (Phillips), die in New York lebt und so lag es auf der Hand, „den Dreien mit dem Stift“ eine Ausstellung zu widmen. Als KuratorInnen wurden Sabine Bergler, die sich hauptsächlich mit Exil-Themen befasst, und Michael Freund, als Fachmann für Comics und Cartoons, gewonnen. 

Auffallend gleich einmal zu Beginn ist die schöne Frau: Lily Renée (geb. 1921), die mit der Comics-Heldin „Señorita Rio“, einem Superwoman, bekannt wurde. Von Wilhelm „Bil“ Spira (1913–1999) war an dieser Stelle schon zu lesen, in AUSTRIAN POSTERS wurde ein Buch über sein Leben, „Bil Spira, vom Roten Wien zu den französischen Internierungslagern“, vorgestellt. (Die kürzlich verstorbene TV-Journalistin Elisabeth T.Spira, war übrigens eine Verwandte.) Der Dritte ist Paul Peter Porges (1927–2016), der mit dem Markenzeichen „P.P.P.“ in den Vereinigten Staaten als Cartoonist Karriere machte.

Paul Peter Porges, Cartoon Rauch- und Sprechverbot, © Jüdisches Museum Wien

Im Gespräch hält Sabine Bergler fest, dass Kunst und Schicksal primär nichts miteinander zu tun hätten, die historischen Ereignisse die Zeichnungen nicht überschatten sollten. So wird auch im Katalog, in dem Artikel „Mit Feder, Bleistift und Pinsel durchs 20.Jahrhundert“, Wert darauf gelegt, festzustellen, dass alle Drei seit ihrer Kindheit gerne zeichneten, dass es also „nicht die nationalsozialistischen Verfolgungen waren, die sie zum Zeichenstift greifen ließen“ und sie alle auch nach 1945 vielfältig arbeiteten. Sie seien also „nicht zu menschlichen Mahnmalen“ zu reduzieren. Die Qualität des Werks, habe mit der Tragik des Lebens nichts zu tun. Eine wichtige Bemerkung zur Tätigkeit von Lily Renée: Sie entwarf auch Stoffmuster für Textilunternehmen und darin sah sie ihre wirkliche Begabung. In New York arbeitete sie für die Dependance der Salzburger Trachtenfirma Lanz, wo sie auch Lisl Weil traf, die Kinderbücher schrieb und illustrierte und während der Konzerte der New Yorker Philharmoniker deren Musik in Zeichnungen umsetzte. (Neben dem Leben Lisl Weils werden in diesem Artikel auch noch weitere Schicksale und viele Verbindungen aufgezeigt.) 

Die Ausstellung ist nun so aufgebaut, dass man in dem einen Raum nur die Kunstwerke sehen und diese ganz subjektiv beurteilen kann. Im zweiten Raum sind wohl auch Kunstwerke zu sehen, dort sind sie aber in die Lebens- und Überlebensgeschichten eingebettet.

Links: Lily Renée, Titelblatt Fight Comics, Dezember 1946, © Privatbesitz Lily Renée / Rechts: Lily Renée, Seite aus dem Comic Strip „Señorita Rio“, 1946, © Privatbesitz Trina Robbins

Der Katalog zeigt „Die Drei mit dem Stift“ der Reihe nach: als erste bezaubert „Lily Renées lyrische Fantasie“, es folgt „die Reduktionskunst Bil Spiras“, abgeschlossen wird mit „PPPs saftigen Frechheiten“. Die Biografien werden detailliert erzählt und ins jeweilige soziale Umfeld gestellt, mit Familienfotos und Gezeichnetem illustriert. So kann man unter anderem die Vielseitigkeit Lily Renées bewundern, einerseits mit dem Titelblatt zum Superwoman-Comic „Señorita Rio in Horror´s Hacienda“, andrerseits das berührende retrospektive Selbstporträt in der Wiener Wohnung, in der sie aufgewachsen ist, übrigens ein Lieblingsbild von Sabine Bergler, daher weiß sie darüber Persönliches zu berichten. Renée zeichnete sich – in den 1950er Jahren, als sie schon über zehn Jahre in den USA war – braunhaarig mit einer – den damaligen amerikanischen Schönheitsidealen entsprechenden – blonden, blauäugigen Puppe. Die Interpretation der schönen Künstlerin ist, dass sie sich damals in der amerikanischen Gesellschaft so fremd und gar nicht schön gefühlt hätte.

Lily Renée, Retrospektives Selbstporträt in der Wiener Wohnung der Familie Willheim; Gouache, Aquarell, Tusche und Bleistift auf Papier, New York, 1953, © Privatsammlung Nina Phillips

Lily Renée war kurz mit Erich Goltz verheiratet, der sich in den Staaten Eric Peters nannte. Der Journalist Hans Haider schreibt über die Zusammenarbeit der beiden einen Aufsatz mit dem Titel: „Ich habe alle Damen gemacht, er alle Herren“. Sie war in der amerikanischen Comics-Welt ein Star, man kannte sie. Das sieht sie jetzt aber zwiespältig, erzählt Sabine Bergler, sie hielt von dem, wofür sie so großartig gefeiert wurde, gar nicht so viel, es war nicht die Erfüllung ihres beruflichen Traums, sie sah ihre Qualitäten eher auf dem Gebiet des Designs. Dazu muss man erwähnen, dass Frau Renée in New York lebt und bis vor kurzem noch zeichnete. (Wenn man einige ihrer Kinderbuchillustrationen aus den 1950ern sieht, denkt man unwillkürlich an die modernen japanischen Mangas. Wer da wen beeinflusste?)

Lily Renée, Illustration für ihr Kinderbuch „Red Is the Heart“, © Privatbesitz Lily Renée

Bil Spira: Von ihm sieht man „Reduktionskunst“. Porträts unter anderem vom sinnierenden Jura Soyfer, dirigierenden Anton Webern, trinkenden Joseph Roth,  griesgrämigen Hans Moser und dem in sich ruhenden Alfred Hrdlicka. Ein Foto von Robert Haas aus dem Jahr 1938 zeigt, wie Bil Spira im Böhmischen Prater seine Fans, eine Schar von Buben, porträtiert.

Fotografie, Bil Spira beim Porträtieren von Fans im Böhmischen Prater, 1938, © Wien Museum, Foto: Robert Haas

Der Schriftsteller Vladimir Vertlib verfasste einen Essay über den Zeichner, Karikaturisten, Redakteur und Autor Bil Spira und kennzeichnet ihn als „Meister der treffenden Zwischenrufe“, der schon in der Schule begonnen hatte,  sich auf seinen Beruf als Cartoonisten vorzubereiten.

Links: Bil Spira, Hans Moser, 1930er Jahre © Jüdisches Museum Wien / Rechts: Bil Spira, Shirley Temple, 1930er Jahre, © Jüdisches Museum Wien

Ein anderes Lieblingsbild von Sabine Bergler ist übrigens Spiras Porträt von Hans Thimig, dort sähe man so gut, welch Meister der Reduktion er war, er einmal angesetzt und ohne Vorskizzen sehr schnell durchgezeichnet hätte. (Auf einem Video in der Ausstellung sieht man unter anderem, wie Spira aus dem Gedächtnis Joseph Roth zeichnet.)

Der Katalog-Beitrag über Paul Peter Porges stammt von Werner Hanak, der schon im Jahr 2000 eine Ausstellung über Lucie und P.P.P. im Jüdischen Museum in Wien gestaltete. Hanak beschreibt trefflich all das, was ihm Porges erzählt hatte: die frühen Wiener Jahre: „Menschen wie der Meschuggene, der verrückte Hausmeister oder der ägyptische Zimmerherr“ oder wie der Vater, ein Greißler im 15. Bezirk, als Urwiener fünfmal am Tag aß. Es folgt die mühselige Flucht, die Ankunft in den USA, wo er zuerst einmal als Träger, Übersetzer und Barmann in einem Zirkus sein Geld verdiente.

Fotografie, Paul Peter Porges, mit Selbstporträt, während seiner Zeit bei der US Army, 1951-52, © Jüdisches Museum Wien

Erst 1950, als er einen Comicstrip für eine Soldatenzeitung entwickelte, begann seine einschlägige Karriere, die mit seiner Arbeit beim „New Yorker“ einen ersten Höhepunkt fand. P.P.P. gelang es auch, sich Wien wieder anzunähern. Mit „saftige Frechheiten“ wird seine Zeichenkunst charakterisiert, Beispiele aus der Psychoanalyse sollen seine Arbeiten verkörpern.

Paul Peter Porges, Zeichnung, Dr. Sigmund Freud in Amerika kostet seinen ersten Banana Split; ca. 2000, © Jüdisches Museum Wien

Sabine Bergler, macht in ihrem abschließenden Beitrag im Katalog auf die vielleicht nicht so bekannte Kinderrepublik „La Guette“ aufmerksam, in der P.P.P. zwei Jahre von 1939 bis 1941 verbrachte. Das war ein Jagdschloss der Rothschilds in Frankreich, wo zwischen 130 und 140 Kinder aus Deutschland und Österreich untergebracht waren und dort nach demokratischen Grundregeln erzogen wurden, sie wählten Minister und einen Bankdirektor usw. Porges erzählte davon mit leuchtenden Augen: „Wir hielten alle wahnsinnig zusammen. Wir wurden wirklich unsere eigene Familie.“ Die Kinder von damals trafen einander zwischen 1979 und 1999 regelmäßig. P.P.P. zeichnete dort „Die politische Übersicht“, ein anderes Lieblingsbild von Sabine Bergler, auf dem gezeigt wird, wie die Lehrer dort trennende Nationalismen beseitigen.

Es ist schwer, nicht immer das Schicksal der „Drei mit dem Stift“ mitzudenken, wenn  man ihre Bilder sieht. Umso beachtlicher ist es zu beobachten, wie sie sich von ihrem Schicksal zeichnerisch gelöst haben.

Ein Thema, das nach wie vor aktuell ist, wird auch im Katalog angesprochen, nämlich: warum es – bis heute – so wenige Karikaturistinnen gibt. Sabine Bergler, die dieser Frage schon lange nachgeht, weiß bis jetzt keine Antwort darauf. Michael Freund führt an, dass es zwar prominente Comics- und Cartoon-Zeichnerinnen gäbe (Claire Bretécher, Franziska Becker und Marie Marcks, um nur einige zu nennen), aber politische Karikaturen in den Tageszeitungen aus weiblicher Hand kenne er auch nicht.

Bergler, Sabine – Michael Freund (Hrsg.): Die drei mit dem Stift. Lily Renée, Bil Spira & Paul Peter Porges, Jüdisches Museum, Wien 2019.                

Weitere Hinweise: Jüdisches Museum Wien  

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