Eine Neujahrskarte der Wiener Werkstätte

Arnold Nechansky, Neujahrskarte, 1912

„Wir brauchen einmal eine famose ‚Neujahrs-Ansichtskarte‘. Auf der wäre notwendig: Ein Schwein, ein Rauchfangkehrer, ein Pilzling, eine Schildkröte, ein Marienkäfer, der Stern, ein Hufeisen, ein Kleeblatt, also acht Dinge, die alle Glück bringen.“ Mit diesen Worten wandte sich der kaufmännische Direktor der Wiener Werkstätte, Fritz Waerndorfer, am 21. Oktober 1909 an den in Hamburg lebenden Wiener Künstler Carl Otto Czeschka. Es ist selten, dass man die Entstehung einer Kleingrafik, also einer Form, die gemeinhin zu den Ephemera gezählt wird, so genau nachvollziehen kann, wie in diesem Fall. Möglich ist dies durch die 2019 von Heinz Spielmann herausgegebene Publikation „Carl Otto Czeschka. Ein Wiener Künstler in Hamburg“. Darin findet sich unter anderem eine Edition einer Reihe von Briefen von Fritz Waerndorfer an Carl Otto Czeschka. Im erwähnten Schreiben vom 21. Oktober 1909 an den lieben „Czeckl“ bezieht sich Waerndorfer offenbar auf die Forderung des Künstlers nach Zahlung eines ausstehenden Honorars. Er teilte ihm mit, dass die Wiener Werkstätte erst nach dem ersten November zahlen könne, weil zuvor die Mieten für das Geschäftslokal und die Werkstätte fällig seien.[1] Wenn Czeschka allerdings die Neujahrskarte zeichne, könne er umgehend 200 Mark „Vorschuss“ erhalten. Interessant ist, dass Waerndorfer so genaue inhaltliche Vorgaben für die Karte machte, offensichtlich hatte er entsprechende Erfahrungen, was sich da gut verkaufen ließ. Zusätzlich übermittelte er Czeschka als Arbeitsbehelf eine von Josef Hoffmann, dem künstlerischen Leiter der Wiener Werkstätte, erstellte „Einteilung einer Korrespondenzkarte“. Zum Schluss des Briefes mahnte Waerndorfer noch: „Du Freund, die Ansichtskarte brauchen wir aber bald, denn das Drucken dauert lange, und wir müssen, wenn wir auf unsere Kosten kommen wollen, die Karten immer auch rechtzeitig nach Deutschland offerieren.“ Vier Tage später setzte Waerndorfer in einem weiteren Brief nach: „Geh, mach uns Ansichtskarten für Neujahr. Ich habe sonst nix für Neujahr.“[2]

Carl Otto Czeschka, Neujahrskarten,1909 (=Wiener Werkstätte Karte Nr. 252A und 252B)

Der Kunsthistoriker Christian Witt-Dörring vermerkt in seinem Beitrag zur Publikation „Postcards of the Wiener Werkstätte“: „The postcards of the Wiener Werkstätte, more than any other of its wide range of products, redeem the promise of its ambitious ideology. Basing it on ideas from the British Arts and Crafts movement, the architect Josef Hoffmann, the painter Koloman Moser, and the textile industrialist Fritz Waerndorfer founded the Wiener Werkstätte in 1903 as a cooperative for the products of artisans“.[3] Tatsächlich konnte die Idee, Kunst und Alltag miteinander zu verbinden, mit dem relativ preisgünstigen Medium der Ansichtskarte gut verwirklicht werden, während die meisten anderen Produkte der Wiener Werkstätte dem teuren Luxussegment zuzuordnen waren. Fast 1000 verschiedene, von anerkannten Künstlerinnen und Künstlern gestaltete Karten gelangten im Laufe der Zeit in den Handel. Viele davon waren traditionellen Festen, wie Ostern, Weihnachten oder eben dem Jahreswechsel, gewidmet. Die verbildlichten Neujahrswünsche stammten neben Carl Otto Czeschka unter anderem von Maria Likarz, Agnes Speyer, Franz Karl Delavilla, Fritz Löwensohn oder Arnold Nechansky.

Am 22. November 1909 schrieb Waerndorfer nach Hamburg: „Die Neujahrskarte wird auf Gold gedruckt, ist einfach etwas vom Schönsten. Ich freu mich tamisch auf den Druck. Wir lassen alle Arten drucken, um Deinen Entwurf voll und ganz zu genießen. Die Schildkröte ist ein Schmuckstück.“[4] Tatsächlich sind zwei Varianten der Karte erhalten, eine in Gelb, die andere in Gold.[5]

Vier Jahre später versuchte Fritz Waerndorfer seinen in Hamburg tätigen Freund wieder zur Gestaltung von Ansichtskarten für die Wiener Werkstätte zu motivieren. Auch da ging es ursprünglich wieder um Geld, doch diesmal waren es die Schulden, die Czeschka aufgrund seiner Käufe bei den Wiener Werkstätten hatte. „Ich könnte jetzt etwas brauchen, worüber Du toben wirst, es nutzt mir aber nichts. Ich brauche es doch unbedingt, nämlich drei Ansichtskarten von Dir, schöne, recht farbige, figurale oder ornamentale oder Beides, evtl. auch so was Schönes wie Blumen in einem Topf und Schmetterling oder die Gnädige mit dem Reh. Sonst geht es mir gut.“

100 Kronen pro Entwurf bot er dem Grafiker und versuchte ihn zusätzlich damit zu motivieren, dass alle Karten von der Druckerei Rosenbaum auf einer neuen englischen Maschine gedruckt wurden. Originalton Waerndorfer: „Es wird Alles photographisch reproduziert, und der Hund von einem Lithographen, der einem immer Alles verpatzt hat, ist bei der englischen Maschine vollkommen ausgeschaltet.“[6] Er fügte hinzu, dass es unglaublich sei, welches Ansehen Rosenbaum in Österreich genieße, „weil er ein bissel W.W. bei sich eingeführt hat.“

Obwohl Fritz Waerndorfer noch einmal höflichst urgierte: „Edler Meister, wann bekomme ich die Ansichtskarten, die ich schon so dringend zur Aufpulverung unserer bereits an Nummer 1000 grenzenden Kollektion benötigte?“, ließ sich Czeschka nicht dazu überreden, eine weitere Grafik zu liefern. Im Falle dieses Künstlers, der ein nahezu unüberschaubares Spektrum an Entwürfen zur Angewandten Kunst schuf, blieb es bei einer einzigen WW-Karte, nämlich bei jener für Neujahr 1910.

[1] Spielmann, Heinz: Carl Otto Czeschka. Ein Wiener Künstler in Hamburg. Mit unveröffentlichten Briefen sowie Beiträgen von Hella Häussler und Rüdiger Joppien, Göttingen 2019 (=Künstler in Hamburg. Hrsg. von Ekkehard Nümann, 1. Band)., S. 131f.
[2] Ebenda, S. 133.
[3] Schmuttermeier, Elisabeth – Christian Witt-Döring (Ed.): Postcards of the Wiener Werkstätte. A Catalogue Raisonné. Selections from the Leonard A. Lauder Collection, Ostfildern 2010, S. 17.
[4] Anm. 1, S. 135.
[5] „Carl Otto Czeschka, 1909, New Year’s Card. Signed COC; A. Yellow-white-black; oversize; two minimally different editions; green verso. B. Golden bronze-black; card reduced in size by the Wiener Werkstätte; green verso“, Katalogeintrag, in: Anm. 3, S. 295.
[6] Anm. 1, S. 211.

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