„Ladies First!“ in Graz

Elly Klingatsch, „Materialstudie”, vor 1937, Fotografie, Universalmuseum Joanneum/Multimediale Sammlungen

Selten hieß oder heißt es in der bildenden Kunst „Ladies first!“, und gerade deshalb trägt die Ausstellung der „Neuen Galerie“ in Graz diesen Titel. Aus gutem Grund soll hier Frauen in der Kunst einmal der Vortritt gelassen werden, denn allzu lange wurden deren entsprechende Leistungen vonseiten der Institutionen und Medien wenig beachtet. So erläutert Ko-Kuratorin Gudrun Danzer das Konzept der Grazer Schau: „Die Bestandsaufnahme des Vorhandenen erscheint daher gegenwärtig als der notwendige Weg, um dieser multiplen Verdrängung weiblichen Kunstschaffens aus dem kulturellen Gedächtnis entgegenzuwirken, die auch heute noch unsere Praxis im Museum und beim Kuratieren von Ausstellungen beeinflusst.“ Präsentiert werden rund 380 Werke von 63 „Künstlerinnen in und aus der Steiermark“, so der Untertitel der Schau, aus den hundert Jahren von 1850 bis 1950.

Marie Egner, „In der Pergola”, ca. 1910, Öl auf Papier auf Karton, Belvedere Wien, Foto: Belvedere Wien

Das grundlegende Manko liegt nicht in der weiblichen Kreativität, sondern in der Ignoranz gegenüber den beachtlichen Leistungen der Künstlerinnenschaft. Schon die Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Wiener Belvedere im Jahr 2019 war ein wesentlicher Beitrag, diese falsche Sicht zu thematisieren und die Asymmetrie der Geschlechter auch im Kanon der Kunstgeschichte zu korrigieren. Die „Neue Galerie“ in Graz lädt nun unter diesem Gesichtspunkt auf eine spannende Reise durch die künstlerische Topografie der Steiermark ein. „Die Grundlage für dieses Ausstellungsprojekt, das sich als erste Bestandsaufnahme versteht,“ so Gudrun Danzer, „war die Recherche der Biografien und Werke“. Und es ist tatsächlich beeindruckend, was da an Bildern, Grafiken, Plakaten und Skulpturen zusammengetragen wurde. Besonders wertvoll, weil nachhaltig, ist der zur Ausstellung von Gudrun Danzer herausgegebene Katalog mit genau recherchierten Biografien aller präsentierten Künstlerinnen inklusive einem Werkverzeichnis, das für künftige Ausstellungen eine wertvolle Grundlage sein wird.

Links: Vevean Oviette, „Komposition (Chimäre)“, 1952, Öl auf Leinwand, Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum / Rechts: Susanne Wenger, „Traumgesichte – Der wilde Stier“, 1943/44, Wachsmalstift, Bleistift auf Papier, Susanne Wenger Foundation, Krems

Man findet in der Schau Arbeiten von bekannteren Künstlerinnen, wie etwa Maria Biljan-Bilger, Marie Egner, Friederike Koch-Langentreu, Ida Maly, Vevean Oviette oder Susanne Wenger – aber auch bisher wenig Beachtetes ist zu entdecken. Sensationell ist zum Beispiel die Präsentation der in Österreich vergessenen, jedoch international renommierten Malerin Marianne Stokes (1855–1927). Die in Graz als Marianne Preindlsberger geborene Künstlerin übersiedelte nach ihrer Heirat mit dem englischen Landschaftsmaler Adrian Stokes nach England, wo sie unter dem Einfluss des Präraffaelismus und des Symbolismus Beachtliches leistete. Ihre Werke finden sich heute in bedeutenden internationalen Sammlungen, wie etwa in der Tate Gallery und der National Portrait Gallery in London.

Eine weitere erstaunliche Entdeckung sind die Fotografien von Elly Klingatsch (1897–1987), deren wenige erhaltene Arbeiten von hervorragender Qualität sind, über die jedoch trotz intensiver Bemühungen des Ausstellungsteams wenig herauszufinden war.

Links: Mara Schrötter-Malliczky, Plakat, 1919, Flachdruck auf Papier, MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien, Foto: MAK / Rechts: Stephanie Glax, „Selbstporträt“, ca. 1908, Bleistift und Kreide, Privatsammlung Ljubljana, Foto: Bojan Salaj

Am Konzept der Ausstellung in der „Neuen Galerie“ ist überdies positiv hervorzuheben, dass auch gebrauchsgrafische Arbeiten in die Schau miteinbezogen wurden. Dabei ragen die vor allem international wahrgenommenen Tourismus-Plakate für Abbazia (Opatjia) von Stephanie Glax  (1876–1952)  heraus. Glax verkörperte als Künstlerin, Sportlerin, aber auch indem sie sich als tabubrechende Raucherin darstellte, den Prototypus der zu ihrer Zeit modernen „Neuen Frau“.

Eine weitere Entdeckung ist die 1893 in Prag geborene Mara Schrötter-Malliczky, die ab 1910 an der Landeskunstschule Graz studierte. Ab 1918 war sie vor allem im Bereich der Buchgestaltung tätig. Nach ihrer Heirat mit dem Kunsthistoriker Erich Schrötter gingen beide in den 1920er Jahren in die USA. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1945 kehrte die Künstlerin nach Österreich zurück, wo sie 1973 in Graz verstarb. Ihr 1919 entworfenes Plakat für Zigarettenhülsen dient als Vorlage für die Bewerbung der Ausstellung „Ladies First!“. „Auch dort zeigt sich die Faszination der Zeit für das Orientalische, Exotische“, so Gudrun Danzer: „In der Unentschiedenheit für das Geschlecht der dargestellten Person steht es darüber hinaus für die nun in Zweifel gezogenen, festen Zuschreibungen der Geschlechterrollen.“

Alle Zitate stammen aus dem Katalog:
Danzer, Gudrun (Hrsg.): Ladies First! Künstlerinnen in und aus der Steiermark 1850–1950, Graz 2020.

Weitere Hinweise:
Neue Galerie, Graz

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