Wien-Bilder in der „Fläche“

„Es liegt im Wesen des Plakats, daß es sich mitten im Verkehrsstrome dem Menschen entgegenstellt, die Aufmerksamkeit auch der Teilnahmslosesten, fesselt und jedem, auch dem Widerstrebenden, einen Erinnerungswert mitgibt“, befand Joseph August Lux in seinem Beitrag über „Das moderne Plakat“ in dem Vorlagenwerk „Die Fläche“.[1] Das zwischen Mitte 1903 und Mitte 1904 in zwölf Heften mit jeweils 16 Seiten zu einem „Musterbuch“ anwachsende Kompendium wurde vom Direktor der Wiener Kunstgewerbeschule Felician Myrbach gemeinsam mit den Professoren Josef Hoffmann, Koloman Moser und Alfred Roller herausgegeben. 1910/1911 publizierte dann Bertold Löffler eine „Neue Folge“ mit zwei Heften. Die abgebildeten Beispiele waren ausschließlich den verschiedensten Formen der angewandten Grafik gewidmet. Bis auf wenige Ausnahmen präsentierten die Professoren Arbeiten ihrer Studentinnen und Studenten an der Kunstgewerbeschule und demonstrierten damit, was ihren Vorstellungen vom „Wiener Stil“ entsprach. Daher meinte auch Werner J. Schweiger über das Kompendium: „Trotz der Vielfalt des gebotenen Materials von beinahe hundert Künstlern (bzw. Kunstgewerbeschülern) kann man wahrscheinlich von einer Art ‚Kollektivstil‘ sprechen und nicht von Manifestationen eigenständiger Persönlichkeiten.“[2]

„Die Fläche“ als Name des Projekts war auch Programm: die Illusion von Dreidimensionalität vermeidend wurden unzählige Beispiele flächiger grafischer Gestaltung aus den verschiedensten Anwendungsbereichen vorgestellt, die von Plakaten über Bücher, Vorsatzpapiere, Menü- und Geschäftskarten bis zu textilen Entwürfen, wie Stickerei und „Kleiderschmuck“, reichten.

Links: Hilde Exner / Rechts: Emilie Schlangenhausen

Unter den vielen Bild-Beispielen findet sich in der „Fläche“ auch eine sechsteilige Serie von Wien-Plakaten[3], die nicht nur aufgrund ihrer Modernität erstaunlich war, sondern auch wegen der Idee, für eine Stadt mit Plakaten zu werben. Denn dies war Anfang des 20. Jahrhunderts auch international noch durchaus ungewöhnlich. Es blieb allerdings bei den Entwürfen, die nie realisiert wurden. Die Arbeiten stammten – in der Reihenfolge ihrer Publikation – von Josef Bruckmüller, Reinhold Klaus, Anton Kling, Moriz Jung, Hilde Exner und Emma Schlangenhausen. Die Qualität der publizierten Beispiele kam nicht von ungefähr, die Künstlerinnen und Künstler gingen nach der profunden Ausbildung an der Kunstgewerbeschule alle ihren erfolgreichen Weg.

Links: Josef Bruckmüller / Rechts: Moriz Jung

Emma Schlangenhausen (1882–1947) reüssierte mit einem umfangreichen grafischen Werk, schuf in ihrer späteren Wahlheimat Salzburg aber auch Fresken. Ihre Freundin Hilde Exner (1880–1922) hatte sich bald für die Plastik entschieden und absolvierte weitere Studien bei Aristide Maillol in Paris sowie in Rom. Nachdem sie im Ersten Weltkrieg als Krankenpflegerin tätig war, starb sie 1922 an den Spätfolgen einer Infektion, die sie sich während des Krieges zugezogen hatte. Von ihr stammt mit der Davidfigur am Kriegerdenkmal auf dem Friedhof Morzg die erste größere von einer Künstlerin geschaffene Skulptur im öffentlichen Raum in Salzburg. Auch Moriz Jung (1885–1915) war ein Opfer des Weltkriegs, konnte aber in seinem kurzen Leben ein interessantes Werk schaffen. Er arbeite als Illustrator von Büchern und Zeitschriften und entwarf unter anderem ein Plakat und ein Programmheft für das Kabarett „Die Fledermaus“. Darüber hinaus zeichnete er für die „Wiener Werkstätte“ nicht weniger als 63 Ansichtskarten[4], gestaltete Bilderbogen und Illustrationen für den Almanach der WW für das Jahr 1911. Das Oeuvre des vielseitigen Anton Kling (1881–1963) reichte von Buchkunst über Schmuck bis zur Keramik. 1908 wurde er Professor an der Kunstgewerbeschule in Hamburg, von 1923 bis 1927 fungierte er als Direktor der Kunstgewerbeschule in Pforzheim, danach war er als Lehrbeauftragter in Karlsruhe tätig. Reinhold Klaus (1881–1963) spezialisierte sich nach seiner Ausbildung, die er nach der Kunstgewerbeschule an der Akademie der bildenden Künste in Wien vertiefte, vor allem auf den Entwurf von Glasfenstern und Mosaiken. Als künstlerischer Leiter prägte er über Jahrzehnte das renommierte Atelier für Glasmalerei „Carl Geyling’s Erben“ in Wien. Auch Josef Bruckmüller (1880–1932) war wie Anton Kling in Deutschland erfolgreich tätig. So leitete er unter anderem von 1908 bis 1919 in der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf eine Klasse für „Auffassungszeichnen, Naturstudien und Aktzeichnen“ speziell für Frauen.

[1] Lux, Joseph August: Das moderne Plakat, in: Die Fläche, 8. Heft, [1903/1904].
[2] Schweiger, Werner J.: Aufbruch und Erfüllung. Gebrauchsgraphik der Wiener Moderne, S. 203.
[3] Die Fläche, 5. Heft, [1903].
[4] Schmuttermeier, Elisabeth – Christian Witt-Dörring (Ed.): Postcards of the Wiener Werkstätte. A Catalogue Raisonné. Selections from the Leonard A. Lauder Collection, Ostfildern 2010.

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