Anton Kuh: Teut im Wahlkampf

Anton Kuh

„Der Anschluß . . .“

beginnt, mächtig fett gedruckt, auf Seite 1 des großdeutschen Organs ein Wahlaufruf. So – also wieder der Anschluß, trotz Genf und Seipel ? Aber, gemach – es ist bloß ein Aufsitzer. Denn nicht vom Anschluß an Deutschland ist im folgenden die Rede, sondern vom Anschluß „an unsere Wähler“, und das Wort erfüllt hier keinen Parolen-, sondern bloß einen Reklame-Zweck. Es könnte sich ebensogut um eine neue Siphon-Marke oder ein Haarfärbemittel handeln, gilt aber zufällig der Wahlkampagne.

Weit gebracht! Drei Jahre praktischer Parteipolitik und aus der Anschluß-Reklame wird ein Reklame-Anschluß. Aber die Großdeutschen sind wenigstens konsequent. Das Wort selbst – mag es auch statt auf einer Fahne, auf einer Firmenetikette prangen – geben sie nicht auf.

Marschall Rückwärts

Wer bildet, sooft es ein Zeit- und Ideengefecht gibt oder aus einem Gelände der Wirklichkeitsstaub hochwirbelt, den liedersingenden, pünktlich zu spät kommenden Nachtrab ? Der Deutschvölkler.

Da war jetzt ein hitziger Wettbewerb zwischen den Sozialdemokraten und Christlichsozialen in Sachen „Mieterschutz“ und „Wohnungsbau“. Die Konkurrenzwogen gingen hoch. „Wir erbauen euch 25.000 Wohnungen – die Christlichsozialen wollen euch den Zins erhöhen!“ rief das sozialdemokratische Plakat. „Glaubt ihnen nicht – wir sind die Wohnungsschützer!“ erwiderte das christlichsoziale Echo. Die Großdeutschen schienen der Konkurrenz fernzubleiben.

Da, am vorletzten Tag, fiel ihnen ein, daß auch sie ihren Kren dazu geben, das heißt: auch etwas bieten müßten. Was taten sie? Sie malten Plakate, auf denen ein Haus zu sehen ist, mit lauter krummnasig und frohgemut aus den Fenstern blickenden, semitischen Gesichtern. Die Bildersprache bedeutet: Mieterschutz hin – Mieterschutz her – in den Wiener Häusern wohnen lauter Juden; darum auf, wählet Großdeutsch!

Die großdeutsche Ehre ist gerettet. Ihr versprecht den Mietern dies, ihr dies – wir aber in der Mitte rufen : Jud!

Plakat der Großdeutschen Volkspartei für die österreichischen Nationalratswahlen im Jahr 1923

Plakat der Großdeutschen Volkspartei für die österreichischen
Nationalratswahlen im Jahr 1923

„Bist du ein Deutscher ?“

– so fragt ein vom heiligen Feuer geschürter, phrasenlicht-umflossener Quintaner auf den Plakaten und man möchte ihm, gerade weil er so symbolisch-missionsbewußt mit den Augen kegelt, zurufen: „Schmecks!“

„Der Anschluß . . .“

beginnt, mächtig fett gedruckt, auf Seite 1 des großdeutschen Organs ein Wahlaufruf. So – also wieder der Anschluß, trotz Genf und Seipel ? Aber, gemach – es ist bloß ein Aufsitzer. Denn nicht vom Anschluß an Deutschland ist im folgenden die Rede, sondern vom Anschluß „an unsere Wähler“, und das Wort erfüllt hier keinen Parolen-, sondern bloß einen Reklame-Zweck. Es könnte sich ebensogut um eine neue Siphon-Marke oder ein Haarfärbemittel handeln, gilt aber zufällig der Wahlkampagne.

Weit gebracht! Drei Jahre praktischer Parteipolitik und aus der Anschluß-Reklame wird ein Reklame-Anschluß. Aber die Großdeutschen sind wenigstens konsequent. Das Wort selbst – mag es auch statt auf einer Fahne, auf einer Firmenetikette prangen – geben sie nicht auf.

Marschall Rückwärts

Wer bildet, sooft es ein Zeit- und Ideengefecht gibt oder aus einem Gelände der Wirklichkeitsstaub hochwirbelt, den liedersingenden, pünktlich zu spät kommenden Nachtrab ? Der Deutschvölkler.

Da war jetzt ein hitziger Wettbewerb zwischen den Sozialdemokraten und Christlichsozialen in Sachen „Mieterschutz“ und „Wohnungsbau“. Die Konkurrenzwogen gingen hoch. „Wir erbauen euch 25.000 Wohnungen – die Christlichsozialen wollen euch den Zins erhöhen!“ rief das sozialdemokratische Plakat. „Glaubt ihnen nicht – wir sind die Wohnungsschützer!“ erwiderte das christlichsoziale Echo. Die Großdeutschen schienen der Konkurrenz fernzubleiben.

Wir kennen diesen Kopf, dieses millionste Abzugbild eines deutschen Kitsch-Typus, worin sich Verklärtheit mit Plattheit eint. Das ist gemalte Wichtigtuerei, Bauchaufschwung und Bizepsrollen eines plebejischen Schwächlingtums, das in den Spiegel hinein großartige Kraftgebärden macht. Man fragt sich bei den jeweiligen Varianten dieses Gesichts, das mit seinen flammend hinaustretenden Augen unverkennbar die Zeichen der Basedowschen Krankheit zeigt: Woher die Wut ? Was zwickt euch so, daß ihr mit den Blicken giftfunkelt.

Und gewahrt am Ende, getröstet, beim letzten Wahlbild zumal, daß der Jüngling, der die deutsche Gewissensfrage an uns richtet, doch ein liebwertes, landsmännisches Merkmal zeigt: die böhmische Nas’.

Die Stunde, 21.10.1923, S. 3

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