Farben – die täglichen Sensationen

Hellmuth Eichrodt, Detail aus einem Plakat für die „Buch- und Steindruck-Farben-Fabrik“ Kast & Ehinger, Stuttgart 1912

Was es nicht alles braucht an Voraussetzungen in Natur und Evolution, um Farben überhaupt wahrnehmen zu können, und wie gesellschaftliche Normen und kulturelle Prägungen das Farbempfinden beeinflussen, darüber macht man sich in der Regel keinerlei Gedanken. Bestenfalls haben sich bestimmte Farbkonstellationen für bestimmte Zeitabschnitte eingeprägt, wie etwa der Dreiklang von Rot, Orange und Pink in den 1970er Jahren. Doch Farben sind die „täglichen Sensationen“ – zu diesem Eindruck muss man kommen, wenn man sich mit dem Buch „Die geheimnisvolle Macht der Farben“ von Axel Buether befasst.

Der Autor ist Architekt und Wahrnehmungspsychologe mit den Forschungsschwerpunkten Farbe, Licht, Raum und als Professor für Didaktik der Visuellen Kommunikation an der Bergischen Universität Wuppertal tätig. In seinem Buch widmet er sich dem Phänomen Farbe in zwei Teilen: Im ersten, betitelt „Die Natur der Farben“, geht er auf die ganz allgemeinen Voraussetzungen des Sehens von Farben in aller Gründlichkeit und Tiefe ein. Das alles kann man sich kaum merken. Trotzdem bekommt man aber einen Ein- und Überblick in die Komplexität dessen, was Farbe für uns, unsere Orientierung, unsere Verfassung und unser Überleben bedeutet. Buether befasst sich damit, warum wir Farben sehen und wie wir sie sehen und welchen bewussten und unbewussten Einfluss Farben auf unser Leben haben. Als Orientierung gibt er dafür die sieben biologischen Funktionen der Farbe vor.

Abbildungen aus dem Buch „Die geheimnisvolle Macht der Farben“

Dabei leitet er sie aus evolutionären Entwicklungen ab, gibt Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenreich und überträgt diese Erkenntnisse darauf, wie auch wir Menschen in unserem Verhalten und unseren Entscheidungen von Farben beeinflusst werden. Weitere Voraussetzungen zur Farbwahrnehmung zwischen Physik, Biochemie und Farbpsychologie werden erläutert. Man versteht Stück für Stück, warum Buether Farben, als das „größte Kommunikationssystem“ der Erde bezeichnet, welches das Denken und Handeln der allermeisten Lebewesen stark beeinflusst.

Geht es im ersten Teil des Buches um die lebensnotwendigen Funktionen von Farbe, so stehen im zweiten Teil die Bedeutung der Farben für die gesamte Kulturentwicklung sowie die individuelle Farbkultur im Mittelpunkt. Denn jeder Mensch, so betont Buether, lebt in seiner eigenen Farbwelt, „die wir mit denen teilen, die unter vergleichbaren ökologischen, kulturellen und sozio-ökonomischen Bedingungen aufgewachsen sind. Unser Farbwissen ist an die Situationen bzw. Kontexte gebunden, in denen wir es erworben haben, weshalb Farben nicht nur Bedeutungen, sondern auch Werte symbolisieren. Tief in uns finden wir daher eine Farbheimat, in der sich all die Farben spiegeln, mit denen wir aufgewachsen sind. Für die einen ist das Meer daher einfach nur blau, während andere damit einen Mikrokosmos der Farben verbinden, der auch Töne wie Schwarzgrau, Schlammbraun, Algengrün, Azurblau, Türkis, Weiß, Rot, Magenta und Gold umfasst. Wenn wir den Farben unserer Kindheit wiederbegegnen, wirkt die Umgebung hierdurch sofort vertraut. Diese persönlichen Erlebnisse und Bewertungen prägen unsere Farbpräferenzen.“[1]

Dreizehn Farben werden im zweiten Teil des Buches, betitelt „Die Kultur der Farben“, dann mit zahlreichen Varianten interpretiert. Von der Symbolkraft, der kulturellen Bedeutung und von farbpsychologischen Besonderheiten wird berichtet. Den einzelnen Farben werden jeweils vier Hauptaspekte zugeordnet. Diese zu beschreiben macht unter Umständen deutlich, dass wir gar nicht genügend Worte haben für eine exakte verbale Definition. Dazu kommt noch, dass auch unser assoziatives Verständnis von zum Beispiel der Farbe „Rot“ von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Was also sieht der andere denn, wenn er etwas als „Rot“ beschreibt? Alles bleibt an den Rändern im Ungefähren. Umso verdienstvoller den Versuch zu wagen, unser Verständnis von Farben verbal immer präziser zu fassen.

Abbildungen aus dem Buch „Die geheimnisvolle Macht der Farben“

Zwei Beispiele:

Rot: Als generelle Beschreibung charakterisiert Buether die Farbe mit den Begriffen „vital, verlegen, dominant und gefährlich“. Die vier Hauptaspekte bezeichnet er mit:

●Lippenrot: vital, attraktiv und selbstbewusst
●Schamrot: verlegen, einschüchternd und unterwürfig
●Kardinalsrot: dominant, aggressiv und mächtig
●Blutrot: gefährlich, abschreckend und verboten

Zu jedem der Aspekte gibt es Erläuterungen mit ganz praktischen Beispielen, wie unser Unterbewusstsein farbliche Codierung aufnimmt und unsere Entscheidungen beeinflusst werden. Als Beispiel ein Auszug aus den Erläuterungen zum Lippenrot: „Rot bewirkt eine Sexualisierung des weiblichen Körpers, die auf beide Geschlechter wirkt. Wir müssen uns daher schon zwingen, bei Rot nicht hinzusehen! Das bestätigt auch die Forschung. Männer finden Frauen im Durchschnitt doppelt so attraktiv, wenn sie deren Bilder vor rotem statt vor weißem Hintergrund bewerten. Untersuchungen von Dating-Webseiten belegen, dass Frauen auf ihren Profilbildern viel häufiger in Rot gekleidet sind, wenn sie es nur auf Bettgeschichten abgesehen haben. Anhalterinnen werden fast doppelt so häufig mitgenommen, wenn sie rote Kleidung tragen. Kellnerinnen, die sich in Rot kleiden oder roten Lippenstift verwenden, erhalten deutlich mehr Trinkgeld. Wer häufig und gerne Rot trägt, hat gelernt, mit den taxierenden Blicken von Männern und Frauen selbstbewusst und souverän umzugehen.“[2]

Gelb: Als generelle Beschreibung charakterisiert Axel Buether die Farbe mit „aktivierend, heiter, frisch und empfindlich“. Die vier Hauptaspekte bezeichnet er mit

●Sonnengelb: aktivierend, strahlend und energetisch
●Emoji-Gelb: heiter, optimistisch und beglückend
●Zitrusgelb: frisch, anregend und warnend
●Gallengelb: empfindlich, ausgrenzend, kränklich

In der Variante des „Gallengelb“ hat die „heitere, frische“ Farbe also auch negative Konnotationen. Dazu Buether: „Bevor die Ursachen gefährlicher Infektionskrankheiten entdeckt wurden, galten Anzeichen wie gelbe Hautverfärbungen, Eiterbeulen oder offene eitrige Wunden als Symptome der Pest. Zur Bekämpfung der Pest, die oft ganze Landstriche und Städte entvölkerte, wurde häufig gelber Schwefel verbrannt. Das grünstichige Schwefelgelb erzeugt diabolische Dämpfe, die nicht nur giftig aussehen, sondern auch noch faulig riechen. Die gelben Rauchschwaden und der widerwärtige Geruch galten als Gestank der Hölle und sollten die bösen Geister vertreiben.“ Die Pest galt als Hexenkunst und Teufelswerk – und auch bei der grausamen Suche nach den vermeintlich Schuldigen tauchte die Farbe Gelb wieder auf: „Minderheiten wie Juden wurden in Europa immer wieder als Verursacher der Pest identifiziert und durch gelbe Markierungen gekennzeichnet. Das nationalsozialistische Regime griff mit dem gelben Judenstern auf diese diskriminierende Schuldsymbolik zurück, um Juden im Deutschen Reich wie in den besetzten Gebieten zu demütigen und auszugrenzen. Der gelbe Judenstern gilt daher heute weltweit als Symbol für die Verbrechen des Holocaust. Diese furchtbare Symbolik der Farbe Gelb basiert auch noch auf einer anderen Quelle. Bereits in den Worten des Alten Testaments wird die Farbe mit Aussätzigkeit in Verbindung gebracht.“[3]

In einem leidenschaftlichen Abschlussplädoyer fordert uns Buether auf, die „richtigen Farben“ zu finden. Was aber kann das sein, eine richtige Farbe – für wen, wofür, wann und wozu? Genauer erklärt wird es nicht, letztlich bleibt es bei der Aufforderung, „das gerade Gelernte“ im Persönlichen umzusetzen und Mut zur Farbe zu haben, man werde staunen, wie neu das Umfeld einen wahrnimmt. Das allerdings kann ich bestätigen. Ich bin überwiegend in Schwarz unterwegs, manchmal schummelt sich eine dunkle Farbe, wie etwa Bordeaux-Rot, darunter. Vor einiger Zeit trug ich dann ein leuchtend orangenes Hemd – die Reaktionen waren in der Tat bemerkenswert in ihren spaßigen und ernsten – bis hin zu besorgten – Reaktionen. Auch von einem anderen „Farberlebnis“ möchte ich noch berichten. Als ich vor vielen Jahren alleine im Herbst durch Norwegen fuhr, da musste ich – um eine Hochebene zu erreichen – durch einen Autotunnel. Am Ende angekommen gelangte man in eine Art Schleuse, die den Tunnel vor Schneeverwehungen schützen sollte. Als sich das letzte Tor öffnete, da war ich sicher: Ich kann – warum auch immer – keine Farben mehr sehen. Himmel, Wasser, das Schneefeld, die Straße, alles nur in Grautönungen, bestenfalls mit einem minimalen Blauanteil. Ich kann mich noch heute an die Unruhe erinnern, die sich kurz breit machte, bis das rote Stoppschild quasi Erlösung brachte.

Für wen ist dieses Buch zu empfehlen? Für diejenigen, die sich einfach für das Phänomen Farbe interessieren, besonders aber für solche Menschen, deren Profession es ist, sich mit Kommunikation zu beschäftigen. Die physiologischen Fähigkeiten der Wahrnehmung und die psychologischen Auswirkungen von Farben auf uns Menschen sollten hier besonders bekannt sein, denn ohne dieses spezielle Wissen dürfte eine gewollte Wirkung – z.B. in der Werbung – nur mangelhaft umgesetzt werden können. Wie wirken Kontraste, in welcher Farbe erscheinen Buchstaben glatt und scharf, wie rufe ich über die Farben bestimmte Stimmungen, oder Emotionen hervor usw.? Diese Fragen beantwortet das Buch, vor allem die immer wieder eingestreuten Beispiele machen die komplizierten Zusammenhänge verständlicher.

Buether. Axel: Die geheimnisvolle Macht der Farben. Wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen. Infografiken: Dinah Kübeck, Heike Krauss, Rahel Brochhagen. Droemer Verlag, München 2020. Auch als E-Book erhältlich.

[1] Buether, Axel: Die geheimnisvolle Macht der Farben. Wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen. München 2020, S. 133.
[2] Ebd. S. 178.
[3] Ebd. S. 221ff.

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