Ludwig Hirschfeld: Wählerversammlungen

Karikatur zu den Nationalratswahlen, Illustrierte Kronen-Zeitung, 15. Oktober 1920

Wahlkampf vor 100 Jahren: Am 17. Oktober 1920 fanden in Österreich – mit Ausnahme Kärntens und des Burgenlandes – die ersten Nationalratswahlen statt, nachdem es im Jahr zuvor Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung gegeben hatte. Die Sozialdemokraten hatten 1919 die relative Mehrheit errungen und trugen damit die hauptsächliche Verantwortung in jener schweren Zeit, die von großer Not und außenpolitischen Misserfolgen geprägt war. 1920 wurden die Christlichsozialen nach ihrem rüden und von einem extremen Antisemitismus durchsetzten Wahlkampf zur stärksten Partei, die Sozialdemokraten gingen nunmehr in Opposition.
Am Tag vor dem Urnengang des Jahres 1920 erschien in der Wiener Tageszeitung „Neue Freie Presse“ ein Stimmungsbild zum Wahlkampf. Verfasst hatte es der 1882 geborene und im Konzentrationslager Auschwitz ermordete Ludwig Hirschfeld. Der Autor, der zu den renommiertesten Wiener Publizisten der Zwischenkriegszeit gehörte, thematisierte in seinen Feuilletons immer wieder auch das Alltagsleben in satirischer Weise.

Eigentlich hat es ziemlich lang gedauert, bis diese Stadt in Wahlstimmung gekommen ist. Der Wiener ist im Grunde unpolitischer Natur und mehr als alle Kandidatenreden und -versprechungen interessieren ihn tatsächlich eingehaltene Mehl- und Zuckerzuweisungen oder die Verbesserung des Brotes. Die wahren Wählerversammlungen sind nicht jene, die parteimäßig veranstaltet werden; sie finden dort statt, wo sich das wirkliche Volk mit seinen täglichen Sorgen von selbst einfindet: in der Markthalle, im Lebensmittelgeschäft, im Bäckerladen, wo die Leute ihrer wirklichen politischen Überzeugung Ausdruck geben durch Seufzen, Rechnen und Verzweifeln. Wenn hier abgestimmt und gewählt würde, wer weiß, was für überraschende Wahlresultate da zum Vorschein kämen. Diese von Magen- und Geldsorgen bedrückte Stadt muß erst durch Agitation in die richtige Wahlstimmung gebracht werden. Durch die grelle Bildergalerie der Wahlplakate, durch die Aufrufe, Flugschriften, gegenseitige Anklagen und Schmähungen, durch Wählerversammlungen, in denen ein Redner nach dem andern sozusagen das Schimpfwort ergreift. … Und wenn dann die Sessel geschwungen, die Biergläser geworfen werden, die Fensterscheiben und Spiegel klirren, wenn die Sicherheitswache einschreitet und die Rettungsgesellschaft Notverbände anlegt, dann kann man erst sagen: Wien ist zum politischen Leben erwacht.

Immer wird natürlich nicht gerauft. Mit Faust- und Stockargumenten wir nur dort gearbeitet, wo besonders erbitterte Gegner zusammentreffen oder wo die eine Partei um einen jetzt schon verlorenen Posten kämpft und aus dem Gefühl ihrer politischen Schwäche heraus physisch brutal wird. Es gibt jetzt in Wien nur zwei Arten von Wählerversammlungen: wildbewegte und gesprengte, wo auch Leute anderer Gesinnung anwesend sind, die mundtot gemacht und hinausgeworfen werden, und programmmäßig ruhig verlaufende, wo man physisch unter sich ist. Die programmmäßige Wählerversammlung ist natürlich, wie jede Debatte, wo nur eine Meinung gilt, nicht übermäßig interessant. Sie gleicht einem Theaterstück ohne Spannung, bei dem man schon am Anfang weiß, wie alles ausgehen wird: deshalb, liebe Genossinnen und Genossen, ist es eure Pflicht, am 17. Oktober zu zeigen … Namentlich die sozialdemokratischen Versammlungen verlaufen nach einem gewissen Schema. In dem schlecht ventilierten großen Wirtshaussaale, in dem es noch nach dem Bier von gestern riecht, finden sich zwischen 6 und 7 Uhr die Besucher ein: Arbeiter und Arbeiterinnen der umliegenden Betriebe, kleine Beamte, Studenten, einige Straßenbahner und Wehrmänner. Nur der vor zwei Jahren aus Mißvergnügtheit unüberlegt sozialdemokratisch gewordene Kleinbürger ist jetzt viel seltener anzutreffen. Der Vorsitzende eröffnet die Versammlung mit mechanischen Einleitungsworten und spricht nach einem orientierenden Rundblick die Erwartung aus, daß sich unter den Anwesenden Gegner befinden, denen selbstverständlich Gelegenheit gegeben werden soll, ihre Meinung zu äußern. Worauf ihn sofort Zwischenrufe unterbrechen: „Aussi mit ihnen, wir brauchen keine Bourschoa“, womit die Frage der freien Meinungsäußerung zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt ist. Das Wort ergreift nun eine kleine Parteibezirksgröße, um es nicht so bald wieder auszulassen. Der Redner hat nämlich die undankbare Aufgabe, so lange zu sprechen, bis der eigentliche Redner des Abends erscheint, entweder der Kandidat selbst oder eine wirkliche Parteigröße, ein aktiver oder gewesener sozialdemokratischer Staatssekretär, der eben eine Rundreise durch verschiedene Bezirke macht. Bis er eintrifft, muß der Redner durchhalten, deshalb holt er auch weit aus, beim Weltkrieg und seinen Schuldtragenden und ähnlichen dringenden aktuellen Sorgen, hält den anderen Parteien ihr Sündenregister vor, zählt die Leistungen der eigenen Partei auf, und wenn der Kandidat nicht bald käme, würde der Redner sich vermutlich zu der Behauptung versteigen, daß die Sozialdemokraten aus dieser Stadt eine Insel der Seligen gemacht haben. Aber da ist schon der Ersehnte. Wie ein Star, von stürmischem Beifall begrüßt, erscheint er mit der zerstreuten Sicherheit des oft Auftretenden im Saale. Der kleine Redner macht sofort Schluß, der Vorsitzende erwacht und sagt: „Ich erteile das Wort dem Genossen Staatssekretär X“. Und nun erscheint der große Mann auf der Tribüne. Zuerst spricht er leise und zurückhaltend, wie ein berühmter Sänger, der sich seine Stimme für den Effekt des hohen C aufbewahrt. Er spricht sanft und behaglich, dabei lehrhaft und leichtfaßlich, wie man zu kleinen Kindern spricht, immer bemüht, den Leuten die sozialistischen Dogmen mundgerecht zu machen. Allmählich wird er schärfer, aggressiver und wirft unfehlbare Stichworte in den Saal: Kapitalismus, Vermögensabgabe, Betriebsrätegesetz, Mieterschutz. In scherzhafter Weise fragt er: „Hier ist gwiß kein Hausbesitzer anwesend?“, worauf ihm ein urwüchsiger Zwischenrufer antwortet: „A Vogelhäusl hab’n m’r z’Haus.“ Man kann nicht sagen, daß er die anderen Parteien beschimpft, daß er droht und hetzt. Nein, er bringt alles sehr freundlich und nett vor und malt den Zuhörern gemütlich aus, wie es ihnen ergehen wird, wenn die Gegner siegen, wie man ihnen ein Recht nach dem anderen nehmen wird und wie sie sich das alles gefallen lassen werden. Er macht das alles sehr geschickt und die Wirkung stellt sich prompt ein in Form von erbitterten Rufen, die sich zwischen „Gauner“ und „Aufhängen“ bewegen. Dann schlüpft der Redner in einen sichtlich noch nicht gewendeten Winterrock und fährt weiter in einen anderen Bezirk. Die Zuhörer blicken seinem Wagen teils ehrerbietig, teils neidig nach und einer sagt: „Dös hab’n m’r eh scho alles g’wußt.“

Urwüchsiger, frischer geht es in der christlichsozialen Versammlung zu. Sie wird in einem guten Vorstadtgasthaus abgehalten, vor Hausherren und Kleinbürgern vom Grund, vor pensionierten Beamten und ehemaligen Offizieren, vor Geistlichen und sehr viel Frauen. Die Redner stellen keine Probleme auf, erörtern keine Dogmen, sie greifen hinein ins volle Wiener Menschenleben und wo sie es packen, glauben sie einen Kriegsgewinner, einen Schieber, einen Juden zu erwischen. Das altbewährte antisemitische Schlagwort kommt hier wieder zu neuen Ehren, aber es hat nicht mehr dieselbe Zugkraft wie früher. Auch mit den Schlagworten Sittlichkeit, Familie, Ehe wird hier eifrig gearbeitet, besonders aber mit dem alten Österreich, mit dem alten Wien, seinem billigen Wein, seinen guten Semmeln. Nach den Darstellungen der Redner zu urteilen, muß dies alles sofort wiederkehren, wenn die christlichsoziale Liste gewählt wird, und in Erwartung dieser besseren Zeiten lassen sich die Anwesenden sofort noch ein Krügel, noch einen Gespritzten servieren, so daß die Versammlung jedenfalls für den betreffenden Wirt einen vollen politischen Erfolg bedeutet.

Je mehr Wählerversammlungen man besucht, in je mehr Lagern man sich umsieht, es ist eigentlich doch immer dasselbe. Überall wird in einer anderen Tonart und mit anderen Worten das gleiche bewiesen, daß nur das eigene Programm die Rettung des Landes bedeutet und das Programm der anderen den Untergang, daß nur jene, die am 17. Oktober die eigene Liste wählen, vernünftige, brave Leute sind und alle übrigen Ignoranten und Bösewichte. Überall gelangt man zu der Überzeugung, die man schon vorher hatte, überall wird das als Resolution beschlossen, wozu man schon vorher fest entschlossen war. Unter den Hunderten Wählerversammlungen, die in diesen Tagen in Wien abgehalten werden, ist keine einzige zu finden, in der politische Gegner beisammensitzen, um miteinander zu debattieren, nicht in Form von Sessel und Bierkrügeln, sondern mit sachlichen Argumenten, mit ehrlich und erstgemeinten Worten, die den anderen überzeugen und bekehren wollen. In den meisten dieser Versammlungen finden sich immer dieselben Besucher ein. Und gerade die wertvollsten und besten Menschen der Stadt, die geistigen, künstlerischen und wirtschaftlichen Faktoren, die sind kaum anzutreffen, die halten sich fern, weil es nicht nach jedermanns Geschmack ist, bei der Ausübung seiner politischen Rechte durch Bierkrügel und Schimpfworte gestört zu werden. Aber es gibt auch inoffizielle Wählerversammlungen von wenigen Menschen, zu Hause und auf der Straße, im Bureau und in Gesellschaft, und vielleicht werden gerade sie die Entscheidung, die große Überraschung dieses Sonntags bringen.

L. Hfd. [= Ludwig Hirschfeld]: Wählerversammlungen. Eindrücke aus verschiedenen Lagern, in: Neue Freie Presse, 16. Oktober 1920, S. 1f.

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