Karl-Heinz Drescher und das Berliner Ensemble

Buchcover, Design: Markus Lange (Alle Bilder: Slanted Publishers)

Viele Namen haben sich im Laufe der Jahre untrennbar mit dem Berliner Ensemble verbunden. Bertolt Brecht, Helene Weigel und Heiner Müller gehören dazu, um nur einige zu nennen. Aber auch Namen wie John Heartfield, Karl von Appen und nicht zuletzt Karl-Heinz Drescher sind unbedingt zu nennen.

Als Karl-Heinz Drescher im Jahre 1962 beim Berliner Ensemble als Theatergrafiker anfing, war sicherlich nicht absehbar, dass er insgesamt fast vierzig Jahre für das BE arbeiten würde. Auch die meisten seiner rund 400 Plakate sind hier entstanden und prägten das visuelle Erscheinungsbild des Berliner Ensembles nachhaltig. Drescher gehörte damit auch zu denjenigen, die sich in einer Nische ihr Reich errichten konnten – er allerdings nutzte diese Nische nicht nur als Rückzugsort, sondern auch als sicheren Ausgangspunkt für seine näheren und weiteren Erkundungen und auch als Gradmesser seiner Versuchungen.

Auch wenn es bereits einige umfassende Publikationen zu diesem Thema gibt, so ist doch das vorliegende Buch eine wichtige Bereicherung. Es beleuchtet einen wesentlichen Teil der Plakatarbeit von Drescher – den Umgang mit Typografie – auf intensive Weise.

Die lnitialzündung – wie er es nannte – war ein Auftrag von Bühnenbildner von Appen, der Anschlagzettel für eine Aufführung benötigte, die im Stil der öffentlichen Kundmachungen in Paris im Jahre 1789 hergestellt werden sollten. Über diese Aufgabe gewann er ein intensives Interesse am Schriftplakat. Besonders bemerkenswert erscheint dabei, dass er die ursprünglichste Form des Plakatdrucks – die mit Holzbuchstaben – wieder zu kultivíerten versuchte. Folge dieser Gestaltung war eine gewisse Strenge und Eigenart, die wie aus der Zeit gefallen zu sein schien. Während die Entwicklung des Plakats ganz allgemein eher in Richtung Assoziation ging, d.h. man las die Plakate nicht, sondern erfasste lediglich deren prägnante Botschaft, perfektionierte Drescher den Anspruch des Plakats als informations- und weniger als Emotionsquelle. Dies machte seine Plakate im Reigen der sie umgebenen zumeist bunten und illustrierten Arbeiten auf zurückhaltende Weise auffällig. Damit stehen seine Arbeiten in gewisser Weise solitär da.

Denn zum einen wurde diese Buchstabenstrenge zum Markenzeichen des BE zum anderen vermittelten sie den Anspruch, gelesen zu werden, da auch das wofür hier geworben wird – das Theater – volle Aufmerksamkeit verdient.

Schaut man auf die Geschichte des Plakats, so bedient sich Karl-Heinz Drescher der Formensprache verschiedener Zeiten und Auffassungen. Da sind zunächst die Anschläge des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese entstanden durchweg im Buchdruck, d.h. die Einzelbuchstaben aus Blei, die größeren auch aus Holz, wurden zu Worten und Sätzen zusammengefügt und in einer Form fest zusammengehalten. Aber auch jeglicher Zierrat wie Linien oder Balken und auch die selteneren bildlichen Wiedergaben mussten als Druckstock hergestellt werden. Damit bestimmte die Ausstattung der jeweiligen Druckerei mit verschiedenen Schriftsätzen letztlich über das Aussehen der Druck-Erzeugnisse. Aus dieser handwerklich orientierten Zusammenstellung der Schrift entstand wiederum ein recht einheitlicher Charakter. Zumal man zumeist in Schwarz, bestenfalls auf Gefärbtem druckte. Gewünschte Kolorierungen mussten händisch vorgenommen werden und blieben besonderen Gelegenheiten vorbehalten. Mit der Einführung der Farblithografie bei der Plakatherstellung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor der Text im Plakat zugunsten des nun farbigen Bildes an Bedeutung. Erst in den 1920er Jahren setzte mit der Neuen Typografie auch eine neue Aufmerksamkeit auf die Schrift als Gestaltungs- – und neu – auch als Strukturierungsmittel ein. Die aus der mittelalterlichen Malerei bekannte Bedeutungsperspektive (das Wichtige ist groß, das Unwichtige klein dargestellt, unabhängig von natürlichen Größenverhältnissen) scheint ihre Wiederkehr in der Typografie zu feiern. Die Einfachheit der Typografie in den Propagandaplakaten der russischen Avantgarde, den Rosta Fenstern, dürfte seine Faszination auch auf Drescher nicht verfehlt haben.

Seine Plakate in diese Traditionslinie zu stellen, ist sicherlich angemessen, hinzu kommt noch die über Jahrzehnte beharrliche Verfolgung seiner eigenen Vorstellung von Qualität, unabhängig von den Moden der Zeit. Sein nahezu obsessives Suchen nach Varianten und Variationen des Einsatzes von Typografie bestimmten den Schwerpunkt seiner Orientierung. Dabei waren es ebenso historische Vorbilder wie aktuelle Beispiele, die er aufsog, um daraus Anregungen für Eigenes und Neues zu finden. In diesem Prozess entwickelte er auch ein starkes Interesse an den Holz-, Blei- und Messinglettern als Gegenstände des Druckens. »Kollateralnutzen« hatte diese Art der Gestaltung auch, zum einen entging man der ewigen Diskussion um die Frage nach der Kunstdoktrin der Zeit, dem sogenannten Sozialistischen Realismus etwas, zum anderen war man dem Auf und Ab der drucktechnischen (Mangel-)Möglichkeiten weniger ausgesetzt. Oft wurde nur mit einer Farbe, manchmal mit zwei, selten mit mehr Farben auf weißem oder seltener auch auf farbigem Papier gedruckt.

Wie für alle Gestalter seiner Generation zog mit der Etablierung des Computers Anfang bis Mitte der 1990er Jahre, eine völlig neue Produktionsperspektive ein. Aber nicht nur hier wandelten sich die Dinge dramatisch, auch das Berliner Ensemble wurde nach der Deutschen Wiedervereinigung zum Gegenstand der Neuorientierung und Umstrukturierung. ln diesem neuen Berliner Ensemble gab es keinen Platz mehr für einen angestellten Theatergrafiker – und so endete sein Engagement abrupt im Jahre 1999. Was wird bleiben? Die Plakate werden bleiben, die uns eine Vorstellung davon vermitteln, wie sich das Berliner Ensemble in der Öffentlichkeit wahrgenommen sehen wollte und sie vermitteln uns einen Eindruck davon, wie ein Gestalter über so viele Jahre seinen eigenen Weg im Interesse des Theaters verfolgte und wie wirksam dabei die Schrift sein kann.

Erstveröffentlichung als Vorwort zu dem Buch:
Lange, Markus: K.H. Drescher – Berlin Typo Posters, Texts and Interviews. Eine Publikation über den Gestalter / A Publication About the Designer – Karl-Heinz Drescher (1937–2011), Slanted Publishers, Karlsruhe 2020.

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