Museum Folkwang: „WE WANT YOU!“

Alle Ausstellungsansichten in diesem Beitrag: © Museum Folkwang

Jedes wirkungsvolle Plakat soll auffallen, soll Zustimmung und Sympathie gewinnen, soll Menschen dazu bringen, ein bestimmtes Produkt zu kaufen, eine bestimmte Partei zu wählen, eine bestimmte Veranstaltung zu besuchen – oder sich freiwillig für den Kriegseinsatz zu melden. „I want you for U.S. Army“ lautete der Appell von Uncle Sam auf der Plakat-Ikone von James Montgomery Flagg im Ersten Weltkrieg. „I want you“ – so lautet eigentlich der imaginäre Subtext aller Plakate. „We want you!“ ist folgerichtig der Titel der Ausstellung des Deutschen Plakat Museums im Museum Folkwang in Essen – Untertitel: „Von den Anfängen des Plakats bis heute“. Zu sehen von 8. April bis 28. August 2022.

Und damit wird nicht zu viel versprochen. Die Darstellung beginnt mit einem Maueranschlag aus dem Jahr 1721 und wird mit einer Reihe von frühen Plakaten fortgesetzt: Ankündigungen von Schaustellern, Theaterzettel, die auch affichiert wurden, offizielle Kundmachungen und frühe Beispiele von Geschäftsreklame, wie etwa das handkolorierte Werbeblatt für die Parfümerie von Jean-Marie Farina in Paris aus dem Jahr 1818. In der Ausstellung wird auch das „Making of“ des frühen Plakatierens mit verschiedenen Grafiken aus der Zeit illustriert, die in oft amüsanter Weise das Wesen und Unwesen der ersten „Zettelankleber“ karikieren.

Eine wahre Medienrevolution brachte die Lithografie für die massenhafte Produktion von Farbplakaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sehr bald begann auch die Kunstwelt sich mit diesen neuen Aufgaben zu beschäftigen, was zu einer beträchtlichen ästhetischen Qualitätssteigerung der Werbung führte. Kurator René Grohnert hat dazu einen beeindruckenden Überblick aus der umfangreichen Sammlung des Deutschen Plakat Museums zusammengestellt.

„Das Hauptaugenmerk der Ausstellung“, so Grohnert, „liegt dabei auf Deutschland, aber immer wieder werden auch internationale Plakatentwicklungen vergleichend herangezogen, so dass ein großes Spektrum an gestalterischen Handschriften und Stilen präsentiert werden kann.“ Neben prominenten deutschen Beispielen sind auch Ikonen internationaler Plakatgestaltung zu sehen: von Toulouse-Lautrec über Stephanie Glax und Leonetto Cappiello bis Nikolaus Troxler und Jianping He, um nur einige Namen aus der Liste der vielen Gestalterinnen und Gestalter zu nennen. Die Auswahl der Objekte bietet eine ausgewogene Mischung von Highlights der Plakatkunst und weniger Bekanntem, aber nicht minder Interessantem.

Eine Besonderheit des Ausstellungskonzepts ist der Ansatz, die Plakate nicht als solitäre Kunstwerke zu präsentieren, sondern die Objekte in ihrem medialen Kontext darzustellen: „Neben der Stilgeschichte der Plakate“, so Grohnert, „ist die Art und Weise, wie sie im öffentlichen Raum präsentiert werden, entscheidend für ihre öffentliche Wahrnehmung und Wirkung.“ Am Beispiel von zeittypischen Werbeträgern, wie etwa einer Replik der ersten Litfaßsäule aus dem Berlin des Jahres 1855, einem Kiosk, aber auch modernsten Videostelen und einer futuristischen anmutenden Haltestelle, wird der Einsatz des Plakats im Stadtraum dargestellt.

War das Plakat lange Zeit das Hauptmedium der Reklame, so kam allmählich eine starke Konkurrenz durch andere Werbemittel auf. Dazu meint Grohnert: „Es beginnt mit dem Radio in den 1940-er Jahren, große Einschnitte bringen das Fernsehen in den 1950-er Jahren, die Kommerzialisierung des Internets ab den 1990-er Jahren und die Digitalisierung ab den 2000-er Jahren. Das Plakat wurde oft totgesagt, hat sich aber mittlerweile als wichtiger Partner im Zusammenspiel mit anderen Medien im öffentlichen Raum wieder etablieren können.“

Besonders hervorzuheben ist das imposante Begleitbuch zur Schau, das weit mehr als ein Ausstellungkatalog geworden ist. Auf 258 Seiten werden neben zahlreichen erläuternden Texten über 500 Farbabbildungen gezeigt.

Grohnert, René: WE WANT YOU! Von den Anfängen des Plakats bis heute, Edition Folkwang / Steidl, Göttingen 2022.

Weitere Hinweise:
Museum Folkwang

Beitrag teilen: